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Kultur

04.01.2019

Der Gebärdenchor singt Lieder fürs Auge

Der Gebärdenchor bei einem Auftritt im März 2018 in der Chapel von St. Thomas.
Bild: Annette Zoepf

In Augsburg gibt es einen Chor für Menschen, die wenig oder nichts hören. Wenn er auftritt, bleibt die Musik absolut tonlos. Doch die Begeisterung ist zu spüren

Zweimal im Monat ist es im Probenraum der evangelischen Sankt-Thomas-Chapel in Augsburg besonders still – und doch ist das Zimmer erfüllt von Musik. Von Musik, die nur die Augen wahrnehmen. Das passiert immer dann, wenn der Gebärdenchor übt und auf seine besondere Weise lautlos singt. Heute ist es wieder so weit. Die musikalische Leiterin Sonja Richter (49), die den Chor zusammen mit Pfarrerin Marianne Werr leitet, gibt den Einsatz für die Gebärdenversion von „Stern über Bethlehem“.

Ihre „Sängerinnen“, die von sich selbst sagen, dass sie nicht singen, sondern musizieren, blicken sich oft an und verfolgen die geschmeidigen Bewegungen Richters. Sie stehen im Halbkreis und formen mit den Händen einen Stern, dann ein Brot, das aus dem Ofen eines Brothauses kommt – die Gebärde für Bethlehem, das im Hebräischen genau so heißt. Danach zeichnen sie mit zackigen Bewegungen einen Stern, der wandert und schließlich bei einer in der Luft geformten Krippe stehen bleibt. „Möglichst synchron soll es sein, mit viel Gefühl“, erklärt Richter in Gebärdensprache, die Pfarrerin Marianne Werr (52) übersetzt.

Werr ist die Seelsorgerin der evangelischen Gehörlosengemeinde Augsburg und zuständig für rund 150 Menschen. Sie hat den Chor 2012 mitgegründet, nachdem sie sich schon jahrzehntelang mit dem Thema Gehörlosigkeit befasst hatte. Zu den Proben kommen seither jedes Mal rund zehn Frauen zwischen 30 und 80 Jahren; in der losen Gruppe gibt es keine Männer. „Das ist purer Zufall“, sagt Werr. Zur Motivation der Chormitglieder ergänzt sie: „Das Miteinander-Lachen und die Freude an der Musik sind der Grund, warum alle für ihre Gruppe Feuer und Flamme sind.“ Währenddessen übt der Chor weiter seine Lieder ohne Ton und Notenblatt – und doch ist dabei etwas zu hören: Lachen, und das oft, viel und auch laut. Vom Heizungsrohr, das in der Wand gegenüber gluckert, nimmt niemand Notiz. Dabei gibt es beim Grad der Gehörlosigkeit große Unterschiede bei den Chordamen.

Zum Beispiel Sonja Richter: Sie hört schon immer nur äußerst wenig. Bei der 61-jährigen Angelika Haas ist es anders. Sie kann durch neue medizinische Methoden langsame und deutliche Gespräche verstehen und selbst immer besser sprechen. Lieselotte Gleich hingegen ist komplett gehörlos. Bei den Proben ist das unterschiedliche Hörvermögen der Chorfrauen jedoch nicht wichtig.

Sie wollen alle nur eines: Musik spüren, Musik erleben. Und so sieht das aus: Die Frauen bewegen sich zunächst langsam, dann schneller, gehen ein paar Schritte nach links, dann wieder nach rechts. Für Außenstehende erscheint das wie ein rhythmischer und harmonischer Tanz. Gerade wird „Seht, die gute Zeit ist nah“ geübt. Der Titel ist fester Bestandteil des Chorrepertoires. Lieselotte Gleich strahlt dabei über das ganze Gesicht. „Es ist mein absolutes Lieblingslied“, sagt sie. Das Musikstück selbst nimmt wieder den ganzen Raum ein und bleibt doch absolut tonlos. Die einzigen Geräusche kommen von den Schritten und der knisternden Kleidung. Ein Schal raschelt, Schuhe klackern. „Ich bekomme bei dem Lied immer Gänsehaut“, stellt Lieselotte Gleich hinterher fest. Insgesamt acht solcher weihnachtlichen Titel hat der Chor im Programm, darunter drei reine Gebärdenlieder, die es nicht für die „klingende“ Welt, also nicht mit Text und Noten, gibt. Manchmal trifft sich der Chor mit Hörenden. „Doch die sind meist sehr anstrengend, in reinen Gehörlosen-Gruppen ist es einfach entspannter“, findet Gleich. Bedenken, ob die anderen alles mitbekämen, fielen dabei schlicht weg. Am liebsten machen die Gehörlosen also ihre eigene Musik – die für die Augen.

Christian Michael Hammer, kna

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