Symposion

02.12.2013

Dabei sein ist alles

Menschen wollen zusammenkommen und ihre Kultur gemeinsam erleben. Stadthallen sind die richtigen Orte dafür – und brauchen Pflege, sagen Experten

„Was war der Ludwigsbau doch schön!“ So seufzen heute noch manche Augsburger im wehmütigen Gedenken an ihre alte Stadthalle im Wittelsbacherpark, die 1965 abgerissen wurde, um der neuen Kongresshalle Platz zu machen. In der Tat versteht man heute nicht mehr, warum man den gemäßigt historisierenden Bau, den Otto Holzer 1913 errichtete, und der mit seinen ineinandergeschobenen Kreissegmenten über einen außergewöhnlichen Grundriss unter einer Kuppel verfügte, beseitigen musste.

Doch auch wer dem Ludwigsbau nachtrauert, der muss sich inzwischen sagen lassen, dass die Kongresshalle, von Max Speidel entworfen und 1972 fertiggestellt, nicht nur kein Unglück für die Stadt, sondern sogar ein bemerkenswert gutes Stück der modernen Nachkriegsarchitektur darstellt. Mit geschichteten Volumina, japanisch inspirierten Pagodendächern und qualitätvoll gearbeitetem Sichtbeton kann sie sich in dem Reigen deutscher Stadthallen nach 1945 durchaus sehen lassen, und nach der Sanierung ist sie sogar Deutschlands erstes CO2-freies Kongresszentrum.

Nun fand in der Kongresshalle ein prominent besetztes Symposion über Kongresshallen statt – Ort und Thema waren also eins, der Anspruch ging freilich ins Grundsätzliche. „Bauen für die Massenkultur“ wollten Wissenschaftler, Architekten und Denkmalpfleger unter die Lupe nehmen, die der Bauhistoriker Olaf Gisbertz nach Augsburg geladen hatte. Werner Durth, der renommierte Darmstädter Architekturtheoretiker, stellte die Augsburger Kongresshalle in eine Reihe mit der Frankfurter Festhalle oder der Jahrhunderthalle Breslau, die an der Schwelle zur Moderne entstanden, sowie der Stadthalle Magdeburg von 1927, einem Kultbau der Moderne, und Nachfolgern wie der Bremer Stadthalle oder der neuen Stuttgarter Liederhalle.

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Weit mehr als reine Zweckbauten

All diese Bauten sind „Stätten der Gemeinschaft“, sind auch Wahrzeichen ihrer Städte und damit weit mehr als reine Zweck- oder Mehrzweckbauten. Sie waren während des Nationalsozialismus ideologisch und propagandistisch aufgeladen und wurden nach 1945 zum Ausdruck demokratischen Bauens und Experimentierfeld für neue Formen und Materialien. Und alle sind sie „Behälter“ für eine Massenkultur, die sich mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert herausbildete.

Massenkultur – damit ist die Stadthalle von vornherein mit einem negativen Image, einem gewissen Unbehagen behaftet. Denn wer will schon zur Masse gehören, fragte Alexander Mitscherlich vor über 40 Jahren. Vom Anrüchigen des Niveau- und Qualitätsverlustes wollte indes der Soziologe Dominik Schrage den Begriff befreien – in einer demokratischen Gesellschaft, die Chancengleichheit verspricht, geht es gar nicht ohne Massenkultur, ohne den Zugang auch der Unterschichten zu Kultur. Diese Kultur ist jedoch zur Ware geworden wie fast alles andere in der Konsumgesellschaft, und sie wird genauso wie fast alles andere mittlerweile von den Massenmedien bestimmt. „ Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft wird zurzeit durch die social networks neu ausgehandelt“, so sagt es Olaf Gisbertz.

Wenn Bürger sich im Internet amüsieren, sich austauschen und sich bilden, genauso wie sie übers Internet einkaufen, braucht man dann überhaupt noch Versammlungsstätten wie die Stadthallen? Sind sie nicht überflüssig geworden? Keineswegs: Schrage betonte, dass die Integrationsleitung der Massenkultur nur durch das Dabeisein, durch den attraktiven Event gelingt. Menschen wollen zusammenkommen und ihre Kultur gemeinsam erleben, und dafür brauchen sie Gehäuse - vom Fußballstadion über die Konzerthalle bis zum Theater.

Grund genug also, sich um die Stadthallen zu kümmern, sie entweder zu erweitern, wie es in Heidelberg oder in Wiesbaden geschehen soll, oder sie zu sanieren, wie man es in Augsburg tat. Dass dies mit Einfallsreichtum und Sensibilität zu geschehen habe, dafür plädierten Denkmalpfleger wie Bernd Vollmar vom Münchner Landesamt. Dazu müsse freilich die Abneigung der Deutschen gegen Beton und Nachkriegsmoderne abgebaut werden. Diese Abneigung ist für den Denkmalpfleger schuld daran, dass der Bauunterhalt bei den Stadthallen aus den 1960er und 1970er Jahren sträflich vernachlässigt wurde. Wie andere Denkmale brauchen auch Stadthallen Bürgerengagement – und dazu findige Hallenmanager, die mit einem guten Programm Besucher ins Haus locken.

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