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Kabarett

13.01.2017

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“

Günter Grünwald bei seinem letzten Augsburg-Auftritt.
Bild: Siegfried Kerpf

Günter Grünwald unterhält seine Zuschauer mit dem Ärger, den man mit den Mitmenschen hat. Er setzt sich deshalb auch mit der rechten Szene auseinander, was ihm wiederum haarsträubende Post einbringt

Herr Grünwald, seit gut eineinhalb Jahren sind Sie mit Ihrem Programm „Deppenmagnet“ unterwegs, heute Abend treten Sie im Kongress am Park auf. Was ist denn ein Deppenmagnet?

Das ist jemand, der die Deppen magisch anzieht. Ich glaube, jeder hält sich für einen Deppenmagneten, weil man das tagtäglich erlebt, dass man im Supermarkt ist und die Kassenrolle leer ist, oder in der Metzgerei die alte Frau vor einem steht, die eine Viertelstunde nicht weiß, was sie kaufen will. Jeder meint, dass das immer nur ihm passiert, dass er von Deppen und Idioten umgeben ist. Aber heutzutage sind wir schnell dabei, Menschen als Idioten und Deppen zu bezeichnen, also auch Menschen, die das überhaupt nicht verdient haben.

Womit hängt das zusammen, dass wir schneller mit unseren Urteilen und Beschimpfungen sind?

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Jeder hat über das Internet sofort die Möglichkeit, sich einzuschalten in Diskussionen und seinen Senf dazuzugeben – und zwar ungebremst und ohne dass er die Möglichkeit hat, noch mal darüber nachzudenken. Früher hat man in der Zeitung einen Artikel gelesen und bis man dann ein Blatt Papier genommen, einen Stift gesucht, sich hingesetzt, ein paar Zeilen geschrieben und den Brief zur Post gebracht hat, war vielleicht der größte Ärger schon wieder verraucht. Jetzt liest man etwas, sieht, was die anderen geschrieben haben, und die Hemmschwelle wird immer niedriger.

In Ihrem Programm beschreiben Sie diesen tagtäglichen Ärger, den man mit seinen Mitmenschen hat. Treibt Sie da Wut an, vor allem, wenn man bedenkt, dass Sie in ihrer Wortwahl ja auch nicht zimperlich sind?

Wut ist es nicht, sondern eher Verwunderung. Es ist ein Dastehen und mit hochgezogenen Augenbrauen ungläubiges Verfolgen, was so alles geschieht.

Was lässt Sie so verwundert dastehen?

Das sind kleine Sachen wie die Kinder auf der Straße, die sich gegenseitig Schimpfwörter an den Kopf werfen, bei denen sich mir die Nackenhaare sträuben. Das sind Beobachtungen, die jeder machen kann. Ich habe das Privileg, dass ich sie auf die Bühne bringen und damit meinen Lebensunterhalt verdienen kann.

Wollen Sie Ihren Zuschauern einen Spiegel damit vorhalten?

Mein Anliegen ist es, die Menschen zu unterhalten. Ich bin nicht irgendwann aufgewacht und habe mir gedacht, dass ich die Menschheit retten muss. Das ist nicht mein Ansatz. Ich will, dass das Publikum nach der Vorstellung eine Spur besser gelaunt ist als davor. Das ist mir genug.

Oft ist es ja im Kabarett so, dass man ganz bequem im Publikum sitzen kann und sich abgrenzen kann gegen all die Borniertheit, die auf der Bühne gezeigt wird. Man lacht über die anderen.

Ja sicher, der Depp ist immer der Nachbar, das liegt in der Natur des Menschen. Man fühlt sich selten ertappt, wenn man die eigenen Schwächen auf der Bühne vorgeführt bekommt. Wenn ich von der Bühne runterschaue und meine Scherze mache über politisch eher rechts stehende Menschen, dann lachen oft die am lautesten, denen man es genau ansieht, dass sie auch dazugehören.

In Kritiken zu Ihren Programmen tauchen oft Worte auf wie „derb“, „vulgär“, auch „grobschlächtig“, dabei sind Sie jetzt am Telefon ein sehr höflicher, freundlicher Mensch, und es wird Ihnen nachgesagt, dass Sie privat eher zurückhaltend sind. Was bewirkt diese Veränderung auf der Bühne?

Zum Teil ist das eine Kunstfigur, die ich da auf die Bühne stelle. Aber wenn man wirklich genau zuhört, dann bin ich auf der Bühne auch nicht viel unhöflicher als im normalen Leben. Manche Sachen drücke ich vielleicht ein bisschen drastisch aus, um sie wirklich auf den Punkt zu bringen. Aber ich bin nicht ansatzweise so derb wie das wirkliche Leben. Wenn ich höre, es sei so furchtbar, was ich in meinen Programmen sage, dann denke ich mir immer: „Schaut euch doch mal die Tagesschau an, was da alles läuft.“ Da muss man sich mal überlegen, warum einen ein Komiker in seinen Gefühlen verletzen kann und warum es die Tagesschau nicht tut.

Aber als politisch korrekt wollen Sie auch nicht unbedingt durchgehen?

Nein, das bin ich wirklich nicht. Aber nicht, weil ich unbedingt provozieren will und es momentan ein Trend ist, gegen Political Correctness zu sein. Es gibt Sachen, die ich nicht sage, weil ich finde, dass es sich nicht gehört. Da habe ich einen moralischen Anspruch.

In Ihrem Programm spielen Sie mit der Rechtfertigungsfloskel „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Wo liegt die Grenze, was man noch sagen darf?

Das kann ich nicht genau definieren, das kommt auf den Einzelfall an: Wer etwas sagt und wie er etwas sagt. Ich bekomme viele Beschwerdebriefe zu meiner Sendung „Freitagscomedy“ im Bayerischen Fernsehen, in denen mir Dinge angedroht werden, die haarsträubend sind. Am Schluss steht oft „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ – da sage ich: Nein, man darf nicht sagen, dass man jemandem den Tod wünscht oder dass man sich darauf freut, dass die Rechten an der Macht sind, weil es dann uns Drecksgesindel als Erstem an den Kragen geht.

Im letzten Jahr sind Sie 60 geworden, seit nahezu 30 Jahren stehen Sie auf der Bühne. Hat sich Ihr Humor verändert in dieser Zeit?

Ich denke schon. Ich bekomme zwar immer noch das Prädikat „derb“ angehängt, aber ich bin es nicht mehr so, wie am Anfang meiner Karriere. Damals sind die Fetzen eine Spur gröber geflogen als heute, aber das ist ja das Privileg der Jugend, dass man mehr austeilen darf. Ab einem gewissen Alter tritt dann doch eine Mäßigung ein.

Aber Beißhemmungen werden Sie auch in Zukunft keine haben?

Das, befürchte ich, wird nie eintreten. Ich drücke mich mittlerweile nur etwas gewählter aus. Interview: Birgit Müller-Bardorff

Günter Grünwalds Auftritt im Kongress am Park heute Abend ist ausverkauft. Sein nächster Auftritt in Augsburg ist am 5. Juli im Parktheater.

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