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Einzelhandel

19.02.2019

Darum müssen Händler um Kleingeld "betteln"

50 Cent verlangt die Stadtsparkasse Augsburg für eine Rolle Münzgeld. Für Einzelhändler kann sich dieser Betrag im Jahr auf mehrere tausend Euro summieren. Nun überlegen viele, wie sie künftig besser ohne Kleingeld auskommen.
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50 Cent verlangt die Stadtsparkasse Augsburg für eine Rolle Münzgeld. Für Einzelhändler kann sich dieser Betrag im Jahr auf mehrere tausend Euro summieren. Nun überlegen viele, wie sie künftig besser ohne Kleingeld auskommen.
Bild: S. Wyszengrad (Symbol)

Plus "Haben Sie zehn Cent?": Wer einkaufen geht, wird jetzt häufiger um Münzen gebeten. Schuld ist eine Bankgebühr. Das könnte noch mehr Konsequenzen haben.

Ilir Seferi ist sauer und schuld sind die Banken. Der Gastronom betreibt in Augsburg den Haunstetter Hof und den Gasthof zum Ochsen in Göggingen. Die Kunden dort zahlen häufig mit Bargeld, erzählt Seferi, vor allem im Straßenverkauf sei das so. Doch genau das kommt dem Gastwirt seit Januar teuer.

Seferis Mitarbeiter im Verkauf brauchen viel Wechselgeld. Bislang sorgte der Gastronom dafür, dass stets ausreichend Münzen vorhanden waren, um den Kunden herauszugeben. Doch die Sparkasse, bei der Seferi Kunde ist, erhebt seit Jahresbeginn eine Gebühr auf Rollengeld – also Münzen, die kompakt in Papier geschlagen sind. 50 Cent pro Rolle fallen an. Ilir Seferi braucht nach eigenen Angaben täglich rund zehn Rollen pro Münzeinheit – von der Ein-Cent-Münze bis zum Zwei-Euro-Stück. Die Gebühren dafür zusammengerechnet, hat er künftig eine finanzielle Mehrbelastung von rund 14600 Euro im Jahr.

Auch beim Wirt der Kulperhütte macht sich die Servicegebühr bemerkbar. „Ich habe das mal grob überschlagen und rechne mit etwa 200 Euro Mehrkosten pro Monat“, sagt Oliver Hüttenmüller. Die Bäckerei Laxgang hat die Mehrkosten nicht auf den Euro genau ausgerechnet, aber: „Es trifft uns hart“, kommentiert auch Katharina Rath-Laxgang die Lage.

Auch für die Banken selbst ist Bargeld teuer

Doch was steckt hinter der Aufregung? Die Stadtsparkasse war eine der letzten Banken, die den Service Rollengeld noch kostenfrei angeboten hat. Bei vielen anderen Geldhäusern gibt es die Gebühr schon länger. So verlangt beispielsweise die Commerzbank schon seit 2016 Geld von ihren Geschäftskunden, wenn sich diese mit Rollengeld eindecken. Die Postbank bietet eine kostenpflichtige Lösung an, bei der das Münzgeld in den Räumen des Kunden in einen Behälter gefüllt, gezählt, dem Kunden gutgeschrieben und anschließend als Wechselgeld wieder ausgegeben wird. „Bargeldversorgung ist teuer. Auch für die Banken selbst“, kommentiert ein Sprecher der Commerzbank.

Das bestätigt auch Marcus Hupfauer, Pressesprecher der Stadtsparkasse Augsburg, wo im Jahr Münzrollen mit einem Gesamtwert von etwa 15 Millionen Euro bearbeitet werden. „Die Bargeldlogistik ist für uns in den vergangenen Jahren deutlich teurer geworden. Es fallen, Personal-, Sach- und Logistikkosten an.“ Dazu so genannte Bargeldprüfverordnung stelle zudem hohe Anforderungen an die Kreditinstitute: „Beispielsweise muss jede Münze auf Echtheit geprüft werden.“ Bislang sei dieses Geschäftsfeld „stark defizitär“ gewesen, weshalb die Stadtsparkasse nun Gebühren verlangt. Ob die 50 Cent langfristig ausreichen, um die Kosten zu decken, müsse man abwarten. „Das hängt davon ab, wie sich die Stückzahlen entwickeln“, sagt Hupfauer.

Katharina Rath-Laxgang und Oliver Hüttenmüller können diese Argumentation nachvollziehen und sich gut vorstellen, dass von den Gebühren für die Bank wenig bis gar nichts übrig bleibt. Dennoch müssen sie und ihre Kollegen eine Lösung finden, um die Kosten für ihre eigenen Unternehmen auszugleichen. Die Konsequenz daraus bekommen Kunden bereits zu spüren: Sie werden von Verkäuferinnen und Verkäufern verstärkt nach Kleingeld gefragt.

Viele Kunden sind irritiert wegen der Nachfrage

„Wir holen der Kosten wegen deutlich weniger Rollengeld und fragen dafür den Kunden nach Münzen“, erzählt Rath-Laxgang. Dass dies den Kunden zunächst irritiert, kann sie verstehen. „Bislang war es ja eher umgekehrt, dass die Verkäuferinnen auf die Nachfrage verzichtet haben, um den Kunden möglichst schnell und unkompliziert zu bedienen“, sagt sie. Auch Oliver Hüttenmüller kennt die Situation. „Wenn viele Kunden anstehen, dann werden die Leute in der Schlange schon mal ungeduldig, wenn einer nach Kleingeld kramt“, erzählt er. Dennoch sei sein Personal dazu angehalten, höflich nachzufragen. „In den meisten Fällen ist das Kleingeld ja auch im Geldbeutel des Kunden vorhanden“, weiß er aus Erfahrung.

Der Umstieg auf EC-Kartenzahlung wäre eine weitere Lösung. Praktikabel ist sie für viele Einzelhändler und Gastronomen nicht. Ilir Seferi zum Beispiel hält es für ausgeschlossen, ganz auf EC-Kartenzahlung umzusteigen: „Handwerker und ältere Leute, die sich mal kurz etwas holen, zahlen nicht mit Karte, sondern eben mit Kleingeld“, ist er überzeugt und sieht daher in einer ersten Reaktion nur eine Möglichkeit: „Ich mache meine Preise glatt.“ Will heißen: Künftig wird ein Produkt nicht mehr 3,50 Euro, sondern eben 3 oder 4 Euro kosten.

Katharina Rath-Laxgang und Oliver Hüttenmüller hoffen dagegen auf die Unterstützung ihrer Kunden. „Wir können für eine Semmel ja nicht plötzlich einen Euro glatt verlangen, nur um das Kleingeldaufkommen zu senken.“ Oliver Hüttenmüller überlegt, ob er künftig ein Schild mit dem Hinweis ,Kleingeld erwünscht‘ aufstellt, um so freundlich um Münzen zu bitten. In naher Zukunft könnte er sich jedoch auch vorstellen ein EC-Kartengerät anzubieten. Schließlich kostet es Geschäftskunden auch Gebühren, wenn sie ihr Münzgeld bei der Bank wieder abgeben. „Um Geld einzunehmen, müssen sie heute auch Geld bezahlen“, fasst Rath-Laxgang zusammen.

Für Privatkunden stellt sich die Lage anders dar. Bei den meisten Banken bleibt das Ein- und Auszahlen von Münzgeld kostenfrei. Bei der Stadtsparkasse beispielsweise gilt dies für Münzeinzahlungen bis 100 Euro. Danach fallen zwei Prozent des Münzwerts an. Auszahlungen bleiben für Privatkunden in haushaltsüblichen Mengen ebenso weiterhin kostenlos.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Andrea Wenzel: Kommt bald das Ende des Bargelds?

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