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AZ-Literaturabend

09.10.2017

Charmant, dieser Zauberer der Worte

Mal einer Meinung, mal über Kreuz im Literarischen Salon (v.l.): Marius Müller (Stadtteilbücherei Göggingen), die AZ-Redakteure Wolfgang Schütz und Stefanie Wirsching und der Buchhändler Kurt Idrizovic.
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Mal einer Meinung, mal über Kreuz im Literarischen Salon (v.l.): Marius Müller (Stadtteilbücherei Göggingen), die AZ-Redakteure Wolfgang Schütz und Stefanie Wirsching und der Buchhändler Kurt Idrizovic.

Sten Nadolny präsentiert in der Stadtbücherei seinen neuen Roman – da waltet Magie

Achtung, es wird ein magischer Abend. Und wer selbst des Zauberns nicht mächtig ist, bekommt wenigstens eine kurze Einführung in verschiedene Techniken: „Der lange Arm“ – ein Anfängerzauber, den beherrschen schon Babys. „Unsichtbar werden“ – ein gestandener Zauber, ebenso „Durch Wände gehen“ – äußerst praktisch für die, die es können. „Gedanken lesen“ – „Das bringt weniger, als man denkt“, klärt der Schriftsteller Sten Nadolny im ausverkauften Foyer der Stadtbücherei Augsburg vor 250 Besuchern auf. „Das hängt mit dem Zustand der Gehirne und der Gedankenarmut zusammen.“ Das Publikum lacht.

Der Schriftsteller präsentiert im Rahmen des zweiten Literaturabends der Augsburger Allgemeinen seinen neuen Roman „Das Glück des Zauberers“. In dem Buch wird gezaubert, mit einer Fantasy-Geschichte hat der Roman aber nichts zu tun. Denn der erst mit 111 sterbende Zauberer Pahroc hat das ganze 20. Jahrhunderts erlebt, vom Ersten Weltkrieg bis in die Gegenwart. Aus der Sicht eines Zauberers fällt der Blick auf die scheinbar bekannten Ereignisse anders aus.

Mit Charme und feinem Humor, mit Hintersinn und einer Liebe für den Augenblick stellt Nadolny sein neues Buch vor. Im anschließenden Gespräch mit Michael Schreiner, dem Leiter der Kultur- und Journal-Redaktion der Augsburger Allgemeinen, erzählt Nadolny, was den neuen Roman mit seinem Publikumserfolg „Die Entdeckung der Langsamkeit“ verbindet: Beide erschaffen so detailliert eine andere Welt, dass man als Leser neu auf die tatsächliche blicken kann.

Dass Entschleunigung, dass „Die Entdeckung der Langsamkeit“ heute in Zeiten einer gesteigerten Beschleunigung einen anderen Stellenwert habe als 1983, das habe Nadolny damals nicht voraussehen können. Zufall. Nicht aber die Eigenschaften, die er seiner Hauptfigur John Franklin zugeschrieben hat. „Ich habe als Einzelkind das Beobachten der Natur geliebt und die dazugehörige Langsamkeit. Man muss lange hinschauen, bis sich etwas bewegt“, erklärt der Autor. Daher komme die Fähigkeit des Polarforschers.

Großer Applaus für Nadolny und eine Zuhörerin, die sagt, dass sie es so machen werde wie der Zauberer Pahroc im neuen Roman. Sie werde ihrem eben auf die Welt gekommenen Enkelkind ebenfalls Briefe schreiben, in unregelmäßigen Abständen und darin die Geschichte ihres Lebens und ihrer Zeit erzählen.

Nach der Lesung und dem Gespräch mit Nadolny ist der zweite Literaturabend zum Erscheinen des Bücherjournals in unserer Wochenendausgabe noch nicht vorbei. AZ-Kulturredakteurin Birgit Müller-Bardorff stellt als Vorsitzende der Jury für den Deutschen Jugendliteraturpreis Neuerscheinungen vor und erzählt, dass ein aktueller Trend darin liege, das Thema Radikalisierung von rechts aufzugreifen. „Vor zwei Jahren war das noch die Radikalisierung durch Islamisten.“

Im Literarischen Salon diskutieren Marius Müller, Leiter der Stadtteilbücherei Göggingen, der Buchhändler Kurt Idrizovic, und die AZ-Kultur- und Journalredakteure Stefanie Wirsching und Wolfgang Schütz über drei Neuerscheinungen des Bücherherbsts: Colson Whiteheads „Underground Railroad“ („stark, packend, politisch“), Yasmina Rezas „Babylon“ („ein Abklatsch von früher, heruntererzählt“ vs. „eine gelungene Gesellschaftssatire“) und Robert Menasses „Die Hauptstadt“ („Ich glaube jetzt noch stärker an Europa“).

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