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Augsburg

16.07.2010

Der Doppelmord hat alles verändert

Hinter dieser Tür sind am Samstag am frühen Morgen zwei Menschen ums Leben gekommen und eine Frau schwer verletzt worden, Nachbarn konnten die Polizei verständigen, Polizei, Tatort, hoch
Bild: Silvio Wyszengrad

Für die Justiz ist der Fall erledigt, doch die Bluttat in der Therapie-WG in Augsburg hinterlässt tiefe Wunden. Auch beim Diakonischen Werk. Von Jörg Heinzle

Die Tür ist verschlossen, die Namensschilder neben der Klingel notdürftig weggekratzt. Die Wohnung steht leer. Hier, im Erdgeschoss eines Gründerzeithauses im Bismarckviertel, hat Bekir A. (47) im vorigen Oktober zwei Mitbewohner einer Therapie-WG erstochen. Für die Justiz ist der Fall erledigt, der Täter wurde am Dienstag zu langer Haft verurteilt. Doch die Wunden bleiben. Bei Opfern, aber auch beim Diakonischen Werk, das die WG für psychisch Kranke betreut hat.

"Das Trauma ist groß", sagt Ilona Luttmann, die seit drei Jahren für die Sozialpsychiatrie beim Diakonischen Werk verantwortlich ist. "Und die Erinnerung lässt sich nicht einfach löschen." In den Tagen nach der Bluttat wurde beim Diakonischen Werk ein Krisenteam eingerichtet, das sich vor allem um Angehörige kümmerte. Es gab einen Gottesdienst, bei dem gebetet wurde - für die Opfer und für den Täter. "Wir sind mit der Tat offen umgegangen", sagt Ilona Luttmann. "Die Sache zu verdrängen, das wäre der größte Fehler gewesen."

Das Diakonische Werk hat auf den Doppelmord reagiert. Die WG wurde aufgelöst. Zwei der fünf Bewohner sind tot, erstochen, Bekir A. sitzt im Gefängnis. Ein Bewohner überstand die Bluttat unverletzt, weil er in seinem Zimmer war und schlief. Am Schlimmsten sind die Folgen für Susanne P. (39). Sie überlebte, obwohl der Täter auch auf sie fast 30 Mal einstach. Die Frau litt schon vor der Tat unter einer schizophrenen Psychose, dazu kommen nun Albträume und Angstzustände. Derzeit muss sie wieder in der Psychiatrie betreut werden.

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Der Mordprozess gegen Bekir A. zeigte: Das Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen psychischen Krankheiten auf engstem Raum kann schwierig sein. Bekir A. fühlte sich von seinen Mitbewohnern immer wieder sehr genervt. Einer der Getöteten soll den Muslim regelmäßig in Debatten über das Christentum verwickelt haben. Ein anderer Bewohner litt unter der Vorstellung, dass ihm nachts Wäsche gestohlen wird. Dazu kamen intime Kontakte unter den Bewohnern und Eifersüchteleien. Eine Mischung, die plötzlich explodierte.

Am Konzept der Wohngruppen will die Diakonie dennoch festhalten. "Es gibt keine Alternative", sagt Ilona Luttmann. "Die Menschen haben ein Recht, in die Gesellschaft integriert zu werden." Schuldige wurden intern nicht gesucht, eine Konsequenz ist aber, dass die Kranken intensiver als zuvor betreut werden. Dort, wo es nötig ist, kommen Fachberater zusätzlich in die Wohngruppen und helfen den Bewohnern. Trotzdem, das spricht Luttmann offen aus, "kann man einen solchen, furchtbaren Einzelfall sicher nie ganz verhindern."

Eines haben Ilona Luttmann und ihre Mitarbeiter nach dem Doppelmord nicht erlebt: Ablehnung oder Misstrauen bei Nachbarn, die in deren Häusern mit Therapie-WGs leben. Vorurteile gebe es selten. "Es entsteht oft sogar ein guter, nachbarschaftlicher Kontakt." So war es auch im Bismarckviertel. Bis der Doppelmord von einem Tag auf den anderen alles veränderte. "Die Bewohner der WG waren wirklich freundlich", sagt eine Frau, die in einem Nachbarhaus lebt. "Schade, dass sie nicht mehr da sind."

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