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Brechtbühne

05.10.2012

Collage des weiblichen Terrors

Schauspieler des Theaters Augsburg sind am Sonntag in Elfriede Jelineks Stück „Ulrike Maria Stuart“ zu sehen (im Bild: Eva Maria Keller).
Bild: Nik Schölzel

Das Theater Augsburg zeigt mit „Ulrike Maria Stuart“ erstmals ein Jelinek-Stück

Zum ersten Mal überhaupt ist für das Theater Augsburg ein Drama der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek inszeniert worden. „Ulrike Maria Stuart“ hat am Sonntag um 19 Uhr auf der Brechtbühne Premiere. Regie führt Sylvia Sobottka, die in der vergangenen Saison im Hoffmannkeller mit „Gespräche mit Astronauten“ ihr Debüt hatte.

In „Ulrike Maria Stuart“ variiert die Österreicherin Elfriede Jelinek das Schiller-Drama „Maria Stuart“ und überträgt die Auseinandersetzung zwischen Maria und Elizabeth I. auf die Terroristinnen Ulrike Meinhof (Maria) und Gudrun Ensslin (Elizabeth). Für Sobottka und ihre Dramaturgin Barbara Bily war das Sichhineindenken in die Jelinek’sche Gedankenwelt, insbesondere in deren komplexe Sprache, eine enorme Herausforderung. Den mehr als 100-seitigen Dramentext kürzten Sobottka und Bily auf 26 Seiten, reduzierten so die Spieldauer von mindestens fünf auf eineinhalb Stunden. Nach Ansicht des Regieteams ergeht sich Jelinek, die ihre subjektive Sicht auf die 1968-Revolution und deren Folgen allzu gern in Wiederholungen formuliere, in schier endlosen Textschleifen. Diese galt es zu verringern.

„Was wir auf die Bühne bringen, kann deshalb nur ungenügend sein“, sagen Sylvia Sobottka und Barbara Bily, meinen aber nicht etwa, dass ihre Inszenierung deshalb „unbefriedigend“ sei. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema „Rote-Armee-Fraktion“ (RAF) und dem Jelinek-Text hat im Ergebnis zu einer, wie sie sagen, „Collage“ geführt, in der Schlaglichter auf das politische Denken der um Macht buhlenden Frauen und die Gesellschaft geworfen werden.

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Die RAF kennen die jungen Frauen nur aus Berichten

Wie aber nähern sich zwei so junge Frauen – Sylvia Sobottka wurde 1983, Barbara Bily 1982 geboren – der RAF und den Ereignissen in Stuttgart-Stammheim, die sie doch nur aus Dokumentationen, Kommentaren und Verfilmungen kennen können? Sylvia Sobottka: „Wir stellen keine aktuellen Bezüge her, arbeiten mit vielen Zitaten, mit dem Hören von Stimmen, zum Beispiel aus dem ‚Chor der Greise‘.“ Das Regieteam wagt, in der Rückschau einerseits den Konflikt der Frauen – insbesondere den Zwiespalt von Ulrike Meinhof – zwischen privaten Wünschen und politischen Idealen auf die Bühne zu bringen. Dabei geht es um Identität, Authentizität und Hilflosigkeit. Andererseits ist es für die Regisseurin spannend zu offenbaren, wie sich die Befindlichkeiten der Frauen in der hermetischen Abgeschlossenheit in Stuttgart-Stammheim verändern, wie das einstige Kollektiv an politischer Macht verliert. In diesem Zusammenhang spricht Sylvia Sobottka auch von den ursprünglichen Ideen der RAF und erinnert an die „Kapitalismuskritik“. Die Regisseurin ist überzeugt davon, dass es doch die 68er waren, die in der Gesellschaft ein Stück weit Solidarisierung und Veränderungen möglich gemacht haben. Zu beantworten aber bleibt in dem Jelinek-Stück „Ulrike Maria Stuart“ immer auch die Frage, ob die einst so hehr formulierten Ziele die ausufernde und blutige Gewalt im Deutschen Herbst 1977 auch nur ansatzweise rechtfertigen.

„Die politischen Themen per se haben noch immer Gültigkeit“, sagt Sylvia Sobottka. Als Beispiel zitiert sie Ulrike Meinhof, die 1969 ihren Konflikt zwischen politischem Engagement und Mutterdasein „schwer“ genannt und formuliert hat, was heute wieder in aller Munde ist: „Kindererziehung ist politisch.“

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