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Ulm

21.06.2017

Börsenspiel mit Meisterwerken

Peter Nowotny (links) und Raoul Kaufer vor ihrer Version von „Die Erhebung der heiligen Maria Magdalena“ im Lichthof. In den Händen halten die Künstler zwei der Täfelchen, aus denen das Werk besteht. Oben rechts das Original.

Die beiden Regensburger Künstler Peter Nowotny und Raoul Kaufer präsentieren im Museum Ulm ihr Projekt „Artperium“. Wie dieses die Mechanismen des Kunstmarktes aufs Korn nimmt.

Man sieht nur ein Auge, Nase, Mund und ein bisschen vom langen Haar. Doch regelmäßige Besucher des Museums Ulm erkennen das Motiv vielleicht. Was da nun an der meterhohen Wand im Lichthof hängt, ist eine stark vergrößerte Reproduktion von Hans Schüchlins Tafelbild „Erhebung der heiligen Maria Magdalena“, einem Meisterwerk aus der Spätgotik-Sammlung, ein Hingucker wegen des fellbedeckten Körpers der frommen Frau in Erinnerung. Oder besser: Es sind Bruchstücke einer Reproduktion. „Für das komplette Bild bräuchte man wahrscheinlich das ganze Museum“, erklärt der Regensburger Raoul Kaufer, einer der beiden Künstler hinter dem Projekt „Artperium“, das weniger eine Hommage an die Kunst vergangener Zeiten, sondern ein Kommentar zu Kunsthandel und -markt ist.

Das um 1480 entstandene Schüchlin-Bild ist ohnehin nur ein kleiner Teil des gesamten Werks, das Kaufer zusammen mit seinem Künstlerkollegen Peter Nowotny und dem Programmierer Christian Wolf verwirklichte. Das meiste spielt sich online ab: Auf der „Artperium“-Plattform (erreichbar unter artperium.com) gibt es ein Dutzend Meisterwerke vergangener Epochen, etwa Sandro Botticellis „Geburt der Venus“ oder ein Seerosen-Bild von Claude Monet. Die Bilder wurden digital aufbereitet und in jeweils 60000 bis 70000 Teile aufgeteilt. Diese virtuellen Fragmente, jeweils vier mal vier Pixel groß, kann man für jeweils 2,50 Euro erwerben und damit, so die „Artperium“-Macher in bestem Marketing-Sprech, „an den größten Tafelbildern der Welt“ partizipieren. Auf Wunsch kann man die Täfelchen im Format 20 mal 20 Zentimeter auch physisch erwerben, dann für 20 Euro plus Versand. Jede Kachel ist durch eine aufgedruckte Nummer als Unikat erkennbar. Nowotny erklärt den Reiz: „Sie haben nur die Pixel an der Wand, aber das ganze Bild im Kopf.“

Raoul Kaufer zufolge ist „Artperium“ eine „Parabel auf das Geschäft mit der Kunst“. Dieses ähnelt längst dem an der Börse: Nicht nur, dass einzelne Kunstwerke Millionensummen bei Auktionen erzielen, es wird auch wild spekuliert. Um den künstlerischen Wert einer Arbeit geht es bei solchen Megageschäften oft nur am Rande, sondern um Prestige – und Rendite. „Artperium“ spielt mit den Mechanismen des Marktes: Die einzelnen Fragmente sind Anteilsscheine an einzelnen Kunstwerk, das schon wegen seiner Fußballplatz-mäßigen Ausmaße gar nicht realisierbar wäre, und damit so virtuell wie Aktien im Depot. „Artperium“ ist ein Kunst-Börsenspiel, und jeder „Artionär“ kann mitzocken: Denn theoretisch kann der Wert der einzelnen Anteile steigen.

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Auge, Nase und Mund von St. Maria Magdalena im Lichthof sind laut Kaufer „ein Spiegelbild in der Realwelt“. Und eine Premiere: Das Museum Ulm ist das erste Ausstellungshaus, in dem „Artperium“ präsentiert wird. Und davon sollen beide Seiten profitieren, sagen die Künstler. Denn von jedem verkauften Schüchlin-Täfelchen bleiben zehn Euro in Ulm – die pelzige Maria Magdalena ist also die Schutzpatronin einer Fundraising-Aktion, die an den Lokalpatriotismus der Bürger appelliert. Peter Nowotny: „Jeder Ulmer hat die Chance, einen Teil vom Museum zu Hause zu haben.“ Das Geld will Direktorin Stefanie Dathe in neue Medienguides investieren.

Die Ausstellung läuft bis 15. Oktober.

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