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Augsburger Geschichten

11.07.2018

Das Tanzhaus stand bei der Moritzkirche

Das Gemälde im Maximilianmuseum zeigt einen Geschlechtertanz im Jahre 1560. Er fand im Obergeschoss des Tanzhauses statt.
Bild: Maximilianmuseum

Bilder überliefern Geschlechtertänze. Vor 386 Jahren wurde das Gebäude von Elias Holl abgebrochen.

Im Maximilianmuseum lassen großformatige Ölgemälde staunen: Vornehm gekleidete Herren führen graziös Damen in prächtigen Gewändern und mit fantasievollem Kopfschmuck in einem großen Saal. Die Beschriftung erklärt die dargestellte Szene: „Geschlechtertänze waren zentrale Ereignisse des Augsburger Patriziats. Sie wurden von der Herrenstube veranstaltet, der aus den Herren und Mehrern bestehenden gesellschaftlichen Vereinigung der Augsburger Oberschicht. Diese Reigentänze, zu denen man gerne historische Kostüme trug, fanden zu besonderen Anlässen statt, zum Beispiel bei Hochzeiten oder während Reichstagen. Häufig waren sie mit einem Turnier oder einem Bankett verbunden.“

Festgehalten ist auf dem Gemälde ein Geschlechtertanz im Tanzhaus. Dieses Tanzhaus gibt es seit dem Jahr 1632 nicht mehr. Da musste es Elias Holl abbrechen. Augsburgs Oberschicht feierte danach meist in privaten Stadtpalais. Die 1632 im Dreißigjährigen Krieg endende Tanzhaus-Tradition reicht mindestens ins 14. Jahrhundert zurück. Bis 1396 gab es ein Tanzhaus auf dem heutigen Fischmarkt zwischen Rathaus und St.-Peter-Kirche. Da berichtet nämlich ein Chronist über die Verlegung: „Das Tanzhaus, so bisher neben dem Rathhauß, da jetzund der Fischmarkt mit dem springenden Brunnen ist, gestanden und mit Schindeln bedecket war, ist mitten auf den Platz underhalb dem Weinmarckt versetzet worden.“

Im Jahre 1396 wurde demnach von der Stadt ein Tanzhaus bei der Moritzkirche mitten auf der breiten Stadtmagistrale errichtet. Dieser Bereich war eigentlich ein Marktplatz. Dem trugen die Stadtherren Rechnung. Der Tanzhaus-Neubau bekam eine Doppelnutzung: Der große Saal nahm das Obergeschoss ein, das Parterre diente als Markthalle. Bäcker, Metzger und Obsthändler bekamen darin Verkaufsstände. Allein 13 „Metzgerbänke“ seien es gewesen.

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Das Tanzhaus war ein Fachwerkbau aus Holz und Lehm

Dieses Tanzhaus von 1396 war ein Fachwerkbau aus Holz und Lehm. Er genügte nur 33 Jahre lang den Ansprüchen der Oberschicht, die in Augsburg das Sagen hatte. Anno 1429 begann nach dem Osterfest der Abbruch. Ein Neubau folgte sofort. Schon am 20. August 1429 konnten die Bäcker, Metzger und Obsthändler in dem „schön hoch von Holzwerk erbauten Tanzhaus“ einziehen. Auch die „Herren-Trinkstube“ zog ein. Das war ein exklusiver Männerklub zu „Zeche und Kurzweil“, aber auch zu Handelsgeschäften. Über der Verkaufshalle mit Holzbalkendecke nahm am 29. September 1429 Augsburgs höchste Gesellschaft den prächtig ausgestatteten Saal mit einem Tanz in Besitz.

Bilder aus dieser Zeit fehlen. Aussehen und Einteilung dieses Tanzhauses sind nur durch Beschreibungen überliefert. „Die Fenster der Trinkstube waren gegen den Berlach, das Tanzhauß gegen den Weinmarckt“, heißt es darin. Der platzartige Weinmarkt lag südlich des Tanzhauses. „Die Bürger haben ihr Trinkstuben auf dem Tanzhaus bis auf das 1452. Jahr nur 22 Jahr gehabt, da ist es verprunnen“, berichtet eine Chronik. Am 18. November 1452 brannte es ab. Die Brandursache ist festgehalten: Die „Beckhen magdt oder knecht“ hätten nicht genug auf die offene Glut geachtet.

Sechs Jahre vor dem Abbruch ist das Tanzhaus in einem Stadtplan von 1626 letztmals abgebildet. 1632 wurde die Straße südlich des Moritzplatzes „freigelegt“.
Bild: Sammlung Häußler

Diese Erfahrung bewog die Stadtherren, den Nachfolgebau feuersicher zu errichten: Das dritte Tanzhaus an dieser Stelle wurde gemauert. Über der Verkaufshalle erhielt es statt einer Balkendecke ein Backsteingewölbe. Dieses Tanzhaus bei der St.-Moritz-Kirche ist auf Gemälden, Zeichnungen und Stadtplänen dokumentiert. Aus dem Jahr 1521 stammt eine Außenansicht von Westen. Elf hohe Fenster weist der über die gesamte Gebäudelänge reichende Festsaal auf. Die „Herren-Trinkstube“ fand keinen Platz mehr. Sie siedelte in ein Haus gegenüber dem Rathaus um. Zwei Fensterreihen lassen auf eine hohe ebenerdige Verkaufshalle unter dem Tanzboden schließen.

Das Tanzhaus stand bei festlichen Anlässen und bei Reichstagen im Blickfeld, denn auf dem platzartigen Weinmarkt vor den Fuggerhäusern fanden Ritterspiele statt. Für höchste Gäste wie den Kaiser war an der Südseite des Tanzhauses bei solchen Großereignissen eine Tribüne errichtet. Da der Weinmarkt der größte innerstädtische Festplatz war, kam dem Tanzhaus eine hohe repräsentative Bedeutung zu. Deshalb war der Südgiebel mit Malereien geschmückt.

1632 wurde das Tanzhaus abgerissen

Anno 1577 fand Chronisten zufolge der letzte Geschlechtertanz statt. Danach verlor das Tanzhaus seine gesellschaftliche Bedeutung. Stadtwerkmeister Elias Holl bekam 1608 den Auftrag, den Bau zu vermessen und auf Plänen zu dokumentieren. Dadurch ist das letzte Tanzhaus detailgenau überliefert.

Der Ausschnitt aus dem Stadtplan von 1521 verdeutlicht den Standort und das Aussehen des Tanzhauses bei der Moritzkirche.
Bild: Sammlung Häußler

Offenbar war 1608 der Abbruch ins Auge gefasst. Doch das Tanzhaus stand noch 24 Jahre. Am 19. November 1632 sei das „unbrauchbare und gantz baufällige Tantz-Hauß, so der St. Moritzen-Kirche gegenüber gestanden, auf Verordnung des Raths bis auf den Grund niedergerissen, und hierdurch dieser Haupt-Strasse ein schönes Aussehen gegeben“ worden, notierte der Historiker Paul von Stetten zu der Entwicklung.

Ende des Jahres 1632 war der Blick vom Merkurbrunnen zum Herkulesbrunnen und zum dahinter aufragenden Giebel des reichsstädtischen Siegelhauses frei. Erst mit dem Abbruch des Siegelhauses und der daran gegen den Ulrichsplatz anschließenden Wein- und Salzstadel im Jahr 1808 bekam die Maximilianstraße durchgehend ihre heutige imposante Breite.

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