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Augsburg

22.11.2016

Das Schweigen der Wissenschaftler beim Thema Flüchtlinge

Die Flüchtlingsfrage ist das wohl am häufigsten diskutierte politische Thema der vergangenen zwei Jahre. Stimmen aus der Wissenschaft waren dazu allerdings bislang wenig zu hören.
Bild: EPA/ITALIAN NAVY PRESS OFFICE

Das Thema Flüchtlinge bestimmt die Debatte. Wir sprachen mit Professor Peter A. Kraus von der Uni Augsburg über Lösungsansätze und warum so wenig von Forschern zu hören ist.

Professor Kraus, was wäre aus Ihrer Sicht als Politikwissenschaftler wichtig, damit die Integration der Flüchtlinge in Deutschland klappt?

Peter A. Kraus: Wir brauchen ein neues Selbstverständnis, in dem sich sowohl Deutsche als auch Migranten und Flüchtlinge wiederfinden. In den USA reden sie in dem Zusammenhang beispielsweise vom Schmelztiegel oder der Salatschüssel der Kulturen und in Kanada vom multikulturellen Mosaik. Wie dieses verbindende Element in Deutschland aussehen kann, dazu kann auch die Wissenschaft durchaus ihren Beitrag leisten. Es gibt bislang keine plausiblen Antworten darauf, was es bedeutet, Deutscher zu sein. Es geht dabei nicht um ein starres völkisches Verständnis des Begriffes, sondern darum, einen groben Rahmen zu definieren, in dem dann kritische Debatten über mögliche Fehlentwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen möglich sind.

Warum fehlt ein solcher Rahmen bislang?

Peter A. Kraus: Ein Grund ist die historische Vergangenheit mit dem Nationalsozialismus. Die Identitätsfrage ist etwas, das die politische Linke in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten tabuisiert und die Sozialwissenschaften großteils ausgeblendet haben. Die Diskussion darüber wurde den Rechten überlassen. In der aktuellen Debatte und an den Wahlergebnissen der AfD sehen wir aber, dass die Frage viele Menschen umtreibt. Diese Sorgen müssen ernstgenommen werden. Vielleicht sollte der historische Aspekt in der Diskussion stärker beachtet werden. Viele Deutsche wanderten nach Nord- und Südamerika aus und es gab vor dem Ersten Weltkrieg große Einwanderungsbewegungen aus dem heutigen Polen und nach 1945 von den sogenannten Aussiedlern.

Und eine neue Identität schafft mehr Akzeptanz für Menschen anderer Herkunft?

Peter A. Kraus: Migranten bereichern unser Leben nicht nur kulinarisch und kulturell, sie tragen auch erheblich zur Kreativität und Produktivität des Landes bei. Das könnte aber noch viel besser funktionieren, würden im Ausland erworbene Qualifikationen hier auch anerkannt.

Das sehen viele Wirtschaftswissenschaftler, die sich in der Flüchtlingsdebatte zu Wort gemeldet haben, skeptischer. Sie verweisen beispielsweise auf die Auswirkungen von Zuwanderung auf das Sozialsystem oder die Probleme bei der Integration in den Arbeitsmarkt.

Peter A. Kraus: Wenn Sie sich die Aussagen und Prognosen der Ökonomen ein Jahr später ansehen, stellen Sie fest, dass sich diese häufig nicht bewahrheitet haben. Richtig ist aber, dass die Sprache der Schlüssel ist, um in Arbeitsmarkt und in Gesellschaft Fuß zu fassen. Deutschland kann sich hier ein Beispiel an Kanada oder Schweden nehmen, wo es für die Vermittlung der Landessprache viel umfassendere Programme gibt.

Warum ist so wenig von Wissenschaftlern zu hören in der aktuellen Debatte, die die Gesellschaft spaltet?

Peter A. Kraus: Es gibt Ausnahmen, aber die Wissenschaft hat in der Vergangenheit zu wenig über den Tellerrand geblickt. Lehre und Forschung fanden sehr lange primär im nationalen Rahmen statt. Es ging sehr lange um den deutschen Rechtsstaat, das deutsche Bildungssystem oder das politische System Deutschlands. Eine europäische oder globale Forschung findet hingegen zu selten statt. Das ändert sich langsam. Das ist ein Grund, warum auch die Wissenschaft oft überfordert ist, wenn es darum geht, fundierte Antworten zur aktuellen Situation zu geben.

Also müsste die Frage der Flüchtlinge auf europäischer oder globaler Ebene geregelt werden?

Peter A. Kraus: Das wäre der richtige Rahmen dafür gewesen. Die Europäische Union hat bei dem Thema versagt und der Nationalismus in den Mitgliedsstaaten scheint unaufhaltsam zu wachsen. Das ist ein Phänomen, das sich seit der EU-Osterweiterung immer mehr verdichtet. Die Schwäche der EU und der deutschen Regierung ist nicht zuletzt deswegen problematisch, weil sie den Rechtspopulisten in die Hände spielt. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt „Wir schaffen das“, verrät aber nicht wie. Das ist einfach zu wenig. Die Menschen erwarten Antworten und Konzepte.

Sie haben kürzlich über das Thema mit Kollegen bei einer Podiumsdiskussion in Augsburg diskutiert. Was nehmen Sie aus der Veranstaltung mit?

Peter A. Kraus: Politiker sollten den Leuten an der Basis, die täglich in dem Themenbereich arbeiten, zuhören. Die wissen, wovon sie reden, und Vieles läuft bei der Integration besser, als es die Debatte vermuten lässt.
Interview: Christian Mühlhause

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