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03.09.2009

Das Luftschiff "Parseval"

Augsburg 1884 hatten die kurzen Fahrten des in Frankreich von Charles Renard und Arthur H. C. Krebs gebauten lenkbaren Luftschiffes "La France" für Furore gesorgt. 50 Meter lang, mit einer batteriegespeisten 9-PS-"Dynamomaschine" und Luftschraube ausgestattet, konnte es bei kurzen Flügen und Windstille wieder zum Ausgangspunkt zurückkehren. August Riedinger hatte die technischen Entwicklungen in der Luftfahrt aufmerksam verfolgt. Der Unternehmer und Ingenieur war ein Luftfahrt-Enthusiast, aber kein Phantast. Deshalb bediente er sich zur Verwirklichung seiner eigenen Luftfahrt-Ideen bester Fachleute.

Im Herbst 1889 gründete er zusammen mit dem Ballonfahrer Hans Bartsch von Sigsfeld (1861-1902) eine Versuchswerkstatt für "Aviatik" (= Flugkunst). Anfang 1890 stieß Leutnant August von Parseval (1861-1942) zu dem Team. Ihr gemeinsames Ziel: die Entwicklung eines lenkbaren Motorluftschiffes. Dessen Unhandlichkeit und Unsicherheit wegen der vom Motor ausgehenden Feuersgefahr bewogen sie nach einigen Monaten, die Arbeiten abzubrechen. Zum Erfolg führte jedoch der von ihnen entwickelte "Drachenballon" der ab 1897 in vielen Ausführungen die Ballonfabrik Riedinger verließ. Mitkonstrukteur von Sigsfeld verunglückte als Hauptmann im preußischen Luftschifferbataillon am 1. Februar 1902 bei einer Sturmlandung mit einem Freiballon tödlich. Riedinger und von Parseval machten weiter. Sie begnügten sich nicht mit dem Erfolg ihres "Drachenballons".

Nun war für sie die Zeit reif für ein lenkbares Luftschiff, wie es August Riedinger bereits 1888 vorgeschwebt war. Jetzt gab es weltweit Erfahrungen mit vielerlei Bauweisen. In allen Industriestaaten wurden um 1900 lenkbare Luftschiffe entwickelt und gebaut. Die meisten erfüllten die Erwartungen nicht. Das "Augsburger Modell", für das Ende 1901 die Pläne vorlagen, war ein "Prall-Luftschiff" (wie bereits Wölferts Luftschiffe). Es beruhte auf dem Ballonprinzip, bestand also nur aus Hülle, Gurten, Seilen - ohne starres Gerippe aus Holz oder Metall, wie es Graf Zeppelin bauen ließ. Dessen 128 Meter langes Versuchsluftschiff stieg am 2. Juli 1900 am Bodensee erstmals auf.

Ein ebenso spektakuläres Ereignis war im Oktober 1901 die Umkreisung des Eiffelturms mit einem Luftschiff mit Rückkehr zum Startplatz durch Santos Dumont, der sich den dafür ausgelobten Henri-Deutsch-Preis in Höhe von 100 000 Franc holte. Solche Erfolge beflügelten August Riedinger und sein Team. 1902 waren Hülle und Gondel des "Parseval"-Prototyps bei Riedinger gebaut worden, doch der Motor bildete noch immer das große Problem (zu schwer und zu wenig PS). Erst im Spätherbst 1905 war es so weit: "Parseval" konnte endlich motorisiert werden. Am 26. Mai 1906 reihte sich das 48 Meter lange Luftgefährt mit einer Hülle aus doppeltem Diagonalstoff mit Zwischen- und Außengummierung unter die erfolgreichen Motor-Luftschiffe ein.

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Mit Unterstützung des Königlich Preußischen Luftschiffer-Bataillons und unter den kritischen Augen der Militärs stieg es in Berlin erstmals auf. Zum 45-minütigen Jungfernflug schreibt das "Jahrbuch der Erfindungen 1907": "Bei ziemlich frischem Winde fuhr der von drei Mann besetzte Ballon Kreise, Achten und mit dem Winde, machte Kurven und Wendungen - genug: er gehorchte unbedingt der Maschine so gut wie dem Steuer."

Ohne inneres Gerippe

Im Juni 1906 folgten weitere vier Starts. Mit einem Rauminhalt von nur 2300 m³ war der erste "Parseval" entschieden kleiner als der "Zeppelin". Im Gegensatz zu diesem zählte er zu den "Unstarren", zu den Luftschiff-Typen, die ohne inneres Gerippe auskamen. Die offene Gondel hing an Tauen. Darin fanden bis zu sechs Personen Platz, ein 86-PS-Daimler-Motor mit Stoffluftschraube mit Gewichten (deren Flügel strafften sich durch Zentrifugalkraft) sorgte für den Antrieb.

Am 31. Juli 1906 wurde auf Anregung von Kaiser Wilhelm II. die "Motorluftschiff-Studiengesellschaft" gegründet. Sie kaufte im November 1906 den Parseval-Prototyp und alle Patente für 130 000 Mark.

Transport auf Luft- und Seeweg

Die daraus hervorgehende "Luftfahrzeug GmbH" baute die faltbaren und somit auf dem Land- und Seeweg transportablen Luftschiffe in Bitterfeld. Die Hüllen kamen weiter aus Augsburg. Das Versuchsluftschiff wurde nach 29 Fahrten zum "PL 1" umgebaut und existierte bis 1912. Das Nachfolgemodell "PL 2" beeindruckte zwar mit einer 11,5-Stunden-Fahrt am 15. September 1908, ging aber einen Tag später bei Berlin wegen eines Risses in der Hülle aus geringer Höhe zu Boden, ohne dass Major von Parseval und weitere drei Passagiere zu Schaden kamen. Die "PL 2"-Gondel ist erhalten, sie zählt zu den Exponaten im Deutschen Museum. An "PL 3", 75 Meter lang und 1909 in Dienst gestellt, gibt es in Augsburg reichlich fotografische Erinnerungen - fast alle datiert mit 13. Oktober 1909. Dieses stattliche 6000-m³-Luftschiff war im Besitz des preußischen Militärs und durch zwei 110-PS-Motoren sicher bei Gegenwind manövrierbar. Es machte in Augsburg auf einer Süddeutschland-Tour Station, bestaunt von Tausenden. Es blieb der einzige Besuch eines "Parseval"-Luftschiffes in Augsburg.

Fliegende Zigarre mit 157 Metern

Bis 1916 wurden insgesamt 25 dieser wulstigen "fliegenden Zigarren" gebaut, das größte mit 31 300 m³ Volumen und 157 Meter Länge (Nutzlast 18 Tonnen, 4 Maybach-Motoren mit insgesamt 960 PS). Marine und Heer orderten sie, Bestellungen gingen aus Österreich, Russland, England, Italien und Japan ein. 1928 bis 1931 entstanden dann weitere vier lediglich 40 bis 46 Meter lange Werbe-Luftschiffe nach dem gerippelosen Parseval-Prinzip.

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