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26.07.2010

Das "inoffizielle Kompetenzzentrum"

Das "inoffizielle Kompetenzzentrum"
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Das "inoffizielle Kompetenzzentrum"

Man muss schon früh aufstehen, um alles zu verstehen, was Dr. Gerhard Hofweber sagt. Immerhin hat er über "Die Bedeutung des Skeptizismus beim jungen Hegel" promoviert, derzeit sitzt er über seiner Habilitation und peilt eine Professur für Philosophie an. Seine Seminare, die er in ganz Deutschland anbietet, richten sich an Wirtschaftsführer. Dabei geht es um die Philosophie des Geldes, um substanzielle Persönlichkeitsentwicklung und den Unterschied zwischen Verstand und Vernunft. Ein großer Unterschied, wie der Gelehrte versichert.

Wer jetzt ein Wohnzimmer eines leicht zerstreuten Theoretikers mit aufgetürmten Bücherbergen und vielen losen Blättern erwartet, wird enttäuscht.

Im Raum, etwa 34 Quadratmeter groß, steht nur wenig Mobiliar, darunter zwei Bücherschränke und ein sehr großer Tisch. Letzterer stammt aus Berlin, diente dort einer Werbeagentur beim Austüfteln cleverer Anzeigenserien, jetzt ist er Mittelpunkt, wenn der Philosoph sich mit sechs Mitstreitern Montag für Montag trifft.

"Wir lesen Aristoteles", erzählt Hofweber, wobei man über eine Seite dann locker zwei Stunden diskutieren kann. Um festzustellen, nichts verstanden zu haben. Dann wird der Tisch, 2,8 Meter lang und 90 Zentimeter breit, zum Haltepunkt. "Er ist aus hellem Birkenholz, wirkt weich, ist trotzdem sehr stabil", erzählt der 40-Jährige. Demnächst, wenn es seine Zeit zulässt, will er ihn abschleifen und neu einlassen. Denn der Akademische Rat, der neben seinen Seminaren an der Uni Augsburg lehrt und das Dr.-Hofweber-Institut gegründet hat, liebt die klare Form dieser Unterlage und will das gute Stück möglichst lange behalten. Nie würde er es mit einem Tischtuch oder gar neckischen Deckchen "verschandeln".

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Auch die cremefarbene Couch aus Leder, die neben der Türe steht, bekommt keinerlei Schutz, die sie vor Flecken bewahren würde. "Meine Eltern hatten ein sehr helles Sofa, darauf lagen immer jede Menge Decken. Es hat mir nie Spaß gemacht, darauf zu sitzen. Als meine Eltern es nach 25 Jahren wegwarfen, war es völlig durchgesessen, aber fleckenlos." Das wird bei ihm nicht der Fall sein, seinen Möbeln darf man ansehen, dass mit ihnen gelebt wird. "Ich hasse es, wenn man auf Sachen so aufpassen muss".

Was nicht heißt, dass es ihm egal ist, wie Gäste sein Mobiliar behandeln. Die Skulptur "Das Paar" hütet er wie seinen Augapfel. Sie stammt von Manfred Reinhart, ist aus massiver Bronze und stellt Mann und Frau dar, jeder hat einen Flügel und einen halben Torso. "Man will alleine sein und braucht doch ein Gegen-

über", sagt Hofweber. Von Reinhart werde man noch hören, ist er überzeugt.

Dagegen hat die dunkelrote Samtbank, die vor einer geschlossenen Trenntür des Wohnzimmers steht, die besten Zeiten hinter sich. "Ich habe sie auf dem Sperrmüll eines Kloster in Bamberg gefunden".

Den historischen Couchtisch hat er bei eBay ersteigert. "Der stammt aus dem Keller eines Antiquitätenhändlers". Aristoteles und Sokrates sind ein Mitbringsel aus Griechenland, die Gipsfiguren sind auf ein Board drapiert.

Derzeit herrscht viel Umtrieb in der hofweberschen Wohnung an der Beethovenstraße. Neben dem Philosophen teilen sich seit Kurzem ein Professor aus Berlin, eine hochbegabte Schülerin und ein Doktorand aus Bamberg die sieben Zimmer. "Wir sind das inoffizielle Augsburger Kompetenzzentrum" scherzt der Wohnungsin- haber, Diskussionsforum sei das Wohnzimmer. Und zeigt zuallerletzt auf sein kostbarstes Stück. Es ist ein sechsflammiger, vergoldeter Jugendstilleuchter. Ein Erbstück.

Ganz im Gegensatz zum großen Spiegel. Der stammt vom Flohmarkt. Ihn hätte Hofweber allein zwischen Tandlerstand und Auto dreimal verkaufen können. Ein Liebhaber bot sogar die doppelte Summe. Doch ein Philosoph bleibt in Sachen Geld eher gelassen und so hängt das schöne Stück an der Wand, immer wieder bewundert von den Gästen.

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