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Augsburg

11.09.2020

Der Augsburger Hamid fürchtet um das Leben seines Cousins auf Lesbos

Das Technische Hilfswerk hat sich laut Minister Seehofer auf den Weg gemacht, um Zelte, 1400 Feldbetten und Schlafsäcke nach Lesbos zu bringen. Die Hilfe wird dort dringend benötigt, wie der Augsburger Hamid berichtet.
Bild: Socrates Baltagiannis/dpa

Plus Seit fünf Jahren lebt der Afghane Hamid in Augsburg. Sein Verwandter Reza entkam den Flammen im Flüchtlingslager Moria und ist nun dringend auf Hilfe angewiesen.

Der Augsburger Afghane Hamid macht sich große Sorgen um seinen Cousin. Reza befindet sich auf der griechischen Insel Lesbos. Er war im Flüchtlingslager Moria, als dort das Feuer ausbrach, und flüchtete nur mit einer Unterhose und einem T-Shirt bekleidet vor den Flammen. Nun hofft Hamid, der seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will, dass sein Cousin eine Chance hat, gerettet zu werden. "Ich hoffe, dass die Politiker schnell reagieren, bevor er verhungert oder verdurstet." Die Situation sei sehr Ernst.

Hamid absolviert in Augsburg eine Ausbildung zum Bäcker

Hamid lebt seit fünf Jahren in Augsburg. Der 23-Jährige absolviert eine Ausbildung zum Bäcker bei der Friedberger Landbrot-Bäckerei. Er fühlt sich hier wohl, Augsburg ist eine zweite Heimat für ihn geworden. Er lebt hier in Sicherheit, doch die ungewisse Situation, in der sich sein jüngerer Cousin befindet, belastet ihn seit Monaten. "Er ist vor etwa einem Jahr nach Moria gekommen. Seitdem schicke ich ihm regelmäßig über Western Union Geld, damit er sich etwas zu essen kaufen kann", erzählt der Afghane Hamid. In Moria habe Reza ein "schlechtes Leben" gehabt. Im Flüchtlingslager, das einmal für rund 3000 geflüchtete Menschen gedacht war, lebten zuletzt mehr als viermal so viel. Es fehlte an allem: Lebensmittel, Wasser, medizinischer Versorgung und sanitären Einrichtungen. Die hygienischen Zustände waren katastrophal - zuletzt gab es erste Infektionen mit dem Coronavirus.

Der Augsburger Afghane Hamid fürchtet um seinen Cousin Reza, der im Flüchtlingslager Moria lebte.
Bild: privat

Reza bekam laut den Erzählungen seines Cousins in den vergangenen Monaten das Leid der vielen Menschen tagtäglich mit. "Das Essen reichte nie. Deshalb wurde auch viel gestohlen, die Menschen gerieten in Streit, und es gab Schlägereien", sagt Hamid. Der Polizei, die vor Ort war, sei das aber egal gewesen. Reza hatte zwei Interviews und erhielt danach jeweils einen roten Stempel. Das bedeutete, dass es für den Geflüchteten nicht weiterging. "Der Großteil erhält einen roten Stempel. Um einen blauen Stempel zu bekommen, der es einem ermöglicht, die Insel zu verlassen, muss man sich schon einen Anwalt nehmen." Eine ausweglose Situation, mit der Reza nicht leben konnte.

Hamid hat Geld per Western Union nach Lesbos geschickt

Die Flucht und die Situation in dem Lager machten ihn krank. "Er hat Depressionen bekommen", sagt Hamid, der Geld sparte und sammelte, um seinem Cousin eine illegale Fahrt nach Athen zu ermöglichen. "Ich habe ihm 1000 Euro geschickt, damit er schwarz nach Athen fahren kann." Doch dort konnte sich sein Cousin aufgrund der Illegalität nicht frei bewegen. Als er einmal Geld in einem Western-Union-Shop holen wollte, sei er von der Polizei aufgegriffen und in ein Flüchtlingscamp in Athen gebracht worden. "Die Situation dort war noch schlimmer als in Moria. Jede Woche brachte sich dort jemand um. Mein Cousin hat auch einen Selbstmordversuch unternommen und sich geschnitten", sagt Hamid verzweifelt. Reza überlebte, doch es ging zurück nach Moria – dort lebte er in den vergangenen zwei Monaten in der Gefängnis-Sektion.

Als der Rauch in das Gefängnis drang, schlugen die Insassen eine Tür ein, um zu flüchten. "Soldaten wollten sie noch daran hindern, aber ließen sie dann gehen." Seither lebt Hamid in noch größerer Angst um seinen Cousin, der dank eines Freundes nachts in einem kleinen Zelt unterkommt. "Es gibt keinen Ort mehr, wo die Menschen hinkönnen. Es gibt keine Unterstützung", sagt Hamid, der mit Reza Kontakt über das Handy seines Freundes hält. "Ich muss ihm heute noch Geld schicken, damit er sich etwas zum Anziehen kaufen kann."

Mutter starb bei einem Sprengstoffattentat

Hamid belastet die Situation. Auch seine eigene Flucht aus Afghanistan und viele andere Schicksalsschläge hat der 23-Jährige noch zu verarbeiten. Sein Vater ist lange verschollen, seine Mutter starb vor wenigen Jahren bei einem Sprengstoffattentat in Afghanistan. Nun fürchtet er um seinen Verwandten. Sogar seine Ausbildung habe er um ein Jahr verlängern müssen, weil er durch die Umstände gesundheitliche Probleme hatte. "Ich habe aber einen ganz tollen Chef, der mich sehr unterstützt und mir auch bei Behördenbriefen hilft."

Hamid hofft auf den Brief von Oberbürgermeisterin Eva Weber

Der Augsburger hofft, dass sein Cousin nun ebenfalls Unterstützung erhält. Hamid hat von dem Brief gehört, den Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) an Bundesinnenminister Horst Seehofer und den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (beide CSU) geschrieben hat. Darin schreibt Weber, dass Augsburg seinen kommunalen Beitrag leisten und schutzbedürftige Geflüchtete aufnehmen will. Hamid hofft nun, dass sein Cousin Reza eine Chance erhält. "Ich würde mir wünschen, dass er nach Augsburg kommt. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben."

Die Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) hat angekündigt, die Stadt wolle Flüchtlinge aus Moria aufnehmen.
Bild: Silvio Wyszengrad (Archivfoto)

Info: Der Arbeitskreis Lesbos ist ein freies Augsburger Bündnis aus Einzelpersonen und Organisationen, das sich für die Abschaffung der Lager an den europäischen Außengrenzen sowie für die Aufnahme von Geflüchteten in Deutschland, Bayern und Augsburg einsetzt. Sie wollen am Samstag, 12. September, um 17 Uhr auf dem Elias-Holl-Platz ein Zeichen setzen. Bei der Kundgebung "Evakuiert Moria - Wir haben Platz" wird die sofortige Aufnahme der Menschen aus den Lagern gefordert.

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