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Debatte

29.01.2021

Debatte: Augsburgs Kliniken streiten – und wer fragt nach den Patienten?

Die Behandlung schwer kranker Kinder ist für die Krankenhäuser oft ein Draufzahlgeschäft. Auch deshalb wird um Förderungen gerungen.
Foto: Matthias Becker (Symbolfoto)

Plus Das Ringen um die Behandlung schwer kranker Kinder offenbart eine Misere im Gesundheitswesen. Drei Augsburger Kliniken konkurrieren um diese Aufgabe, dabei geht es vor allem um Geld.

Eigentlich verfolgen alle drei Augsburger Kliniken dieselbe Intention: Uniklinikum, Hessing-Stiftung und Josefinum wollen sich um die bestmögliche Behandlung schwer kranker Kinder und Jugendlicher kümmern. Trotzdem ist die Stimmung zwischen den Einrichtungen angespannt. Seit der Zulassungsausschuss Ärzte Schwaben der Hessing-Stiftung die Ermächtigung für den Betrieb des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) entzog und sie stattdessen dem Josefinum übertrug, steht nicht nur das Krankenhaus unter Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge in der Kritik. Hessing und Uniklinik kritisieren den Beschluss. Er sei "nicht sauber" gelaufen, die Begründung für die Verlagerung "fadenscheinig und komisch". Was steckt dahinter?

Behandelt wurden am SPZ an der Hessing-Klinik Kinder und Jugendliche mit Erkrankungen, in deren Folge es zu Entwicklungsstörungen oder seelischen Störungen kommen kann.
Foto: Peter Fastl (Archivfoto)

Rund acht Jahre lang war das Sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) von der Hessing-Stiftung betrieben worden. Behandelt werden dort Kinder und Jugendliche mit Erkrankungen, in deren Folge es zu Entwicklungsstörungen, Verhaltensauffälligkeiten oder seelischen Störungen kommen kann. Die Patienten werden von Ergotherapeuten und Logopäden sowie von anderen Spezialisten betreut. Etwa 1250 Mädchen und Jungen waren zuletzt bei Hessing in Behandlung. Zumindest für einige von ihnen bedeutete der kurzfristig gefasste Beschluss des Zulassungsausschusses einen ebenso kurzfristigen wie schwierigen Wechsel ihrer Therapieeinrichtung.

"Eine emotionale Belastung für Kinder und Ärzte"

"Für Eltern und Kinder, aber auch für die Ärzte, ist das ein emotional stark belastendes Thema", sagt Prof. Michael Frühwald, der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Augsburg und findet klare Worte: "Der Beschluss kommt einzig dem Josefinum zugute. Ich frage mich, wo hier der Patient bleibt." Frühwald will keine Kritik an der Kompetenz der Kollegen im Josefinum üben: "Die Ärzte und Mitarbeiter dort machen sicherlich gute Arbeit." Durch den Beschluss von Zulassungsausschuss und Kostenträgern, also den Krankenkassen, werde aber eine Konkurrenz zwischen drei Kliniken geschaffen, die so nicht notwendig sei.

Das Josefinum in Oberhausen wurde über Jahre saniert und modernisiert.
Foto: Ulrich Wagner (Archivfoto)

Die Ermächtigung für ein Sozialpädiatrisches Zentrum, die "Erlaubnis" also, wer es betreiben darf, wird alle fünf Jahre neu vergeben. Zweimal erhielt Hessing den Zuschlag. Bei der letzten Vergabe hatte sich die Stiftung gemeinsam mit der Uniklinik beworben, die damals noch kein staatliches Haus war. Bei der Behandlung hätte man so eine Lücke schließen können, sagt Frühwald: Das Klinikum hätte sich um chronisch und schwerst kranke Patienten gekümmert, Hessing um die Sozialpädiatrie, also die Behandlung von Schulverweigerern oder etwa Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen. Dritter Partner wäre der Bunte Kreis gewesen, der sich mit der Nachsorge für Familien schwer kranker Kinder befasst. Doch der Zulassungsausschuss lehnte den Antrag ab. "Eine Begründung war, dass zwischen Hessing und Klinikum eine Großstadt liegt", sagt Frühwald kopfschüttelnd.

Unter großem Aufwand arbeiteten Uniklinikum und Hessing dennoch zusammen, auch ohne offizielle Ermächtigung. Durch den Übergang des SPZ ans Josefinum werde dies schwieriger. "Auch ich weiß derzeit nicht, wohin mit meinen Patienten", sagt Frühwald. Denn die Versorgung von schwer kranken Kindern sei zwar Auftrag einer Kinderklinik. "Als universitäre Einrichtung liegt unser Schwerpunkt aber auf Patienten mit seltenen Erkrankungen." Leichtere Fälle seien auch in anderen Krankenhäusern gut aufgehoben.

Es geht ums Geld für die Patientenversorgung

Hintergrund für den "Konkurrenzkampf" ist, wie so oft, das Geld. Für Kliniken ist die Behandlung schwer kranker Kinder und Jugendlicher nach ambulanten Pauschalen ein Draufzahlgeschäft. Auch das Josefinum, sagen Insider, sei "chronisch unterfinanziert" und benötige Spenden, um etwa Psychologen oder Sozialarbeiter einzustellen. Ein Grund, weshalb sich das Haus unter Trägerschaft der Katholischen Jugendfürsorge für das Sozialpädiatrische Zentrum bewarb, sei wohl gewesen, eine Finanzierungslücke für die Patienten zu schließen, die dort ohnehin behandelt würden.

Ein seltsames Licht fällt auf acht Kinderärzte aus der Region, die sich im Dezember mit einem Brief an den Zulassungsausschuss gewandt hatten. Sie warben darum, das SPZ am Josefinum anzusiedeln und erwähnten die "intensive Kooperation" zwischen ihnen und der Klinik. Ein Vorstoß, dem der Zulassungsausschuss folgte, obwohl die Kassenärztliche Vereinigung sich dafür stark gemacht hatte, das Zentrum bei Hessing zu belassen.

Entscheidung zum SPZ: Acht Kinderärzte stehen in der Kritik

Heikel an dem Schreiben sind mehrere Punkte: Einige der acht Ärzte erhielten ihre Fachausbildung offenbar im Josefinum – der Klinik also, für die sie sich stark machten. Die Mediziner verwenden im Briefkopf zudem die Logos des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte sowie vom Paed-Netz, einem Verbund bayerischer Kinder- und Jugendärzte. Doch viele ihrer Kollegen stehen nicht hinter dem Inhalt des Schreibens. In der Regel sei "die Einflussnahme von außen in einem solchen Entscheidungsprozess" auch "unüblich und unerwünscht", moniert ein Kinderarzt aus der Region, der sich über den Brief seiner Kollegen geärgert hat.

Der Bau der Kinderklinik Augsburg samt Mutter-Kind-Zentrum kostete 45 Millionen Euro.
Foto: Marcus Merk (Archivfoto)

Die Debatte um die Behandlung junger Patienten eines ganzen Großraums offenbart eine Misere im Gesundheitswesen, die den Schluss zulässt, dass es nicht in erster Linie um das Wohl der Kinder und Jugendlichen geht, sondern darum, ob ihre medizinische Versorgung bezahlbar ist. Allein die Uniklinik hat 45 Millionen Euro in den Neubau ihrer Kinderklinik samt Mutter-Kind-Zentrum investiert, in die Sanierung des Josefinums samt Neubau eines Traktes floss ein dreistelliger Millionenbereich. Beide Kliniken sind mit rund 150 Betten etwa gleich groß und bieten teilweise ein ähnliches Spektrum. "Hätte man diese Aktivitäten gebündelt und in ein großes Kinderzentrum investiert, hätte man Millionen gespart und gleichzeitig eine hochprofessionelle Behandlung anbieten können, die in Deutschland einzigartig gewesen wäre", sagt ein Experte.

SPZ in Augsburg wurde scheinbar willkürlich verlagert

Doch für eine solche Entscheidung hätte es politische Entscheidungsträger gebraucht. Sie hätten die Verantwortlichen an einen Tisch holen können, um die Behandlung in der Region auf neue Beine zu stellen. Passiert ist dies nie. Und auch jetzt, bei der Entscheidung für die Vergabe des Sozialpädiatrischen Zentrums, scheinen die Gremien das große Ganze aus den Augen verloren zu haben. Statt die Kräfte dreier großer – und für sich jeweils kompetenter – Einrichtungen zum Wohl der Patienten zu bündeln, wurde die Behandlung scheinbar willkürlich an ein neues Haus verlagert. Für die unterlegenen Kliniken wird diese Entscheidung am Ende zu verschmerzen sein. Wer das Nachsehen hat, sind die Patienten.

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29.01.2021

Muss es nicht äußerst triftige Gründe für einen Trägerwechsel geben, wenn in der Geschichte der Sozialpädiatrischen Zentren in Deutschland erstmalig eine Ermächtigung nicht weiterhin an einen Träger erteilt wird, der eine über Jahre
hinweg gut gewachsene und funktionierende Infrastruktur und Funktionsweise vorhält?

Als Interessensgemeinschaft für die betroffenen Familien bedanken wir uns sehr herzlich beim Peutinger-Forum Augsburg. Es hat heute einen Antrag auf ein zweites Sozialpädiatrisches Zentrum in Augsburg bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns eingereicht. Vielen Dank auch an die Unterstützer:innen aus der Politik in dieser Sache.

Wenn auch Sie unser Anliegen unterstützen möchten, dann unterzeichnen Sie gerne unsere Online-Petition.

https://www.openpetition.de/spzaugsburg

Vielen Dank
Dr. Christine Lüdke, Augsburg

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