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17.11.2017

Das Leben und Sterben schwäbischer Juden

Gernot Römer zwischen Hans-Eberhard Schurk und Benigna Schönhagen bei der Unterzeichnung des Schenkungsvertrags zu seinem umfangreichen Forschungsarchiv. 
Bild: Bild: Ulrich Wagner

Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben erhält ein großes Forschungsarchiv zur regionalen NS-Geschichte geschenkt. Erarbeitet wurde es über Jahrzehnte von Gernot Römer, einst Chefredakteur dieser Zeitung

Es ist nur eine Unterschrift: Vorname, Nachname. Aber die wenigen Buchstaben besiegeln die Zukunft der Leistung eines halben Lebens; sie bedeuten Verlust für den Einen und Gewinn für die Anderen.

Mit der Unterzeichnung eines Schenkungsvertrags vor wenigen Tagen hat Gernot Römer, der langjährige Chefredakteur dieser Zeitung, alles Material, das er in 40 Jahren über schwäbische Juden in der NS-Zeit zusammentrug, dem Jüdischen Kulturmuseum Augsburg-Schwaben übereignet. Das ist von einer kaum hoch genug einzuschätzenden Bedeutung für die gesamte Region. Denn Tausende von Briefen, Dokumenten und Fotografien helfen, ein Stück schwäbische Historie zu rekonstruieren und zu bewahren: die jüdische Zeitgeschichte Schwabens, die die Nationalsozialisten zerstört haben. Museumsleiterin Benigna Schönhagen ist glücklich, dass es ihr nach langen Bemühungen und trotz anderer Interessenten gelungen ist, die Sammlung Römer fürs Museum zu sichern.

Leicht ist es Gernot Römer nicht gefallen, die Schenkung zu vollziehen. „Ja, es tut schon weh, das alles abzugeben“, sagt der 88-Jährige wehmütig, um dann aber gleich sehr gefasst fortzufahren: „Aber es ist richtig, ich will das geregelt haben.“ Mehr als 100 Ordner stehen noch in seinem Arbeitszimmer in Stadtbergen bei Augsburg, bevor sie in Kürze in einen Archivraum des Jüdischen Museums umziehen werden. Warum es weh tut, die gesammelten Zeugnisse jüdischen Lebens loszulassen? „Das ist mir immer eine Herzenssache gewesen. Es gab so viele wunderbare Begegnungen mit Menschen, und auch so viele schlaflose Nächte, wenn ich wieder einmal auf ein schreckliches Schicksal gestoßen bin.“

Gernot Römer, 1929 in Wuppertal geboren, begann Mitte der 1970er Jahre nach Spuren schwäbischer Juden zu suchen. Da war er – nach Stationen in Darmstadt, Nürnberg und Essen – gerade mit seiner Frau und den vier Töchtern nach Augsburg umgezogen, hatte in der Redaktion der Augsburger Allgemeinen angefangen und schnell bemerkt, dass man in Schwaben so gut wie nichts wusste über jene Menschen, die von den Nazis vertrieben oder ermordet worden waren. Er begann, nach den Namen der Toten und der Flüchtlinge zu suchen („Ein amerikanischen Soldat war der erste, der mir von seinen umgekommenen Verwandten erzählt hat.“). So fand er die Adresse eines Emigranten, und der wusste wieder etwas von jemand anderem. Mit diesem „Schneeballsystem“ entdeckte Römer nach und nach Hunderte von Menschen, denen entweder die Flucht vor Hitler geglückt war, oder die ihm von ihren ermordeten Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten erzählen konnten.

Römer suchte in Archiven nach Dokumenten über jüdisches Leben vor 1933 und ihr jüdisches Leiden danach; er schrieb Briefe und unternahm viele Reisen in die USA, nach Israel und in andere Länder, um die Überlebenden oder die Nachfahren der Toten zu treffen. Ungezählte Zeitungsartikel sind ab Anfang der 1980er Jahre aus dieser Forschungsarbeit entstanden – vom Chef selbst oder auch aus der Feder jüngerer Kollegen, die er auf die Spur der Zeitgeschichte gesetzt hatte, fast alle in der Augsburger Allgemeinen erschienen, die sich damit bundesweit ein Renommee als besonders geschichtsbewusste Tageszeitung erwarb.

Vor allem aber publizierte Römer zahlreiche Bücher. „Der Leidensweg der Juden in Schwaben“ war 1983 das erste; es folgten Schilderungen der Ausgrenzung und Austreibung schwäbischer Juden, der Euthanasiemorde („Die grauen Busse in Schwaben“), aber auch der wenigen Beispiele von Widerstand und Hilfe für die Verfolgten („Es gibt immer zwei Möglichkeiten“) sowie Biografien schwäbischer Juden. Eine echte Pionierarbeit, die zudem schon die Erkenntnis heutiger Geschichtsdidaktik vorwegnahm: Dass man nämlich konkrete Schicksale vorstellen muss, um den Nachgeborenen historische Verläufe verstehbar zu machen.

Wie aber konnte der Journalist, der zunächst als Chef vom Dienst, dann als Mitglied der Chefredaktion und schließlich als verantwortlicher Chefredakteur bis 1994 eine große Tageszeitung leitete, neben dem strapaziösen Tagesgeschäft diese Forschung betreiben? „Das verdanke ich meiner ersten Frau“, sagt der alte Herr bescheiden. Ellen Römer, wie ihr Mann eine Wuppertalerin (beide kannten sich schon aus Kindertagen), führte die umfangreiche Korrespondenz mit den Zeitzeugen, organisierte die Reisen und „hatte immer Verständnis“ für den Ehemann, der vor oder nach einem langen Redaktionstag, an Wochenenden und im Urlaub an seinem Lebensthema arbeitete. „Wenn Papa sagte, das ist jetzt mein letztes Buch, glaubten wir das keinen Augenblick“, erzählt Tochter Gaby Römer aus dem Familienalltag. Auch als ihr Vater in den Ruhestand gegangen war, beendete er nicht sein Engagement für die jüdische Geschichte Schwabens – im Gegenteil: Er leitete den Stiftungsrat des Jüdischen Kulturmuseums, dessen Ehrenvorsitzender er heute ist, und er unternahm, etwa mit der deutsch-israelischen Gesellschaft, Reisen nach Israel und ins polnische Piaski, wo ein Gedenkstein für die aus Schwaben dorthin deportierten Juden aufgestellt wurde.

Der nie nachlassende Einsatz für die Erinnerung an die verfolgten Juden speist sich aus frühen Erfahrungen. Römer erzählt, wie er als Neunjähriger mit seiner Mutter in die Praxis eines jüdischen Kinderarztes kam und dort vor eingeschlagenen Türen und Fenstern stand. Es war der Morgen nach der Pogromnacht des 9. November 1938. „Ich war fassungslos.“ Und dann war da noch Heinrich Selzer aus dem Dorf Obernau an der Sieg, der Vater des Dienstmädchens der Familie Römer, ein einfacher Hüttenarbeiter und aufrechter Kommunist. Ihn besuchte der Junge regelmäßig („In HJ-Uniform bin ich da hingereist.“), und am Kaffeetisch setzte ihm Mann auseinander: „Gernot, du wirst noch begreifen, dass Hitler ein Verbrecher ist.“ Heinrich Selzer habe ihn zum politischen Menschen gemacht, resümiert Römer.

Zu einem Menschen, der seine Liebe zum Theater (dabei hat es ihm besonders die Märchenfigur der „Undine“ in Schauspiel und Oper angetan) hintan stellte, weit hinter die Erforschung jüdischer Schicksale. Dass diese weitergehen und dass dafür das von ihm gesammelte Material erschlossen wird, das haben ihm Museumleiterin Benigna Schönhagen und der neue Stiftungsvorsitzende Hans-Eberhard Schurk vertraglich zugesichert. Zahlreiche Namen müssen festgehalten und einander zugeordnet werden; Fotografien gilt es, zu beschriften. Für die Erschließung hat das Museum bereits ein Gutachten eingeholt. Dieses empfiehlt, Briefe, Dokumente und Fotos so zu ordnen und zu verzeichnen, dass sie auch digital nutzbar sind. Dafür sei die Arbeit eines Jahres erforderlich. „Frau Schönhagen nimmt sich dessen an“, sagt Gernot Römer zuversichtlich. Er hat sein Archiv abgegeben, er hat das Seine getan.

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