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Augsburger Geschichte

21.03.2018

Ballone und Luftschiffe aus Augsburg

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3 Bilder
Ballon- und Luftschiffhüllen entstanden in der 1908 errichteten Fertigungshalle Ottostraße 2. Das Gebäude ist jetzt eine Asylbewerberunterkunft.
Bild: Sammlung Häußler

1918 fertigte die Ballonfabrik 70 Drachenballone pro Monat. Die Haut für 64 Luftschiffe wurde an der Ottostraße genäht. Heute leben Asylbewerber in dem Gebäude.

Am Rand des MAN-Areals an der Ecke Heinrich-von-Buz-Straße/Ottostraße steht die „Parsevalhalle“. So nennt sich das künftige Studentenwohnheim, zu dem das historische Gebäude umgebaut wird. Errichtet wurde es im Jahre 1890 als Museum für die kunsthistorischen Sammlungen des Industriellen August Riedinger. Doch der Kunstliebhaber benötigte seinen Museumsbau bereits 1894 für andere Zwecke: Daraus wurde eine Produktionshalle für Ballone und Luftschiffhüllen.

Riedinger besaß Bronzewarenfabrik

Eine Metalltafel erinnerte jahrzehntelang daran: „In dieser Halle bauten August von Parseval und August Riedinger 1894-1905 den ersten Drachenballon sowie das erste halbstarre Luftschiff Parseval“. Das Gebäude war der erste Firmensitz der am 1. April 1897 gegründeten „Ballonfabrik Riedinger“. August Riedinger war Besitzer einer Bronzewarenfabrik, die an die Halle grenzte. Von seinem Firmengelände hob der luftfahrtbegeisterte Unternehmer erstmals 1889 mit seinem 1500-Kubikmeter-Ballon ab. Er bestand aus gelber Seide.

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August Riedinger wollte mehr als nur im Ballonkorb übers Land zu schweben. Er hatte hochfliegende Pläne. Zu dieser Zeit flog noch kein Motorflugzeug, es gab noch nicht einmal diese Bezeichnung. „Dynamische Flugmaschine“ nannte August Riedinger das Fluggerät, dessen Entwicklung er 1890 begann. Er ließ eine Konstruktion aus zwei hintereinander angeordneten Tragflächen bauen, deren Größe er allmählich steigerte. Das größte Versuchsobjekt besaß sechs Meter Spannweite. Es wurde durch zwei Luftschrauben angetrieben. Als „Motor“ diente komprimierter Wasserstoff. Mangelnde Flugstabilität, Steuerungsprobleme sowie das Fehlen eines leichten, leistungsstarken Motors führten dazu, die kostspielige Entwicklung der Vorform eines Flugzeugs zu beenden.

Ballon war ans Seil „gefesselt“

Das Entwicklungsteam wurde dank Riedingers Luftfahrt-Enthusiasmus jedoch nicht arbeitslos: Es konstruierte einen eigenartigen Ballon. Die Idee dafür entstand aufgrund von Windmessungen bei den Flugversuchen der „dynamischen Flugmaschine“. Dabei hatte sich ein zylindrischer Fesselballon bewährt. August Riedinger ließ ihn weiterentwickeln. Er bekam die Bezeichnung „Drachenballon“. Im Jahr 1893 bekam die Luftschifferabteilung des preußischen Heeres „Drachenballone“ zur Erprobung. 1896 erhielten sie die Beurteilung „militärdiensttauglich“. Es folgten sofort Bestellungen. 1897 begann die Serienfertigung. „Drachenballone“ besaßen einen wulstigen aufgeblasenen Schwanz. Dieser hielt die mit Gas gefüllte „Wurst“ stabil im Wind. Der Ballon war ans Seil „gefesselt“ und konnte bis 2000 Meter hochgelassen werden. Große Typen mit 600 bis 1200 Kubikmeter Volumen trugen einen Korb für Artilleriebeobachter. Auf See diente ein Schiff als Basis. Kleine „Drachenballone“ wurden zu Signalzwecken und zur drahtlosen Telegrafie eingesetzt. Der Fesselballon „Made in Augsburg“ entwickelte sich zum Exportschlager: Bis 1913 orderten Militärs aus 18 Staaten „Drachenballone“.

August Riedinger hatte nach dem Erfolg mit dem „gefesselten“ Ballon als Weiterentwicklung ein lenkbares, motorisiertes Luftschiff im Sinn. 1902 ließ er den Prototyp des „Parseval-Luftschiffes“ fertigen – benannt nach dem Entwickler August von Parseval. „Parseval I“ war 48 Meter lang und hatte die Form einer Zigarre. „Parseval“ besaß im Inneren kein Tragegerüst wie Zeppelin-Luftschiffe. Die Hülle des ersten Luftschiffs aus dreilagigem Gewebe fasste 2300 Kubikmeter Gas, die daran hängende offene Gondel war für sechs Personen ausgelegt. Hülle und Gondel blieben vier Jahre lang in der Halle, denn August Riedinger konnte dafür 1902 keinen brauchbaren Motor bekommen.

Der Jungfernflug dauerte 45 Minuten

Der Luftfahrtpionier besaß jedoch Geduld. Er wartete, bis ein für Graf Zeppelin entwickelter 86-PS-Motor in Leichtbauweise zur Verfügung stand. Er trieb die stoffbespannte Luftschraube des ersten „Parseval“-Luftschiffes an. Der Jungfernflug am 2. Mai 1906 in Berlin dauerte 45 Minuten. Bis 1916 wurden 25 Luftschiffe nach dem Parseval-Prinzip gebaut. In Augsburg wurden jedoch nicht nur für die Eigenkonstruktion die Hüllen genäht, die Ballonfabrik lieferte Stoffhüllen und Gasbehälter für 64 große Luftschiffe anderer Hersteller.

August Riedinger ließ 1908 neben der „Parseval-Halle“ ein auf die Fertigung von Großballonen und Luftschiffhüllen zugeschnittenes Gebäude errichten – 75 Meter lang, zweistöckig und mit vielen Fenstern. Das Haus Ottostraße 2 gibt es noch. Es dient seit 2013 als Asylbewerberunterkunft. Die ursprünglich über die gesamte Gebäudelänge durchgängigen Hallen sind unterteilt. Wie es dort ursprünglich aussah und wie darin gearbeitet wurde, überliefern Fotos: Frauen nähten mit der Hand und mit Nähmaschinen aus gasdichtem Spezialgewebe die Tragehüllen von Kugel- und Drachenballonen sowie für Luftschiffe.

Weiteres Highlight für die Luftfahrtstadt

Während des Ersten Weltkriegs stiegen die Bestellungen des Militärs derart, dass die Umsiedlung der Ballonfabrik auf einen Geländespitz im Zusammenfluss von Wertach und Senkelbach unumgänglich wurde. 1918 waren fast 800 Arbeitskräfte beschäftigt, um bis zu 70 Fesselballone pro Monat zu produzieren. Bis zum Kriegsende verließen über 4000 Drachenballone die Ballonfabrik. Dazu kamen aufblasbare Flugzeug-Attrappen und ab 1917 Fallschirme. Nach Ende des Ersten Weltkriegs war bis 1922 in Deutschland die Herstellung von Luftgefährten jeglicher Art verboten. Als 1931 der Physiker Auguste Piccard mit einem von der Ballonfabrik Riedinger hergestellten Riesenballon in die Stratosphäre aufstieg, war dies ein weiteres Highlight in der Geschichte der Luftfahrtstadt Augsburg.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie im Online-Angebot unserer Zeitung unter www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

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