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Theater

19.03.2012

Der Blutfaden der Geschichte

Der Tzaddhik (Terry Swartzberg ) ermahnt (von links) den Pedanten (Jürgen Bauer), die Klatschtante (Nirit Sommerfeld), den Rabbi (Barry Goldman) und den Kibitz (Willi Beck).
Foto: Michael Hochgemuth

Anti-Kriegs-Burleske „Tzaddhik“ in der Neuen Stadtbücherei

Posse? Groteske? Anti-Kriegs-Burleske? Diese drei Begriffe im Theaterstück „Tzaddhik“ zu unterscheiden, fiel den Besuchern in der Neuen Stadtbücherei nicht leicht. „Tzaddhik“ ist im Talmud der Name jenes Gerechten, der Gott von Generation zu Generation erweichen kann, die Menschheit nicht dem Verderben preiszugeben. Krieg um Krieg, Genozid um Genozid – seit Noah pflanzte sich von Geschlecht zu Geschlecht das Grauen fort, gäbe es nicht jene Tzaddhikim.

Terry Swartzberg, der Autor des Stückes, schlüpfte selbst in die Rolle eines Tzaddhiks, der HaSchem (jüdisch: Gott) nur mühsam davon überzeugen konnte, die Menschheit ins Buch des Lebens zu schreiben. Tzaddhiks Schachern mit Gott zu verstehen, erwies sich für die aktiv in eine Litanei von Jammern und Beten einbezogenen Zuschauer als schwer, denn die Frage nach dem „Warum“ blieb unbeantwortet.

Nur eine Dekade, die als „friedlich“ geltenden Jahre zwischen 1850 und 1860, hatte Swartzberg ins Fadenkreuz seiner Klageposse gerückt, und zählte auch hier sage und schreibe 1454 Kriege. Was in diesen geschah, berichteten in vielen Sprachen fünf kuriose Gestalten, der Pedant (Jürgen Bauer), die Klatschtante Yenta (Nirit Sommerfeld), der Kibitz (Willi Beck) und der Rabbiner (Barry Goldman). Sie forderten in der mit Musik (hervorragend: Violinistin Ann Margaret Shaw) aufgemischten Theatercollage hohe Konzentration.

Man glaubte zu erleben, wie der jüdische Totengeist Dibbuk in die Darsteller fuhr, denn sie tanzten den Kaddisch, jenes jüdische Totengebet, wie einen Slapstick. Schmerzlich verdeutlichte dies, wie schwer es ist, Mensch zu sein. Die Botschaft: Feilscht der Tzaddhik noch um Gerechtigkeit, können Menschen Lehren ziehen aus dem, was nicht vergessen werden darf.

Terry Swartzbergs Anti-Kriegs-Burleske klärt verzerrt-schaurig, wohl auch lustig, sicher aber spannend darüber auf, dass sich ein Blutfaden durch das Weltgeschehen zieht, der abgerissen werden muss.

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