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Augsburg

12.12.2018

Das etwas andere Frühstück

Wiederbelebt hat die Fachbasis Lechhausen das interkulturelle Frühstück im Stadtteil. Bei türkischem Schwarztee und gefüllten Weinblättern, aber auch Weißwürsten und Brezen nutzten die Besucher die Gelegenheit, Menschen aus fremden Nationen kennenzulernen.
Bild: Michael Hochgemuth

Erster interkultureller Brunch im Mehr-Generationen-Treff Lechhausen nach längerer Pause. Persisch-arabische Volkslieder umrahmen die kulinarische Zusammenkunft, bei der türkische Gäste vermisst werden

Zwei Ehepaare sitzen am Tisch und frühstücken. Aber sowohl das Frühstück als auch die vier Personen entsprechen nicht ganz gängigen Vorstellungen. Es gibt unter anderem gefüllte Weinblätter, Weißbrotscheiben mit Paprikapastete, Börek in Form eines Kuchens, Salat mit Couscous, Lauchzwiebeln und Wildgurkenstücken sowie als Nachtisch Schekerpare, eine Art süße Plätzchen mit Haselnüssen darauf. Nicht alles davon ist den beiden Paaren vertraut, denn Anja Kronthaler und Michael Wagner sind Einheimische, Reza und Berenice Chitsaz dagegen haben Migrationshintergrund (Reza ist Iraner).

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Getroffen haben sie sich beim kulturellen Frühstück im Mehrgenerationentreff (MGT) Lechhausen. Die Fachbasis versucht, diese Veranstaltung, die es vor einigen Jahren in ähnlicher Form schon einmal gab, wiederzubeleben. Das erste Treffen war zwar nicht so gut besucht wie erhofft, aber hat doch etwa 20 Teilnehmer aus unterschiedlichen Herkunftsländern einander näher gebracht. Miteinander zu essen, ist wohl die beste Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen.

Was sich beim Frühstück herausschmecken lässt

Es gab auch typisch Bayerisches: Weißwurst und Brezen. Getrunken wurde türkischer Schwarztee und Kaffee. Man konnte sich gut darüber austauschen, was man kennt und was nicht und was sich bei welcher Speise herausschmecken lässt. Teilweise waren die Gesprächsthemen banal: Kennen Sie auch…, und was macht eigentlich…? Wo kann man in Augsburg dies und jenes gut einkaufen? Aber mitunter wurden auch Themen angepackt, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Ethnien deutlich machen und so halfen, Fremdes besser kennenzulernen.

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Reza Chitsaz ist ein Kenner der persischen Kultur, und es macht ihm Spaß, sein Wissen weiterzugeben. Rasch ging es darum, was für eine Sprache heute im Iran gesprochen wird und was sie mit dem Persisch früherer Zeiten zu tun hat. Dadurch kam die Runde zum Indogermanischen und erfuhr, dass es im Persischen und Deutschen viele ähnliche Worte gibt, was so erklärt wird, dass einst germanische Völker in einer Kälteperiode in Richtung Orient, auch Persien, ausgewandert sind. Schließlich ging es um den bedeutenden persischen Herrscher Kyros der Große, der zwar viele Nachbarvölker unterwarf, aber ihre Kultur und Religion respektierte und unangetastet ließ. Eine Toleranz, die in gewissem Sinn auch Vorbild für heute sein könnte.

Berenice und Reza Chitsaz lieferten zudem ein musikalisches Beiprogramm in Form von persisch-arabischen Volksliedern und – passend zur Zeit – deutschen und internationalen Adventsliedern.

Am kulturellen Frühstück nahm auch Selin Cirakman teil, eine junge türkischstämmige Frau, die nur noch selten in die Heimat ihrer Eltern kommt, aber dennoch auf ihre Kultur und die muslimische Religion Wert legt. Derzeit studiert sie Lehramt und beobachtet an den Schulen mit Sorge, dass einheimische wie auch türkische Schüler lieber unter sich bleiben. Sie findet, Jugendliche sollten stärker aufeinander zugehen, weil es ihnen doch leichter falle als Älteren. Deshalb unterstützt sie das Ziel des kulturellen Frühstücks. Etwas Ähnliches biete auch das Islamische Forum in der Steinernen Furt an, dessen Vorstand sie angehört. Dort vermisst sie alteingesessene Augsburger als Gäste ebenso, wie ihr im MGT die Teilnahme von türkischstämmigen Bürgern zu gering ist.

Ein gutes Beispiel für das Dilemma des MGT

Die junge Frau ist ein gutes Beispiel für das Dilemma, von dem sie spricht: Sie macht einen sehr gut integrierten Eindruck, und man hat keine Zweifel, dass sie im deutschen Schulsystem eine gute Lehrerin sein wird. Aber etwas von ihrer türkischen Prägung will sie auf jeden Fall behalten. Die alte Generation habe Sorge gehabt, „eingedeutscht zu werden“, wie Cirakman das im Gespräch mit unserer Zeitung ausdrückte. Die Jüngeren sollten bei der Integration etwas mutiger sein. „Alle sind unzufrieden“, konstatierte sie, „aber keiner macht etwas.“

Die Fachbasis macht nach Aussage ihres langjährigen Vorstands Gregor Lang die gleiche Erfahrung. In Lechhausen hat fast die Hälfte der Einwohner Migrationshintergrund, da könne es nicht sein, dass man nur nebeneinander her lebe. Früher gab es in Lechhausen die Familientafel, jetzt soll eine ähnliche Veranstaltung etabliert werden, damit sich die Menschen begegnen können und Gemeinsamkeiten entdecken. Der neue Vorsitzende der Fachbasis, Semir Emir, ein arabischstämmiger Alevit, findet nach eigener Aussage, dass es vor 20 bis 30 Jahren noch mehr Berührungspunkte gab. Sowohl Einheimische als auch Zuwanderer hätten Angst vor dem Unbekannten. Im MGT seien Treffen in einem neutralen Raum und in ungezwungener Atmosphäre möglich. Wie Lang hofft er, dass sich das kulturelle Frühstück herumspricht und immer besser besucht wird.

Ein zweiter Termin ist fest geplant: am 19. Januar ab 11 Uhr. Wie es danach weitergeht, ist noch offen.

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