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Augsburg

27.05.2015

Bankrotte Firmenchefin verjubelte in einem Jahr eine Million Euro

Mit über einer Million Euro wollte sich eine bankrotte Firmenchefin nach England absetzen. Symbolbild
Bild: Sven Hoppe, dpa /Archiv

Eine 56-Jährige machte sich mit einem Koffer voll Geld nach England davon. Sie gab es angeblich für Klamotten und Liebhaber aus. Das Gericht glaubte ihr nicht so recht.

Im Januar 2010 geht eine alteingesessene Augsburger Baufirma mit 50 Beschäftigten in Insolvenz. Bis heute warten viele Gläubiger, darunter etliche Handwerksbetriebe, auf ihr Geld – insgesamt mehr als eine Million Euro. Im Oktober des selben Jahres macht sich Firmenchefin Sandra W.*, auch persönlich haftende Gesellschafterin, auf den Weg nach England. Ziel der 56-Jährigen ist das Seebad Brighton. Auf dem Rücksitz ihres geleasten Fiat Panda liegt ein Koffer, gesichert mit einem Zahlenschloss. Sein Inhalt: eine Million Euro in bar.

Wo ist das Geld geblieben? Seit 2013 haben Kripo, Staatsanwälte, Gerichte und Insolvenzverwalter versucht, das herauszufinden. Mit mäßigem Erfolg. Sandra W. behauptet, die Million mit mehreren Liebhabern und beim Kauf teurer Klamotten verjubelt zu haben – in nur 15 Monaten. Eine Version, die ihr jetzt im Prozess vor dem Landgericht nicht zu widerlegen war. Sandra W. ist in zweiter Instanz verurteilt worden, und zwar wegen vorsätzlichen Bankrotts. „Ich war in einer Lebenskrise“, begründete die Angeklagte, weshalb sie sich für mehr als ein Jahr mit der Million nach England abgesetzt hatte. Ihre Berufung gegen ein Urteil des Amtsgerichts war dennoch nicht vergeblich. Die heute 59-Jährige muss nicht ins Gefängnis. Wie von ihrem Verteidiger Christoph Kühn beantragt, ist die bankrotte Firmenchefin zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt worden. Seine Mandantin muss außerdem eine Geldbuße von 10 000 Euro zahlen.

50.000 bis 80.000 Euro pro Monat ausgegeben

Die 10. Strafkammer hatte für die Neuauflage des Prozesses auf Zeugen verzichtet. Nur noch die Höhe der Strafe war strittig. So wollten Ankläger Andreas Breitschaft und das Gericht vor allem eines wissen: Was ist aus dem Vermögen geworden? Sandra W. will, wie sie sagte, die 1,1 Million „mit jungen Männern“ durchgebracht haben. Das wollte Richter Wolfgang Natale schon ein wenig genauer wissen, denn das klinge „ein bisschen wie eine Räuberpistole“. Auf seine Nachfrage verriet die Angeklagte: „Es waren immer sehr kurze Beziehungen: zwei, drei Wochen.“ Eine Auskunft, die den Richter veranlasste, laut nachzurechnen: „Dann müssen Sie ja monatlich zwischen 50 000 und 80 000 Euro auf den Kopf gehauen haben.“ Es kam kein Widerspruch.

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Die Unternehmerin war nicht allein wegen des milden Winters nach England gezogen, wie sie im Prozess zugab. Eine Augsburger Anwaltskanzlei hatte ihr dazu geraten. Wegen des besonderen Insolvenzrechts zieht es viele Schuldner auf die Insel. So hat auch Sandra W. im Januar 2012 vor einem britischen Gericht eidesstattlich versichert, zahlungsunfähig zu sein. Für ihr Schuldenregulierungsverfahren bekam sie einen Insolvenzverwalter. Wer in England als Privatperson Insolvenz anmeldet und die Auflagen erfüllt, kann damit rechnen, schon nach einem Jahr für schuldenfrei erklärt zu werden. Anders in Deutschland. Hier beträgt die Frist sechs Jahre.

Rechtsanwalt Robert Hänel hat im Auftrag des englischen Insolvenzverwalters Sandra W. bei der Augsburger Staatsanwaltschaft angezeigt. Der in Peißenberg ansässige Anwalt weiß, dass es nach England einen „blühenden Insolvenztourismus“ gibt: „Im Internet werben Firmen, wie sie Schuldnern in England zu einer schnellen Restschuldbefreiung verhelfen können.“ Einer von ihnen war Norbert S.*, ein noch vor kurzem dort ansässiger Makler. Die Kripo in Augsburg hätte ihn gerne vernommen, doch er ist untergetaucht. Sandra W. war eine Zeitlang bei ihm angestellt. Nach Hänels Angaben soll sie ihrem Arbeitgeber auch Ansprüche aus ihrem Vermögen abgetreten haben. Und dies unter Wert. Norbert S. habe sie dann weiterverkauft.

"Gewisse Zweifel bleiben"

Vor diesem Hintergrund überrascht nicht, was die Strafkammer zum Urteil zu sagen hatte. „Gewisse Zweifel bleiben“, dass von der Million im Koffer nichts mehr da sein soll, so der Vorsitzende Richter Natale. „Es fehlen aber harte Fakten, dass es anders ist.“

So könnte noch in diesem Jahr ein weiterer Prozess anstehen. Es geht um Beihilfe zum Bankrott. In den Monaten nach der Insolvenzeröffnung hatte Sandra W. Kapitalversicherungen aufgelöst und sich von Immobilien getrennt. Käufer ihres Wohnhauses war nach ihren Angaben ein dort wohnender Mieter. Schon im ersten Prozess stellte sich heraus, dass er auch ihr Lebenspartner war.

Als Zeuge geladen, weigerte er sich, im Prozess auszusagen. Er und die Angeklagte überraschten das Gericht mit der Nachricht, sich gerade verlobt zu haben. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den Mann der Beihilfe zum Bankrott. Er hat das Haus kurz nach dem Erwerb nahezu zum doppelten Preis weiterverkauft.

*Namen geändert

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