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Augsburger Geschichte

31.01.2018

Das ist Augsburgs ältestes Haus

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4 Bilder
1996 wurde das anno 1393 erbaute Haus Am Eser 17 behutsam saniert und wieder bewohnbar gemacht. Historische Bauteile und die Anordnung der Fenster blieben erhalten.
Bild: Sammlung Häußler

Das Holz gibt das Fälldatum preis. Rathäuser aus Holz brannten ab. Vor 623 Jahren geschlagene Bäume befinden sich noch heute im Dachwerk des Doms.

Wohnhäuser im spätmittelalterlichen Augsburg waren großteils sogenannte Holzständerbauten. Man würde sie heute als Fachwerkhäuser bezeichnen. Das heißt: Die Tragekonstruktion bestand aus Holzbalken. Zimmerwände waren nur Bretter oder mit Weidengeflecht ausgefüllt. Das Geflecht wurde mit einem Gemisch aus Lehm und Zutaten wie gehäckseltem Stroh vermörtelt. Ein Haus mit Außen- und Innenwänden aus Ziegelsteinen konnten sich nur Begüterte leisten. Ein gemauertes Haus galt jahrhundertelang als Luxus.

Es ist kaum noch vorstellbar, dass Fachwerkbauten in Augsburg ganze Straßenzüge bestimmten. Das belegen die ältesten Stadtpläne von 1521 und 1626. Darauf sind die Häuser in Miniatur wiedergegeben. Das älteste bislang bekannte erhaltene Wohngebäude Augsburgs ist darauf schwierig zu identifizieren. Es duckte sich hinter die hohe Stadtmauer westlich des Roten Tors. Es trägt die Anschrift Am Eser 17.

Jahresringe oder Radiocarbon-Untersuchung

Das Gebäude mit den Grundmaßen 8,5 mal 11,25 Meter wurde als „Holzständerbau“ errichtet. Dass Balken das Gerüst bilden, stellte sich erst bei der Sanierung des einsturzgefährdeten Gebäudes im Jahr 1996 heraus, denn die Hölzer waren unter Putz verborgen. Eine riesige Überraschung brachte das Alter der Hölzer. Ermittelbar ist das Fälldatum anhand der Jahresringe. Die Methode heißt im Fachjargon Dendrochronologie. Eine zweite Möglichkeit ist die Radiocarbon-Untersuchung. Sie basiert auf der Zerfallszeit von Biomasse.

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Das Ergebnis: Alle Bäume für die tragende Holzkonstruktion, für Holzwände und Dachbalken für das Haus Am Eser 17 waren im Winter 1392/93 geschlagen worden! Das Holz wurde „grün“ verbaut, das heißt kurz nach der Fällung. Deshalb ist als Baujahr 1393 anzunehmen. Im Gebäude Judenberg 11 befindet sich ein noch älterer Deckenbalken: Der Baum wurde 1322/23 gefällt. Hier handelt es sich um ein Einzelstück, nicht um eine komplette Hauskonstruktion wie Am Eser 17.

Das war das Image von Arme-Leute-Häusern

Bei Holzständerbauten verwendete man ab dem 15. Jahrhundert zur Ausfachung der Außenwände meist gebrannte Ziegel. Das tragende Holzgerüst blieb sichtbar. Solche Fachwerkbauten gab es vor 500 oder 600 Jahren in Augsburg zuhauf. Irgendwann haftete ihnen das Image von Arme-Leute-Häusern an. Die Besitzer wussten sich zu helfen: Sie ließen das Fachwerk unter einer dünnen Putzschicht verschwinden, und ihr Haus unterschied sich äußerlich nicht mehr von einem verputzten Ziegelbau.

Ob Am Eser 17 bereits im Baujahr 1393 einer elf Jahre später erlassenen Brandschutzvorschrift entsprach, ist unbekannt. Ab dem Jahr 1404 durften in Augsburg die Dächer nicht mehr mit Stroh oder Holzschindeln, sondern nur mehr mit Ziegeln gedeckt werden. Um die Feuersicherheit in der eng bebauten Stadt zu verbessern und Flächenbrände zu verhindern, war am 8. Mai 1404 der Ratsbeschluss ergangen. Er bestimmte, „daß alle Städel und Häuser, so entweders mit Schindel oder Stroh gedeckt werden, innerhalb dreyer Monats Frist abgehoben und mit Ziegeln gemacht und nun hinfüro kein Tach mehr mit Schindeln oder Stroh allhie gedeckt werden solle“.

Die vom Zahn der Zeit arg angenagten, rußgeschwärzten Dachbalken des einstigen Weberhauses Am Eser 17 – den einstigen Webkeller gibt es noch – wurden bei der Sanierung 1996 erhalten. Sie sind von innen sichtbar. Das jetzige Ziegeldach trägt ein darüber gezimmerter neuer Dachstuhl, in dem sich die Isolierung verbirgt. Zum Althaus-Ensemble gehörte das entschieden höhere Nachbargebäude Am Eser 15 (siehe Foto von 1885). Es wurde wie fünf weitere Gebäude der Altbauzeile Anfang der 1960er-Jahre von der Stadt erworben. Nr. 15 wurde abgebrochen, um die Ulrichsgasse nach Süden zu öffnen.

Nach Bombenangriff wurde es verbrannt

Auch Augsburgs öffentliche Gebäude waren ursprünglich auf ähnliche Weise gebaut. Das älteste nachweisbare Rathaus war ein Holzgebäude. Anno 1290 zerstörte es ein Brand. Auch der 1296 errichtete Nachfolgebau war ein Holzständerbau. Er ging 1385 in Flammen auf. Darauf folgte das erste mit Ziegeln gemauerte Rathaus. Elias Holl ließ es anno 1615 abbrechen und errichtete an selber Stelle den heutigen Bau. Dessen Dachkonstruktion und Zwischendecken waren aus Holz und verbrannten im Februar 1944 nach einem Bombenangriff. Beim Wiederaufbau bekam das Rathaus einen stählernen Dachstuhl und feuersichere Stahlbetondecken.

Erhalten blieb viel jahrhundertealtes Holz im Dachstuhl des Doms. Bei der Instandsetzung des Dachwerks über dem Ostchor im Jahr 2004 wurden Holzproben entnommen. Als Fälldatum konnte dendrochronologisch das Winterhalbjahr 1394/95 ermittelt werden. Vor 623 Jahren wurden also die damals etwa 80- bis 100-jährigen Bäume geschlagen.

Vor 590 Jahren gefällt

Wenige Meter vom Dom entfernt lag die Bischofspfalz mit dem höchstwahrscheinlich anno 1428 errichteten gotischen Kapitelsaal. Der Saalbau musste 1749 oder 1750 einem neuen Flügel der Fürstbischöflichen Residenz weichen. In ihr residiert jetzt die Regierung von Schwaben.

Ein Highlight des Regierungsgebäudes ist der etwa 180 Quadratmeter große Rokokosaal. Als man 2007 dessen Fußboden mit einem Nussbaum-Parkett erneuerte, wurden die Bodenbalken datiert. Die Überraschung war groß: Die Tannen und Fichten wurden vor 590 Jahren gefällt – im Winter 1427/28. Des Rätsels Lösung: Es kann sich nur um recycelte Balken aus dem abgebrochenen Fachwerkbau mit dem Kapitelsaal handeln, der vor 1750 an eben dieser Stelle gestanden war!

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