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Augsburg

11.08.2020

Debatte um "Drei Mohren": Initiatorin sieht noch mehr Probleme

Die Fugger waren einst eine der bedeutendsten Familien in Augsburg. Ihre Rolle im Sklavenhandel gehört laut Ansicht von Aktivisten allerdings besser aufgearbeitet.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archiv)

Plus Ruth Zelinsky hat die Petition zur Umbenennung des Hotel "Drei Mohren" in Augsburg mit angestoßen. Es gibt in der Stadt noch weitere Namen, die aus ihrer Sicht kritisch sind.

Die Jugendgruppe von Amnesty International hat vor zwei Jahren Häme geerntet für ihren Vorschlag, das Hotel Drei Mohren in „Drei Möhren“ umzubenennen. Ist es für Sie eine Genugtuung, dass die Hotelleitung nun einen neuen Namen gewählt hat?

Ruth Zelinsky: Wir sind etwas irritiert, dass ständig gesagt wird, wir hätten das Hotel „Drei Möhren“ nennen wollen. Wir hatten von Anfang an kommuniziert, dass das ein ironischer Aufhänger für unsere Aktion ist und es hat tatsächlich geholfen, die Aktion so publik zu machen. Trotzdem freuen wird uns natürlich, dass es letztendlich gemeinsam mit dem Druck der internationalen Gäste und der Black Lives Matter-Bewegung zu dieser Änderung kam.

Der Name verschwindet, die Büsten an der Fassade bleiben. Stört Sie das?

Zelinsky: Die Büsten an der Fassade zeigen individuelle Gesichter und stilisieren und entmenschlichen Schwarze Menschen nicht. Sie sind somit unproblematisch. Das größere Problem ist das Logo, das eigentlich schon vor zwei Jahren geändert wurde, sich aber im Innenbereich des Hotels noch an vielen Stellen findet und drei stilisierte Köpfe Schwarzer Menschen zeigt.

Wäre es möglich gewesen, den Namen beizubehalten, sich aber in Diskussionsrunden mit der Herkunft des Namens sowie mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen?

Zelinsky: Sich ehrlich und intensiv mit dem Thema auseinander zu setzen, ohne den Namen zu ändern, ist nicht möglich. Natürlich sind Diskussionsrunden und Informationen zur Herkunft des Namens wichtig. Der Name an sich aber ist untragbar – und noch mehr für ein Hotel, das Augsburg repräsentiert. Auch das Argument, Geschichte würde „gelöscht“ ist kein schlagendes. Eine Geschichte, die nur eine Seite erzählt und bis heute Teile der Gesellschaft verletzt, dürfen wir nicht weitertragen. Geschichte wird hier vielmehr ergänzt. Die Perspektive muss gewechselt werden, hin zur Problematik und dem kolonialen und rassistischen Erbe.

Rassismus-Debatte: Aktivistin fordert weitere Aufarbeitung von Augsburgs Vergangenheit

Gibt es in Augsburg andere kritische Bezeichnungen, die Ihrer Ansicht nach hinterfragt werden sollten?

Zelinsky: Wer sich mehr zur kolonialen Vergangenheit Augsburgs informieren möchte, sollte eine Stadtführung zu kolonialen Spuren in Augsburg von „Augsburg Postkolonial“ mitmachen. Die Fugger waren eine der wichtigsten Familien im deutschen Sklavenhandel, was Tupoka Ogette in ihrem Buch „Exit Racism“ auch aufgreift. Von ihnen stehen noch viele Statuen in Augsburg. Das Mindeste wäre, sie mit ergänzenden Texten historisch einzuordnen. Die Diskussion um die App im Fugger- und Welser-Erlebnismuseum ist ja glücklicherweise schon in vollem Gang. Außerdem darf man das „afrikanische Dorf“ des Augsburger Zoos 2005 nicht vergessen, das stark an die Menschenzoos des 18. und 19. Jahrhunderts erinnerte. Dass der Besitzer der schwarzen Kiste, die sich sonst so modern gibt, während der Diskussion um das Hotel den Biergarten Mohrenkönig übernahm und sich gegen eine Umbenennung entschied, ist auch unbegreiflich.

Einen Rundgang durch das Museum bietet eine App des Fugger- und Welser-Erlebnismuseums für Kinder- und Jugendliche. An deren Inhalten gab es Kritik. Die App wurde abgeschaltet.
Bild: Silvio Wyszengrad

Auch Straßennamen stehen oft im Fokus. Fallen Ihnen problematische ein?

Zelinsky: Ein Viertel hier ist, wie viele weitere Viertel und Straßen in Deutschland, nach Otto von Bismarck benannt, dem Organisator der Afrika-Konferenz, die den „Wettlauf um Afrika“ und damit die Kolonisierung des Kontinents eingeleitet hat, die bis heute schwerwiegende negative Folgen hat und deutschlandweit kaum aufgearbeitet wird. Wie man sieht, haben wir in Augsburg gerade erst angefangen, unsere Vergangenheit und Gegenwart aufzuarbeiten, aber es wird sich lohnen.

Rassismus in der Sprache sind das eine, Alltagsrassismus hat auch andere Ausprägungen. Was muss sich ändern?

Zelinsky: Einerseits müssen Antidiskriminierungs- und Sensibilisierungsmaßnahmen in allen Institutionen normal werden. Nicht nur gegen Rassismus, sondern alle Diskriminierungsformen und ihre Überkreuzungen. Das Thema anzusprechen, muss auch normal werden. Wir werden uns in Zukunft darauf einstellen müssen, auf unsere Fehler hingewiesen zu werden und das hoffentlich als Chance sehen, ein angenehmeres Umfeld für alle zu schaffen.

Ruth Zelinsky: "Rassismus ist im System verankert"

Viele Reaktionen auf die Umbenennung aus der Augsburger Bevölkerung hatten den Tenor, man würde damit auf die Wünsche von Minderheiten reagieren...

Zelinsky: Was wir schaffen müssen, ist Rassismus nicht mehr als Problem der betroffenen Individuen zu sehen. Rassismus ist in unseren Systemen verankert und muss bekämpft werden. Das heißt, wir müssen auch verstehen, dass wir nicht frei von der Vergangenheit sind, dass die Ausbeutung des Südens aus dem Kolonialismus entspringt und dass die Institutionen, die wir aufgebaut haben, rassistisch gebaut wurden. Um das zu bekämpfen, brauchen wir Umstrukturierung und gesetzliche Grundlagen.

Wie groß ist das Problem des Alltagsrassismus aus Ihrer Sicht in Augsburg?

Zelinsky: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Bereitschaft, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen, gering ist. Der Widerstand, den wir erfahren haben, zeugt von einem Gefühl der Angegriffenheit. Das kommt, wenn Menschen sich auf die Zehen getreten fühlen. Und auch jetzt, da die Änderung durch ist, lesen wir Leserbriefe, in denen das als lächerlich oder sogar schlecht bewertet wird. Was den Umgang mit Diskriminierung angeht, haben Augsburg und Deutschland noch viel zu tun.

Ruth Zelinsky, 21, war Mitglied der Jugendgruppe von Amnesty International, die die Petition zur Umbenennung anstieß. Die Gruppe hat sich inzwischen aus organisatorischen Gründen aufgelöst.

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Die Diskussion ist geschlossen.

18.08.2020

sofort sollte man auch das Allgäu umbenennen , den mit dem Namensteil Gäu -GAU könnte man ja leicht den Rassismus im dritten Reich verbinden !! außerdem ist es ja auch Rassistisch wenn man die Allgäuer Allgeier nend . sollte man als Satire ansehen

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18.08.2020

Wenn wir so argumentieren wollen wie Frau Zelinsky, müssen wir uns schnellstens einer Gehirnwäsche unterziehen, denn die Geschichte der gesamten Menschheit, unsere gesamte Vergangenheit ist auf Diskriminirerung aufgebaut. Es reicht einfach nicht, einen Straßennahmen zu ändern, das ist so oberflächlich wie diese heutige Zeit eben ist. Geschichte ist unsere Basis. Wir müssen aus ihr lernen und die Jetzt-Situation optimieren. Geschichte kann man nicht ungeschehen machen, indem man Denkmäler vom Sockel stößt, sondern man muss lernen, die Ereignisse nach heutigen Maßstäben einzuordnen und damit umzugehen. Wissen ist gefragt, nicht blinder Aktionismus. Keine Figur der Vergangenheit ist ohne Schuld, nicht Luther, nicht Kaiser Augustus, nicht Kaiser Maximilian, nicht Kolumbus, nicht die vielen Päpste, nicht sonst wer – viele haben Großes geleistet, aber auch Schuld auf sich geladen. Dieses Wissen muss vermittelt werden! Dabei spielt es keine Rolle, ob meine Katze weiter Mohrle heißen darf oder einen neuen Namen bekommt.

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11.08.2020

Also nun gehen mir manche Dinge doch sehr auf den Senkel. Wenn bestimmte Personen keine andere Möglichkeit haben, dich zu profitieren, tut mir das sehr leid.
Dann erwarte ich, dass Schwarz- und Weißbrot ebenfalls geächtet werden. Weißbrot ist diskriminierend für hellhäutige Europäer und Schwarzbrot für dunkelhäutige Menschen. Im Speisenbereich gibt es noch eine Vielzahl von Beispielen: Jägerschnitzel, Frankfurter, Wiener usw.
Gibt es keine wichtigeren Hersusforderungen?
Das bedeutet nicht, dass ich es nicht für ehrbar halte, gegen Rassismus einzutreten, aber lassen wir doch die Kirche im Dorf.

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11.08.2020

Die erfreulichste Nachricht im gesamten Artikel steht übrigens im letzten Satz.

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11.08.2020

Unfug hoch drei .... blast das Thema nur weiter auf

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11.08.2020

Liebe Frau Zelinsky, sind Sie sich überhaupt bewusst was sie da anrichten? Das Hotel 3 Mohren wurde ZU EHREN dieser 3 Mönche so benannt. Keinesfalls aus rassistischen Gründen oder mit solchen Hintergedanken. Und dann der Hinweis über den Besitzer der schwarzen Kiste! Ich kann's nicht glauben! Diskriminierung betreiben Sie und nicht die anderen! Haben Sie sich mal Gedanken gemacht, warum viele Apotheken den Namen "Mohren" tragen? weil man damit die Heilkräuter und anderes Gute verbunden hat, das aus diesen Herkunftsländern kommt. Jetzt alle diese Namen mit Rassismus, Diskriminierung und ähnlichen zu verbinden zeigt, dass Sie sich nicht bewusst sind, was Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bedeutet und wie man sich damit richtig auseinandersetzt. Diese Polemik, welche Sie mit ihren Äußerungen und Interviews verursachen, sind ein Öl ins Feuer von diversen antidemokratischen Gruppen. Wir lernen und wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Umbenennungen und Verunglimpfungen aus diesen Zeiten sind fehl am Platz. Ein Vorschlag: reisen Sie in solche Länder, sprechen sie mit der dortigen Bevölkerung. Daraus kann man lernen und hat dann einen Weitblick und keinen begrenzten Horizont.

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11.08.2020

Genau meine Meinung, die Haltung von Frau Zelinsky ist geschichtsvergessen und ideologisch.

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11.08.2020

Darf man jetzt überhaupt noch die Anton-Fugger-Brücke überqueren ohne das man als Rassist gilt?

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11.08.2020

Es werden an beiden Seiten "Klingelbeutel" aufgestellt in denen man dann seine "Buße" einwerfen kann......

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11.08.2020

Jeder darf über die Brücke gehen. Außer den Leuten, die ständig so krude Fragen stellen.

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11.08.2020

Wenn wir keine anderen Probleme haben, geht es uns sehr gut....
Eine absolut lächerliche Diskussion - die aber leider wirklich ernst genommen wird.
Was manche Menschen alles mit Rassismus in Verbindung setzen.... darf ich noch
ein schwarzes Tshirt anziehen?

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11.08.2020

Ganz ehrlich. Es nervt langsam. Was soll dieser Unfug. Vielleicht sollte sich die gute Frau in dem Fall tatsächlich mal mit der Geschichte beschäftigen. Was an diesem Hotelnamen rassistisch sein soll erschließt sich mir nicht. Wir müssen jetzt auch nicht halb Augsburg umbenennen. So ein Quatsch!
Konzentrieren wir uns lieber darauf Arbeitsplätze in unserer schönen Stadt zu sichern und nicht den Ausverkauf unserer heimischen Wirtschaft an ausländische Investoren permanent zuzulassen.
Damit wir uns nicht falsch verstehen, ich bin gegen jegliche Art der Diskriminierung und Ausgrenzung. Aber das geht zu weit!
Bitte beenden Sie diese unsägliche Diskussion!

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11.08.2020

Kann diese unsägliche Debatte denn kein Ende finden? Gibt es nicht wichtigere Probleme?

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11.08.2020

Nein, scheinbar nicht. Frau Zelinsky hat ja noch viel zu tun in dieser schlechten Welt!

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11.08.2020

Solange die Augsburger Allgemeine und andere Tageszeitungen mit jedem Klick zu diesem Thema Geld verdient sicher nicht.
Außerdem lässt sich mit solch aufgeblasenen populistischen Themen wunderbar vom ganzen anderen Irrsinn unserer Welt ablenken und das Volk kann sich im Kleinklein verlieren.

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