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Brechtfestival 2018

04.03.2018

Der Kapitalismus ist vorbei - zumindest einen Song lang

Patrick Wengenroth (links) spielt im Tim PeterLichts Hörspiel „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des Dritten Jahrtausends“ mit Anja Caspary.
Bild: Wolfgang Diekamp

Ein Programmpunkt jagt den nächsten: Das Grandhotel präsentiert sich von seiner besten Seite, der Festivalleiter spielt Peter Licht und das Gastspiel überzeugt.

Bühne frei für das Grandhotel Cosmopolis. Der Freitag steht im Zeichen dieses Wunderorts. An einer langen Tafel wird gegessen. Später geht das in eine Performance über. Menschen erzählen von ihrer Flucht nach Deutschland und davon, wie sie von den Verwandten angesprochen werden: „Hei, du bist doch reich, du hast in Deutschland gerade ein Treppenhaus gestrichen, kannst du uns nicht Geld schicken.“ Plötzlich wird ein Boxring aufgespannt, zwei Männer kämpfen. In den Pausen gibt es Texte: Festivalleiter Patrick Wengenroth trägt etwas vor, in dem es darum geht, dass man in Diskussionen die andere Meinung aushalten müsse. Zwei jüngere Frauen tragen einen Text vor, eine Utopie, in der die Welt nur noch die 18- bis 25-Jährigen regieren. Später wird bis tief in die Nacht gejammt.

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Endlich Zeit für ein Gespräch über Brecht, mag sich mancher Besucher am Samstagmittag gedacht haben: Workshop steht über dem Format. Allerdings interpretieren Alexander Karschnia, B.K. Tragelehn und Florian Schneider diesen Werkstatttag bühnentechnisch. Sie sitzen auf dem Podium und sprechen miteinander, erzählen von sich, ihren künstlerischen Ansätzen – und werfen sich die Gesprächsbälle zu. Tragelehn, der vielleicht letzte Brecht-Schüler spricht über Brecht, den er nie als einen erlebt habe, der belehren wollte. Im Gegenteil. Gelernt habe Tragelehn von Brecht durch Beobachtung. Etwa, als Brecht ihm einmal ein Buch geliehen habe, in dem nicht die Lehrsätze angestrichen waren, sondern die Beispiele und Argumentationen. „Brecht war neugierig darauf, was die Menschen denken“, sagt Tragelehn. Was leider für die drei auf dem Podium an diesem Samstagmittag nur bedingt gilt. An einem Gespräch mit dem Publikum besteht kein Interesse, eine Diskussion entsteht erst, als sie eingefordert wird.

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Dafür gelingt eine andere Art des Diskurses nachmittags im Tim umso beglückender. Und zwar über Gesellschaft und Wirklichkeit – in einer seiner schönsten zeitgenössischen Formen. „Hast du schon gehört“, singt er, „hast du schon gehört, das ist das Ende/ Das Ende vom Kapitalismus – jetzt isser endlich vorbei.“ Und er singt: „Du blickst in die Herde/ Und wartest auf das Ende der Beschwerde/ Und denkst dir:/ Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wärn.“ Wer singt? Eigentlich der Pop-Poet PeterLicht. Dessen teils zu Hits gewordene Lieder sind es, dessen auch schon mit dem Bachmannpreis ausgezeichnete Texte kommen dazwischen, sodass die 70-minütige Collage unter dem Titel „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ eine Essenz seines Schaffens aus Leichtigkeit und Klugheit, Absurdität und Melancholie bietet. Doch dieser so gerne gesichtslos und anonym bleibende PeterLicht, dieser „Mann ohne Eigenschaften“ wird hier einfach dargestellt durch Patrick Wengenroth. Dieser singt weniger larmoyant, anders eigen, aber sehr gut, liest pathetischer, schauspielernder, aber gut. Es ist, auf einer schmucklosen Bühne die erst- und einmalige Live-Aufführung eines vier Jahre alten Hörspiel-Projekts in Originalbesetzung: am Klavier Matze Kloppe, als Interviewerin die Deutschlandfunk-Journalistin Anja Caspery. Mit Protestsongs gegen die Sonne, Gedankenkapriolen gegen die herrschende Verwertungslogik, mit reichlich Gelächter und Kopfschütteln im Publikum.

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In seiner Logik, seiner Handlung ist Bertolt Brechts „Im Dickicht der Städte“ auch fast 100 Jahre nach der Uraufführung eine Zumutung im besten Sinn für das Publikum. Das ist bei dem bildmächtigen Gastspiel des Maxim Gorki Theaters in der Brechtbühne die ganze Zeit über zu spüren. Brecht verzichtet im Stück darauf, den Kampf der beiden Männer psychologisch zu begründen. Sie kämpfen einfach so. Es gehört zur Stärke der Inszenierung von Sebastian Baumgarten, die Motive der miteinander Streitenden ebenfalls im Ungefähren zu belassen. Was an dem Abend überzeugt, ist der doppelte Boden, mit dem die ganze Zeit über gespielt. Das Stück wurde in den Proben einmal gefilmt und läuft nun – ausstaffiert in wunderbaren Kulissen – als Film im Hintergrund. Mal spricht das starke Ensemble den Text zum Film live ein, mal unterbrechen sie den Film, um die Handlung auf der Bühne fortzusetzen: Dann ohne Requisiten und in schwarzer Kleidung. Brechts Skandalstück wird so unter Hochspannung gesetzt. Viel Applaus des Publikums.

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