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Dreigroschenheft

11.08.2012

Das flotte Aufgebot des Bertolt Brecht

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Mit der Dichterin Paula Ludwig war B.B. früh befreundet.

Dirk Heißerer erforschte anhand der Münchner Akten die beschleunigte Heirat mit Marianne Zoff

Es musste rasch gehen, als sich Bert Brecht und Marianne Zoff im Jahre 1922 in München das Jawort gaben. Die 29-jährige Opernsängerin war schon im fünften Monat schwanger, der 24-jährige Bühnenschriftsteller sollte zur Vorbereitung vor allem der Berliner Erstaufführung seines Stückes „Trommeln in der Nacht“ verreisen. Also machten die beiden Druck aufs Standesamt und tatsächlich war ihr Aufgebot nur ganz kurz ausgehängt, bevor am 3. November 1922 die Heirat beurkundet wurde.

Diesen hektischen Ablauf hat nun erstmals der Literaturforscher Dirk Heißerer anhand eines Quellenfundes im Münchner Stadtarchiv rekonstruiert und im aktuellen Dreigroschenheft, der Brecht-Zeitschrift aus Augsburg, dargestellt. Darin befinden sich auch Erinnerungen der vergessenen Dichterin Paula Ludwig (1900–1974) an Brecht – ebenfalls ein wertvoller Archivfund.

Heißerer kam eine Lockerung des Personenstandsrechts zugute,sodass er als Erster die originalen Akten einsehen konnte. Bisher kannte man nur die Interviewaussage von Marianne Zoff von 1981: „Es war eine stille, kleine Hochzeit. Lion Feuchtwanger und Brechts Schulfreund Müllereisert fungierten als Trauzeugen. Wir hatten zwei Zimmer in der Akademiestraße, en paar Möbel und eine ungewisse Zukunft.“

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Eine Eheschließung war wohl bereits früher einmal geplant. Der Geburts- und Taufschein des Pfarramts Hainfeld in Niederösterreich datiert vom 14. März 1921. Marianne Zoff war damals zum ersten Mal von Brecht schwanger, der sich aber sträubte. Anfang Mai verlor die Sängerin das Kind, das Problem hatte sich erledigt. Brisant wurde die Heirat 15 Monate später. Die Polizeidirektion München stellte am 17. August 1922 für Marianne Zoff ein Familienstandszeugnis aus: „dahier im Aufenthalt und soviel bekannt ledig“. Gleiches brachte Eugen Berthold Brecht am 21. August bei.

Doch die Sache zog sich, denn inzwischen war die politische Bezirksverwaltung im tschechischen Brünn (Brno) für Zoffs Geburtsort Hainfeld zuständig. Jedenfalls meldete sich der Rechtsanwalt Dr. Alexander Dillmann am 31. Oktober 1922 beim Standesamt München I mit dem Gesuch, das Eheaufgebot, das üblicherweise zehn Tage ausgehängt werden musste, auf ein Minimum zu verkürzen. Denn der Bräutigam begebe sich „auf ein längeres Reiseleben und kann ohne Berufsstörung und große Kosten nicht so rasch wieder hierherkommen“.

Wegen beiderseitiger Ehebrüche 1927 wieder geschieden

Am 2. November wurde das Aufgebot veröffentlicht, am Tag darauf wieder abgenommen, weil die Heirat schon stattgefunden hatte. Am 12. März 1923 kam ihre Tochter Hanne Marianne zur Welt. Die Ehe mit der Zoff wurde am 22. November 1927 in Berlin wegen beiderseitiger Ehebrüche geschieden.

Lange zuvor hatte Brecht bereits die junge Dichterin Paula Ludwig kennengelernt. Sie war schnippisch und sagte ihren Freunden, die auf den „interessanten jungen Dichter“ aufmerksam machten: „Er sieht aus wie eine Ameise!“ Um 1920/21 war das, in München, wo Paula sich als Hausangestellte, Modell bei Franz Stuck, Souffleuse und Statistin bei Otto Falckenberg durchschlug. In der Uraufführung von „Trommeln in der Nacht“ hatte sie 1922 eine kleine Rolle. Schon 1919 war ihr erster Lyrikband „Die selige Spur“ erschienen und Lektor Hermann Kasack rechnete sie im Vorwort in einem Atemzug mit Else Lasker-Schüler „zu den wenigen dichterischen Frauengestalten unserer Zeit“. Kasack war auch ein Förderer Brechts, und als der zweite Gedichtband „Der himmlische Spiegel“ von Paula Ludwig 1927 erschien, stellte der Lektor eine Verbindung zwischen den beiden her: Paula schreibe „Gedichte von einer ergreifenden Kraft und Einfalt der Sprache“, die in ihm einen so entscheidenden Eindruck hinterließen, wie er ihn nur von den ersten Manuskripten Bert Brechts empfangen habe.

B.B. traf Paula Ludwig wieder in Berlin, er zeigte ihr sein Atelier und Paula erinnert sich an seine Worte: „Das ist wie eine Schiffskabine, ich bin auf hoher See. Ein Schreibtisch mit weißen Blättern.“ Auf einem Künstlerfest wollte Brecht nur mit ihr tanzen. „Wir haben den gleichen Rhythmus“, versicherte er ihr. Paula reflektierte später: „Wir hatten zu sehr den gleichen Rhythmus.“

Auch nach dem Krieg konnte sie auf Brechts Hilfe zählen. Paula Ludwig war zuletzt in Brasilien im Exil und kehrte 1953 nach Deutschland zurück. Allerdings konnte sie literarisch nicht mehr Fuß fassen. Freunde wandten sich an B.B., der eine Sammlung ihrer Gedichte publizieren wollte. Immerhin wies er aus Ostberlin am 5. April 1955 an, dass der Suhrkamp-Verlag in Frankfurt am Main Paula Ludwig 103 Mark auszahlte – mehr konnte er vor seinem Tod nicht mehr für sie tun.

Dreigroschenheft. Informationen zu Bertolt Brecht, Heft 3/2012, Wißner-Verlag Augsburg, 48 Seiten, 3 Euro

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