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Brechtfestival 2018

22.02.2018

Brechts Fatzer - „Arm ist ärmer und reich reicher jetzt“

Im Spannungsfeld zwischen Solidarität und Individualismus bewegt sich Bert Brechts „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“.
Bild: Jan-Pieter Fuhr

Mit der Inszenierung von „Fatzer“ beginnt morgen im Martinipark das Brechtfestival. Regisseur Christian von Treskow hat das Stück einstudiert – ein Gespräch

Brechts „Fatzer“-Fragment ist ja nicht so bekannt. Der Dramatiker Heiner Müller hat es in eine Form gebracht. Erzählen Sie doch mal – mit Ihren Worten – den Inhalt.

Christian von Treskow: Das ist relativ schnell erzählt. In der Endphase des Ersten Weltkriegs desertieren vier Panzer-Soldaten und schlagen sich durch bis Mülheim an der Ruhr, wo einer von ihnen Frau und Wohnung hat. Dort wollen sie abwarten, bis sich die von ihnen erwartete Revolution ereignet, um sich in der Folge dann – straffrei – stellen zu können. Gleichzeitig wollen die vier auch bei dem erhofften Aufstand mithelfen. Aber die Revolution kommt nicht, und Fatzer erkennt, dass es mit den ihn umgebenden Menschen auch keine Revolution geben wird. Am Schluss wird er von seinen drei ehemaligen Kameraden aus der Gruppe ausgeschlossen und zum Tode verurteilt.

Ist Fatzer, wie es der Titel des Dramas suggeriert, von Beginn an ein Egoist?

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Treskow: Der Begriff Egoist ist bei uns ja stark negativ konnotiert. Es ist auch ein Begriff, den Brecht als Titel für sein Fragment erst später vorgeschlagen hat. Am Anfang gab es nur die Fatzer-Figur, eine monolithische Figur wie Baal, Kragler, Shlink und Mauler, die den Zwiespalt des Autors widerspiegelt zwischen eigenen Bedürfnissen und dem Notwendigen, das zu tun ist für die Allgemeinheit. Fatzer ist eigentlich mehr als ein Egoist. Er will von sich aus, im Alleingang, unabhängig, die Welt verbessern.

Das Stück behandelt also das Spannungsfeld zwischen Solidarität und Individualismus. Liegt diesbezüglich gerade etwas im Argen in Deutschland?

Treskow: Wenn man den Fatzer inszeniert, dann wird man diesbezüglich geradezu mit der Nase darauf gestoßen. Es ist, als ob das Stück heute geschrieben worden wäre. „Arm ist ärmer und reich reicher jetzt“ – so heißt es im Stück. Als ob man es gestern in der Zeitung gelesen hätte. Und auch die Wohnungsnot wird beschrieben. Dabei wird Kapitalismuskritik in dem Stück gar nicht betrieben. Es geht darum, wie die Dynamik in einer Gruppe von Menschen verläuft, die sich der Menschlichkeit verschrieben hat.

Heiner Müller hat Brecht in Form gebracht – und Sie noch einmal Heiner Müller leicht bearbeitet. Mit welchem Ziel?

Treskow: Wir haben vor allem gekürzt. Von der Augsburger Dramaturgin Sabeth Braun stammt die Fassung, die ich während der Proben noch einmal bearbeitete. Brecht nahm seinerzeit auf die Oktoberrevolution Bezug, Heiner Müller um 1980 auf die RAF. Dazu haben wir heute wenig Bezug mehr. Aber wir leben in einer Zeit des politischen Stillstands und der gesellschaftlichen Lähmung. Es müsste eine gesellschaftliche Neuerung kommen. Jeder spürt das, jeder weiß das. Ein neuer Gesellschaftsvertrag, gerechtere Ressourcen-Verteilung.

Auf welche nachfolgenden Brecht-Werke strahlte das „Fatzer“-Fragment aus – und wie?

Treskow: Vor allem auf die Lehrstücke, die zum Teil auch gleichzeitig entstanden. Die „Notwendigkeit“ des Tötens in einer politischen Situation behandelt auch „Die Maßnahme“; den Gang in die Tiefe einer elenden Stadt behandelt auch „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. Und (Halb-)Zitate aus dem „Fatzer“ finden sich auch in der „Dreigroschenoper“. 

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