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Augsburg

28.07.2020

Blumenmaler in Haft: Lisa McQueen glaubt an ihren inhaftierten Mann

Lisa McQueen liebt ihren Mann. Vor allem schätzt sie seine Kreativität. Sie hofft, dass er nicht länger in Haft muss.
Bild: Silvio Wyszengrad

Plus Mit dem Augsburgblume-Graffiti wurde Berni McQueen zum gefragten Künstler. Doch er sprühte weiter illegal. Nun sitzt er in Haft. Seine Frau erzählt.

Lisa und Berni McQueen haben ihre Rituale. Wenn die Betreiberin des Café Kätchens und Neu-Stadträtin (Die Partei) von der Arbeit nach Hause kommt, hat ihr Mann normalerweise schon gekocht. Meist handgemachte Pasta. Sperrt die 30-Jährige jetzt abends die Tür zu ihrer Wohnung in der Jakobervorstadt auf, ist da keiner, der auf sie wartet. Berni McQueen sitzt seit rund zwei Wochen im Gefängnis. Einen Tag nach ihrem Urlaub auf Korsika musste er in die Justizvollzugsanstalt (JVA) Gablingen einrücken.

Graffiti-Leidenschaft wurde Augsburger Blumenmaler mehrfach zum Verhängnis

Seine Leidenschaft für Graffiti ist dem 32 Jahre alten Augsburger schon öfter zum Verhängnis geworden, weil er sie illegal anbrachte. Er kassierte durch die Justiz Bewährungen und Vorstrafen, schrammte knapp am Gefängnis vorbei. Zugleich wurde Berni McQueen mit seiner sogenannten Augsburgblume bekannt. Hundertfach hatte er die schwarze Blume mit den fünf Blättern auf Hausfassaden, Stromkästen und Verkehrsschilder gemalt.

Trotz der Illegalität waren viele Augsburger davon begeistert. Beim Stadtmarketing überlegte man kurzzeitig sogar, die Augsburgblume als Werbemotiv zu verwenden. Die Blume, sagte er mal selbst in einem Interview mit unserer Redaktion, habe ihm die Tür zur Kunstszene geöffnet.

Mit der Augsburgblume wurde Berni McQueen bekannt.
Bild: Michael Schreiner

Berni McQueen wird von Privatleuten und Firmen für Auftragsarbeiten gebucht, wird deutschlandweit zu Graffiti-Events eingeladen. Im Auftrag der Hochschule verschönerte er mit einem großen Wandbild eine Mauer der ehemaligen JVA im Hochfeld. Jetzt sitzt er selbst hinter Gittern. Weil er trotz seines Erfolges das illegale Sprayen nicht aufgab. Die Justiz hat mit ihm die Geduld verloren. Warum hörte er nicht einfach damit auf?

Lisa McQueen ist nicht sauer auf ihren Mann

Ehefrau Lisa McQueen hat darauf keine Antwort. „Ich weiß nicht, warum er es nicht bleiben lassen kann. Wahrscheinlich ist es bei ihm doch eine Art Sucht“, versucht die Frau mit den braunen Locken sich selbst zu erklären. Sie ist nicht wütend auf ihn. Aber sie hat Angst vor dem, was noch kommen kann.

Neu-Stadträtin Lisa McQueen schreibt mehrmals am Tag Briefe an ihren Mann, der seit rund zwei Wochen im Gefängnis ist. Sie will ihn am Leben draußen teilhaben lassen.
Bild: Silvio Wyszengrad

Als Augsburger Stadträtin ist Lisa McQueen gefordert

Vorläufig muss ihr Mann sechs Monate in Gablingen absitzen. Doch ihm droht eine längere Haftstrafe von möglicherweise über zwei Jahren. Für Lisa McQueen ein beklemmend langer Zeitraum. „Wir sind seit fast drei Jahren verheiratet und ein eingespieltes Team. Er ist mein Deckel.“ Die gelernte Kürschnerin versucht sich in diesen Tagen abzulenken. Sie will von ihrem Mann begonnene Projekte weiterführen, betreibt ihr Café, kniet sich rein in die neue Stadtratstätigkeit. Diese verlangt ihr mehr ab, als sie gedacht hat. „Es ist brutal, wie viele Unterlagen man durchackern muss. Und manchmal verstehe ich vor lauter Behördendeutsch kein Wort. Aber ich will mich überall einarbeiten.“

Seit Ehemann Berni eingesperrt ist, übernachtet Lisa McQueen oft bei ihrer Mutter oder bei Freundinnen. Sie gesteht: „Mir fällt es gerade schwer, abends alleine in der Wohnung zu sein.“ Drei mal am Tag schreibt sie Briefe an ihren Mann, erzählt ihm darin, was sie alles erlebt hat. „Ich will, dass Berni am Leben draußen weiter teilnimmt.“ Es ist nahezu die einzige Möglichkeit des Kontakts. Denn als Ehefrau, das hat Lisa McQueen lernen müssen, hat sie im Gefängnis noch lange keine Sonderrechte.

Lisa McQueen schreibt ihrem Mann Briefe ins Gefängnis

„Berni hat ein Mal im Monat Besuchsrecht, das muss ich mir einteilen mit Eltern und Freunden.“ 40 Minuten dürfe sie mit ihm telefonieren – ein Mal im Monat. „Wir schreiben uns viel“, sagt sie und fügt hinzu: „Irgendwie ist das auch schön.“ In Briefen habe Berni ihr seine Zelle aufgemalt, den Blick aus dem vergitterten Fenster auf ein Feld bildlich dargestellt. „Durch sein Fenster scheint die Sonne. Er kann auch die Sonne untergehen sehen.“ Bei seiner ersten Einkaufsmöglichlichkeit im Gefängnis habe sich ihr Mann Buntstifte bestellt. Die 30-Jährige ist überzeugt, dass er sich mit der neuen Situation arrangieren kann.

Die Augsburgblume war vor einigen Jahren noch an vielen Wänden und Stromkästen zu sehen.
Bild: Michael Schreiner (Archiv)

Sie erzählt: „Berni kann Probleme von sich schieben und von heute auf morgen leben. Er ist unkompliziert und unverkopft. Das ist eine schöne Eigenschaft, die ich von ihm gelernt habe.“ Nur so ist vielleicht zu erklären, dass die beiden vor der drohenden Haft noch mit dem Auto nach Korsika fuhren. „Der Junge soll noch mal das Meer sehen, bevor er vielleicht hinter Gitter muss“, habe sie sich gesagt und Tickets für die Fähre organisiert. Es sei eine traumhafte Urlaubswoche gewesen. Das Ehepaar klapperte mit seinem alten Renault die Insel ab. Dass die harte Landung danach so schnell kommt, damit haben beide wohl nicht gerechnet.

Nach dem Urlaub lag dieser eine Brief im Briefkasten

Denn Berni McQueens Anwalt hatte zuvor noch ein Gnadengesuch eingereicht, dass die Vollstreckung der Haft ausgesetzt wird. Doch dem Gesuch wurde nicht stattgegeben. Der Brief mit der Ablehnung lag bereits im Briefkasten in der Jakobervorstadt, als die beiden von Korsika zurückkehrten. Ihr Mann habe den Brief entdeckt und zunächst darüber geschwiegen. „Erst am nächsten Tag beim Frühstück sagte er mir, ich müsse ihn heute nach Gablingen bringen.“

Lisa McQueen liebt ihren Mann. Sie glaubt an ihn. „Im September wollte er am Institut für Fachlehrer seine Ausbildung als Kunstlehrer beginnen. Den Platz mussten wir jetzt absagen.“ Viele Menschen würden nicht sehen wollen, dass er bereits an sich gearbeitet habe, findet sie. Unterstützung erfährt das Ehepaar von Familie und Freunden.

„Seine Freunde haben T-Shirts designt mit der Augsburgblume hinter Gittern.“ Schnell seien diese verkauft gewesen. Lisa McQueen sammelt das Geld für ihren Mann. Sie überweist es ihm auf das Konto der Landesjustizkasse Bamberg. Die Ehefrau sagt, sie will genau den Mann zurück haben, der jetzt im Gefängnis sitzt. „Klar soll er sich bessern, aber ich will keinen veränderten Mensch.“

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Hören Sie sich unseren Podcast mit Lisa McQueen zum Thema Rassismus an:

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31.07.2020

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Welch eine Schmonzette um einen unkomplizierten und unverkopften
32-Jährigen ("Der Junge soll nochmal das Meer sehen..."), der seinem
Drang zur Sachbeschädigung anscheinend nicht widerstehen kann und
eine 30-jährige Neu-Stadträtin, die wohl recht blauäugig eine Stadtrats-
tätigkeit angestrebt hat ("Diese verlangt ihr mehr ab, als sie gedacht hat.
Es ist brutal, wie viele Unterlagen man durchackern muss")
.

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31.07.2020

Eines noch: Wie würde die junge Stadträtin wohl reagieren, wenn Schmierfinken die Fassade ihres hübschen kleinen Cafes beim Fronhof verunstalten würden? Hätte sie da auch so viel Verständnis?
Ihr Berni war ja sogar so dreist, einen Fensterladen des Cafes mit einer leichten Abwandlung eines der Tags zu verschönern, die überall in der Innenstadt die Hauswände zieren. Vermutlich auch ein Liebesbeweis für seine Frau und gleichzeitig ein Gruß an die Graffiti-Ermittlungsgruppe der Augsburger Polizei.

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29.07.2020

Sehr geehrte Redaktion,
wo bitte kann man eine solch yellow-press-mässige Story bestellen?

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29.07.2020

Mir kommen schier die Tränen angesichts dieser rührseligen Geschichte. Warum wird in diesem Artikel eigentlich verschwiegen, dass Berni McQueen nicht nur der von manchen verehrte "Blumenmaler" ist, sondern dass er mit seinen Graffitis (z. B. "DISKO") gefühlt für die Hälfte der Schmierereien in der Augsburger Innenstadt und entlang der Bahngleise verantwortlich ist und dabei Schäden verursacht hat, die in die Hundertausende Euro gehen. Der immerhin bereits 32 Jahre alte Mann stand deswegen bereits mehrfach vor Gericht und kam bisher immer knapp um eine Haftstrafe herum. In den letzten Jahren foppte McQueen wiederholt die Polizei, indem er seine wenig kunstvollen Tags frech mit Datumsangabe versah. Jetzt hat man ihn in Coburg erwischt und dort war man offensichtlich weniger zimperlich und hat ihn eingesperrt. Insgesamt drohen wegen alter Bewährungsstrafen nun 2 Jahre Haft, dazu kommt im November ein Prozess in Augsburg wegen neuer Taten. Für mich ist der Mann ein Verbrecher, der nun seine längst verdiente Strafe bekommt. Vielleicht hilft ihm das ja in seinem stark verzögerten Reifeprozess weiter. Es steht allerdings zu befürchten, dass er wieder einen Richter findet, der sich rühren lässt und an eine gute Sozialprognose glauben mag. Warum fängt Herr McQueen nicht einfach mit seinem neuen Leben an und beseitigt erst einmal die Schäden, die er angerichtet hat?

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30.07.2020

Das mit „Disko“ passt halt nicht zum gewünschten harmlos-zärtlichen Blümchen Image, das mit diesem Artikel gepflegt wird.

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29.07.2020

ja auch Prominente sollen sich nach dem Gesetz richten , wenn sie es nicht tun sollen sie mindestens genauso hart bestraft werden wie alle anderen auch !! außerdem sollte der Täter auch mit aller härte zur Wiedergutmachung herangezogen werden !! denn wer nach Korsika fahren kann , kann auch den von ihm verursachten schaden bezahlen . auch wenn die frau Stadträtin ist .

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