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18.07.2018

Der 10000-Kalorien-Mythos

Tony Martin musste die Tour nach einem Sturz vorzeitig beenden.
Bild: Witters

Die Tour de France gilt als das härteste Rennen. Einer der profiliertesten Trainer spricht über die Strapazen, wie die Fahrer damit umgehen und einen Dopingfall.

Ihr Schützling Tony Martin musste nach einem schweren Sturz und einem Wirbelbruch die Tour vorzeitig beenden. Wie geht es ihm?

Weber: Ich habe mich gerade erst mit ihm getroffen. Mental geht es ihm sicher schlechter als körperlich. So ein Sturz ist schwer zu verarbeiten, zumal er jetzt mehrere Wochen Trainingsverbot hat. Er kann nicht einmal verreisen, da er sich keinen Erschütterungen aussetzen darf.

Immerhin bleibt Martin damit über die Hälfte der Tour erspart. Den Fahrern wird dabei extrem viel abverlangt. Was ist an dem Mythos dran, dass sie am Tag 10000 Kalorien verbrauchen und gar nicht so viel essen können, wie sie benötigen?

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Weber: (lacht) Das liest man immer wieder, ist ja auch eine tolle Story. Und natürlich gibt es Bergetappen, auf denen ein Fahrer am Tag 10000 Kalorien verbraucht. Ich will das nicht runterspielen, aber das sind vielleicht drei oder vier Etappen. Eine Flachetappe ist dagegen von der durchschnittlichen Leistung nicht höher als ein ganz normales Training – vielleicht sogar kürzer. Es gibt sogar Fahrer, die nehmen in der ersten Woche, also bevor es in die Berge geht, zu. Wenn die ganz normal im Feld mitfahren, verbrauchen sie in der Stunde etwa 800 Kalorien. In fünf Stunden sind das 4000 Kalorien. Jetzt essen die aber auf dem Rad – und davor und danach. Die essen auch nicht gerade wenig, denn sie haben Angst, dass die Kohlenhydratspeicher nicht voll sind. Gerade für die Bergfahrer und Kapitäne ist es eine Gefahr, in der ersten Tourwoche zuzunehmen. Denn ein Kilo am Berg macht schon was aus. Es ist also tatsächlich so, dass man vor allem jüngeren Fahrern auf die Finger schauen muss.

Wie lange dauert es, bis sich ein Fahrer nach der Tour wieder erholt hat?

Weber: Das ist schwer zu sagen. Die sind danach ja nicht bettlägerig. Durch die Ermüdung fehlt die Fähigkeit, in die Spitzenbelastung reinzugehen. Wenn ich nach der Tour de France zu einem Fahrer gehe und sage, wir fahren jetzt sechs Stunden bei mittlerer Intensität durch die Berge, dann macht der das. Aber wenn ich einem Sprintertypen wie etwa André Greipel sage, wir schauen uns die Sprintleistung fünf Tage vor der Tour und fünf Tage nach der Tour an, dann können die bis zu 20 Prozent an Sprintfähigkeit einbüßen. Es kommt wirklich darauf an, worauf man die Erholung bezieht. Grundsätzlich sieht man aber zum Beispiel hormonelle Veränderungen, die Belastungsverträglichkeit ist unten, die Pulsfrequenz ist unten, Stressreaktionen existieren nicht mehr.

Welche Rolle spielt das Thema Regeneration während der Tour?

Weber: Eine absolut entscheidende. Es geht in erster Linie darum, sofort Kohlenhydrate und Wasser zuzuführen. Runterkühlen, Massage, Kompressionskleidung – das alles sind die Dinge, die nach einer Etappe gemacht werden müssen. Da zählt tatsächlich die Zeit, das muss möglichst bald gemacht werden.

Wie ruhig sehen dann die Ruhetage aus?

Weber: Ruhetage sind ein ganz kritisches Thema. Da sitzen die Fahrer auch zwei, drei Stunden auf dem Rad. Dabei geht es aber weniger um die Dauer als vielmehr darum, dass auch einige höhere Intensitäten gefahren werden. Die Fahrer müssen zumindest kurzfristig ein bisschen schwitzen und Laktat in die Beine bekommen. Ansonsten ist es eben so, dass der Körper am Tag nach dem Ruhetag im Ruhemodus ist. Joaquim Rodriguez hat so schon mal die Vuelta verloren, weil er am Ruhetag meinte, nichts machen zu müssen. Gleich am ersten Berg am ersten Tag danach wurde er abgehängt. Er hatte seinen Körper zu weit runtergefahren und dann zu lange gebraucht, seinen Stoffwechsel wieder aktiviert zu bekommen.

Klingt fast so, als wäre es besser, die Ruhetage zu streichen?

Weber: Nein, überhaupt nicht. Der Energieverbrauch ist natürlich geringer. Es ist schon ein Unterschied, wenn ich zwei Stunden locker fahre und kontrolliert ein paar harte Belastungen reinlege, als wenn ich vier, fünf Stunden mit Stress fahre. Denn auf einer Etappe habe ich die Belastungen ja nicht unter Kontrolle. Da fährt das Feld so schnell, wie es fährt. Wenn es mir da schlecht geht, habe ich Pech gehabt. Ruhetage sind auf jeden Fall nötig.

Hat Sie der Verlauf der Tour bisher überrascht?

Weber: Überraschend ist es bisher eher nicht. Ich hätte allerdings schon gedacht, dass einige der reinen Sprinter mehr abräumen – gerade Marcel Kittel war da ein kleiner Problemfall. Mark Cavendish haben wir gar nicht gesehen. André Greipel war ja immerhin nah dran und vorne mit dabei.

Der Gesamtsieg dürfte einmal mehr nur über Chris Froome gehen?

Weber: Ja, davon gehe ich aus. Ich habe eine sehr umfangreiche Analyse seiner Daten vom Giro gemacht. Er ist der Favorit. Aber es gibt schon noch einige, die es spannend machen können. Bei Froome ist eben die Frage, wie er den Giro verkraftet hat.

Im Vorfeld der Tour gab es große Aufregung um einen positiven Dopingtest Froomes und dessen Freispruch wenige Tage vor Tour-Beginn. Wie bewerten Sie dieses Verfahren, das sich neun Monate hingezogen hat?

Weber: Die Länge des Verfahrens ist tatsächlich ein Problem. Aber auch das Timing hat einen komischen Beigeschmack. Über die Transparenz kann man sich streiten. Mich hätte das medizinische Fachwissen, das zu Rate gezogen wurde, interessiert. Aber ich finde es gut, dass man nicht pauschal hingeht und alle wissenschaftlichen Fakten, die es zu der Thematik gibt, ignoriert. Inhaltlich kann ich mich dazu nicht äußern, da ich die Faktenlage nicht kenne. Was ich eher spannend finde ist die Frage, was in Zukunft passiert, wenn noch mal jemand den Salbutamol-Grenzwert überschreitet.

Der Radsport ist durch ein tiefes Doping-Tal gegangen und steht bei vielen immer noch unter Generalverdacht. Wie sehr schaden derartige Vorfälle dem gerade erst mühsam erworbenen Vertrauen?

Weber: Die Außendarstellung ist natürlich eine Katastrophe. Interview: Andreas Kornes

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