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Prozess

11.01.2016

Das verheimlichte Leben des Augsburger Kinderarztes Harry S.

Über viele Jahre soll der Kinderarzt Harry S. Buben missbraucht haben. Der Prozess gegen ihn hat jetzt zwei Wochen Pause und geht am 26. Januar weiter.
Bild: Ulrich Wagner

Über viele Jahre missbrauchte der Kinderarzt Harry S. Buben. In der Augsburger Kinderklinik, beim Roten Kreuz und im Freundeskreis ahnte niemand etwas. Wie hat er das geschafft?

Über mindestens 16 Jahre hinweg hat Dr. Harry S. kleine Buben in vier verschiedenen Städten missbraucht. Mindestens 21 Opfer waren es. Wie kann es sein, dass weder die Familie, Freunde und Bekannte, noch sein berufliches Umfeld etwas bemerkte? Dass niemandem je etwas merkwürdig vorkam?

Der bisherige Prozessverlauf legt den Schluss nahe, dass Harry S. es tatsächlich geschafft hat, seine krankhafte Liebe zu kleinen Buben vor allen geheim zu halten und sich nie etwas anmerken zu lassen. Er achtete sorgfältig darauf, dass es bei seinen Missbrauchstaten keine Zeugen gab. Das alles spricht für eine gehörige Portion Selbstdisziplin. Aber auch für Gerissenheit. Und für ein Doppelleben.

Kinderarzt Harry S. missbrauche 16 Jahre lang kleine Buben

Obwohl S. 40 Jahre alt ist, hatte er nie eine ernsthafte sexuelle Beziehung zu einer Frau. Er selbst hat ausgesagt, etwa mit 17 festgestellt zu haben, dass er sich nicht zu Erwachsenen hingezogen fühlt, sondern zu kleinen Jungs. Doch weder seine Eltern noch seine Freunde haben je einen Verdacht geschöpft. Und auch in seinem beruflichen Umfeld und bei seinem ehrenamtlichen Engagement ist nie jemandem etwas komisch vorgekommen. Etwa zehn Jahre lang hat Harry S. als Kinderarzt im Augsburger Klinikum gearbeitet. Offenbar hat er es geschafft, seinen Trieb während der Ausübung seines Berufs zu kontrollieren. Es gibt keine Hinweise auf sexuelle Übergriffe in der Kinderklinik.

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Auch der Chefarzt der Kinderklinik, Prof. Gernot Buheitel, bestätigt am Montag als Zeuge, dass es nie Auffälligkeiten gegeben habe. Im Gegenteil: Harry S. sei ein fachlich hoch anerkannter und geschätzter Kollege gewesen. „Mit den ärztlichen Leistungen war ich absolut zufrieden“, sagt Buheitel. Über S.‘ Privatleben habe er nicht viel gewusst. Ihm sei nur aufgefallen, dass der Assistenzarzt und spätere Funktionsoberarzt offensichtlich nie eine Freundin hatte. „Ich habe gedacht, vielleicht ist er homosexuell. Das hat mich nicht weiter interessiert“, so der Chefarzt. Von Ausflügen mit Jungs im Namen der Kinderklinik habe er nichts gewusst und erst im Nachhinein davon erfahren, berichtet Buheitel.

Kinderklinik, Rotes Kreuz und Freundeskreis waren ahnungslos über die Neigungen von Harry S.

Auch beim Roten Kreuz in Augsburg, wo Dr. Harry S. jahrzehntelang engagiert war, ist nie jemandem eine besondere Neigung aufgefallen. BRK-Kreisgeschäftsführer Michael Gebler sagt im Zeugenstand über S.: „Er war einer von unseren Guten.“ Bis zu seiner Inhaftierung war Harry S. Chefarzt des Roten Kreuzes – eine ehrenamtliche Tätigkeit, in der er Ansprechpartner für alle ärztlichen Belange des Rettungsdienstes war. In dieser Funktion saß S. auch im Vorstand des Augsburger Roten Kreuzes. Auch den Rotkreuz-Kollegen hat S. offenbar seine Kinderausflüge verheimlicht. Bis eine der Schulen, die er auch im Namen des Roten Kreuzes angeschrieben hatte, versehentlich ihre Antwort direkt an den Kreisverband schickte. Doch auf Nachfragen der Rotkreuz-Führung versicherte Harry S., mit diesen Ausflügen mit benachteiligten Jungs habe alles seine Ordnung. Weiter nachgeforscht wurde nicht.

In anderen Vereinen, in denen S. sich engagierte, gab es ebenfalls keinen Anlass zu dem Verdacht, dass S. pädophil sein könnte. Selbst die Frauen, mit denen der Mediziner platonische Beziehungen unterhielt, ahnten nicht, dass er ihre Söhne missbraucht. Und doch spricht alles dafür, dass S. an krankhafter Liebe zu Buben leidet. Und die lebte er immer rücksichtsloser aus.

Nun sind wieder zwei Wochen Pause im Prozess, fortgesetzt wird die Verhandlung am 26. Januar. Dann geht es bereits in die entscheidende Phase. Rasch haben dann Gutachter das Wort, sie haben sich mit der Psyche des Kinderarztes eingehend beschäftigt. Das Urteil wird für Mitte Februar erwartet.

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