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Augsburg

04.05.2020

Corona-Report: So geht es der Wirtschaft in der Region um Augsburg

Viele Firmen im Wirtschaftsraum Augsburg haben Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt. Schuld ist die Corona-Krise.
Bild: Daniel Schvarcz (Symbolbild)

Plus Die Corona-Pandemie trifft Unternehmen und Beschäftigte im Großraum Augsburg hart. Wo liegen die größten Probleme? Was ist zu tun? Ein Lagebericht.

Corona, Kurzarbeit und Umsatzeinbrüche: Das Virus und seine Folgen hinterlässt vielfältige Spuren im Wirtschafts- und Arbeitsleben in Augsburg. Doch wie ist die Lage? Vertreter von Wirtschaft und Gewerkschaften sprechen über die Krise, Probleme und Dinge, die jetzt angepackt werden müssen.

Corona: So bewerten Experten die wirtschaftliche Situation in Augsburg

Michael Leppek, IG Metall: "Corona trifft die Unternehmen in der Region Augsburg hart. Dies liegt sicher auch daran, dass gerade die Metall- und Elektroindustrie stark vom Export lebt und überdies wichtige Lieferketten gestört oder abgerissen sind. Und viele Betriebe in der Region hängen am Auto. Wenn VW, Audi oder BMW nicht produzieren, hat dies auch massive Auswirkungen bei uns."

Michael Leppek, IG Metall
Bild: Silvio Wyszengrad

Erdem Altinisik, Gewerkschaft Verdi: "Die Auswirkungen sind sehr unterschiedlich. Branchen wie Großhandel, Onlinehandel und Transport – hier insbesondere Paketdienste – boomen. Allerdings trifft die Krise Einzelhandelsunternehmen im Non-Food-Bereich sehr hart. Die wochenlangen Schließungen können sichtbare Spuren im Stadtbild hinterlassen. Wie sich die wirtschaftliche Lage im Ver- und Entsorgungsbereich aufgrund des teilweisen Wegfalls der gewerblichen Kunden entwickelt bleibt abzuwarten."

Thomas Schörg, Industrie- und Handelskammer (IHK): "Grundsätzlich gilt: annähernd alle Unternehmen aus Produktion, Handel und Dienstleistungen sind von der Corona-Krise betroffen – allerdings in unterschiedlichem Umfang. Industrie: starker Rückgang in Folge eingeschränkter oder unterbrochener Lieferketten; Einzelhandel: existenzgefährdender Rückgang; Logistik: Rückgang sowohl im Unternehmensgeschäft als auch im Privatkundengeschäft (Umzüge); Hotellerie und Gastronomie: existenzgefährdender Rückgang."

Ulrich Wagner, Handwerkskammer: "Unsere Prognose geht dahin, dass bis zu 80 Prozent der Handwerksbetriebe in Schwaben Umsatzeinbußen von 50 Prozent und mehr verzeichnen beziehungsweise verzeichnen werden. Und dies obwohl das Handwerk bis auf wenige Ausnahmen und unter erheblichen Einschränkungen weiterarbeiten durfte. Dies trifft natürlich auch Schlüsselbranchen wie das Metallhandwerk, die als Zulieferer für viele Industrieunternehmen von deren Produktionsstopp massiv betroffen sind."

Wo liegen die größten Probleme durch Corona?

Michael Leppek, IG Metall: "Insgesamt kann man sicher sagen, je größer die Firma, desto besser die Liquidität und damit die Zukunftsfähigkeit. Ich mache mir vor allem um mittlere und kleinere Betriebe Sorgen, die aufgrund von Corona und der wirtschaftlichen Situation an ihre Grenzen kommen. Wir sehen unabhängig von der Branche: Je schlechter es dem Kunden geht, je schlechter geht es leider auch dem Zulieferer. In der Region haben alle großen und mittleren Betriebe in unserem Organisationsbereich Kurzarbeit angezeigt oder sind bereits in Kurzarbeit. Wie viele Beschäftigte von Kurzarbeit im jeweiligen Betrieb betroffen sind ist unterschiedlich."

Erdem Altinisik ist Geschäftsführer von Verdi Augsburg.
Bild: Silvio Wyszengrad

Erdem Altinisik, Gewerkschaft Verdi: "Die größten Probleme sind zum einen die wirtschaftlichen Folgen der Krise für die Beschäftigten. Bisher war Kurzarbeit eher in wirtschaftlichen Notlagen im Industriebereich anzutreffen. Die nun anzutreffende Kurzarbeit im Niedriglohnbereich wie dem Einzelhandel führen nicht ohne Grund zu Existenzängsten. Dort wo prekär Beschäftigte gerade so über die Runden kamen, ist ein Auskommen mit Kurzarbeit nicht mehr möglich. Hier zeigen sich die Folgen der fehlenden Tarifbindung in zweierlei Hinsicht. Zum einen sind die Gehälter niedriger. Zum anderen gibt es hier auch kaum tarifliche Regelungen zur Aufstockung von Kurzarbeitergeld."

So geht es den Firmen in Augsburg in Corona-Zeiten

Thomas Schörg, Industrie- und Handelskammer (IHK): "Quer über alle Branchen hinweg haben alle Unternehmen mit einem Rückgang der Nachfrage zu kämpfen. Auch beschäftigen sich alle Unternehmen mit der Umsetzung notwendiger Hygienemaßnahmen zum Schutz der Gesundheit ihrer Kunden, Geschäftspartner und Mitarbeiter. Ein Beispiel ist die Industrie: Es gibt eingeschränkte oder unterbrochene Wertschöpfungsketten (Automobilindustrie). Dies beginnt von der Grundstoffproduktion (Stahl) über die Zuliefererindustrie (Norditalien) und die Produktion (Trennung von Schichten) bis hin zum Vertrieb (Autohäuser)."

Ulrich Wagner, Handwerkskammer: " Große Sorgen bereitet uns die Situation der Gastronomie und Hotellerie. Hier braucht es ebenfalls eine baldige Lockerung und Öffnung sowie dringend und schnellstmöglich eine Planungsgrundlage. Denn an diesen Branchen hängen ganz viele Handwerksbetriebe als Zulieferer, zum Beispiel aus dem Nahrungsmittelhandwerk. Zudem betreiben unsere Bäcker und Konditoren selbst Cafés oder bieten unsere Metzgereien Imbiss- und Mittagsbewirtung in ihren Geschäften an, was ihnen aktuell verwehrt ist."

Was sind die Herausforderungen?

Michael Leppek, IG Metall: "Die größte Herausforderung für unsere Firmen sehe ich in der unsicheren wirtschaftlichen Situation und dem unsicheren Ausblick. Sicher muss auch das Thema Liquidität gerade bei den kleinen Betrieben beachtet werden. Gemeinsames wichtiges Thema ist der Gesundheitsschutz in den Betrieben. Und unser Thema als IG Metall ist unsere Forderung nach einem Schutzschirm für Beschäftigung. Konkret: Keine Kündigungen!"

Erdem Altinisik, Gewerkschaft Verdi: "Es gibt Bereiche wie zum Beispiel das Gesundheitsamt, die überlastet sind. Eine weitere Herausforderung ist auch die Belastung durch mobiles Arbeiten oder Homeoffice gegeben. Dies gilt insbesondere bei Beschäftigten, die alleinerziehend sind, oder bei Eltern mit kleinen Kindern. Für sie wird das Arbeiten im Homeoffice zu einer sehr starken Belastung. Die Trennung zwischen Arbeit und Erziehung lässt sich nicht einhalten."

Thomas Schörg, IHK.
Bild: IHK

Thomas Schörg, Industrie- und Handelskammer (IHK): "Probleme und Herausforderungen ähneln sich. Der Einzelhandel ist extrem abhängig von staatlichen Vorgaben. Bei der Logistik gibt es eine hohe Abhängigkeit vom Auftraggeber, sowohl gewerblich als auch privat. Die IT-Branche hat ebenfalls eine hohe Abhängigkeit vom Auftraggeber. Hotellerie und Gastronomie sind nun wiederum extrem abhängig von staatlichen Vorgaben. Derzeit geht es vor allem darum, die eigene Liquidität zur Verhinderung von Insolvenzen zu sichern. Im Eventmanagement, also Machern von Veranstaltungen, gibt es ebenfalls eine extreme Abhängigkeit von staatlichen Vorgaben."

Viele Unternehmen in Schwaben sind in Kurzarbeit

Ulrich Wagner, Handwerkskammer: "Eine Herausforderung für viele unserer Handwerksbetriebe wächst sich gerade zu einem massiven Problem aus: nicht funktionierende Lieferketten. Aufträge, z.B. in der Bau- und Ausbaubranche oder im Maschinenbau- und Metallhandwerk können nicht erfüllt werden, weil die Lager inzwischen leer sind und kein Material aus dem Ausland zu bekommen ist."

Michael Leppek, IG Metall: "Aus Sicht der IG Metall brauchen wir ein Konjunkturprogramm. Die Menschen werden jetzt nicht große Anschaffungen machen, dennoch haben wir nachzuholen bei Investitionen in öffentliche Infrastruktur, Bildung, Kinderbetreuung, Gesundheit oder Wohnungsbau. Und die Beschäftigten brauchen Sicherheit und eine angemessenes Bezahlung. Jetzt sieht man, welche Branchen wirklich systemrelevant sind. Dann müssen die Beschäftigten in diesem Branchen nicht nur Anerkennung, sondern auch gute Arbeitsbedingungen und eine gute Bezahlung bekommen."

Eine Mitarbeiterin eines Geschäfts steht mit Atemschutzmaske und Handschuhen im Laden.
15 Bilder
Augsburg während des Lockdowns im Frühjahr: Bilder aus einer Stadt, die still geworden ist
Bild: Daniel Biskup

Erdem Altinisik, Gewerkschaft Verdi: "Die Einführung eines Konjunkturpakets, das auch an die Beschäftigten gerichtet ist, wie zum Beispiel durch Barschecks. Die Tarifbindung muss gestärkt werden. Die Arbeitgeber müssen immer wieder auf die Fürsorgepflicht gegenüber ihren Mitarbeitern hingewiesen werden. Wichtig sind aber auch Regelungen für den Prüfungsablauf bei Auszubildenden, die Absicherung der Ausbildungsplätze sowie die Übernahme von Auszubildenden. Denn diese stützen die Belegschaft und sind beim Wiederhochfahren der Wirtschaft unverzichtbar."

Thomas Schörg, Industrie- und Handelskammer (IHK): "Ziel der staatlichen Unterstützungsmaßnahmen ist die Überbrückung existenzbedrohender Notlagen. Da die Finanzierungshilfen nur zeitlich befristet greifen können, steht nun die Wiederbelebung der Nachfrage im Mittelpunkt. Das wichtigste Thema ist daher, die wirtschaftlichen Aktivitäten und den Gesundheitsschutz miteinander zu verbinden. Denn trotz erster Öffnungen fehlt in einigen Bereichen weiterhin eine klare Perspektive. Positiv ist, dass die Unternehmen mit sehr viel Kreativität auf die Situation reagieren."

Ulrich Wagner, Geschäftsführer der Handwerkskammer für Schwaben.
Bild: Ulrich Wagner

Ulrich Wagner, Handwerkskammer: "Zum einen ist es für unsere Betriebe jetzt wichtig, dass die Kunden ihnen die Treue halten und die bestehenden Angebote nutzen. Vor allem auch Aufträge der öffentlichen Hand sind aktuell enorm wichtig. Die Unternehmen brauchen jetzt Stabilität, damit sie ihre Arbeits- und Ausbildungsplätze halten können. Zum anderen braucht es schnellstmöglich die klare Ansage der politisch Verantwortlichen, dass Arbeiten für alle wieder erlaubt ist. Dies natürlich unter Einhaltung von Hygienevorschriften und Abstandsregeln, aber ohne Einschränkung für bestimmte Gewerke oder Branchen."

Über alle Entwicklungen rund um die Corona-Krise in Augsburg informieren wir Sie in unserem Live-Blog.

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