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31.07.2010

Der Muezzin im Zeughaus

Getrennt, zusammen: Blick von Jerusalem über den Stacheldraht nach Ramallah und ein jüdisches Paar: fotografische Konfrontation von Benyamin Reich, 1976 in Israel geboren, in Berlin lebend. Der Künstler reflektiert in weiteren Fotos seine jüdische Erziehung und religiöse Rituale. Foto: Ruth Ploessel
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Getrennt, zusammen: Blick von Jerusalem über den Stacheldraht nach Ramallah und ein jüdisches Paar: fotografische Konfrontation von Benyamin Reich, 1976 in Israel geboren, in Berlin lebend. Der Künstler reflektiert in weiteren Fotos seine jüdische Erziehung und religiöse Rituale. Foto: Ruth Ploessel
Bild: Ruth Ploessel

Es ist kein Ende der Fragen: "Zu Recht?" - "Alles Natur?" - "Wie sieht das Reich Gottes auf Erden aus?" - "Habt ihr Oma gesehen?" Die Fragen, verteilt auf vier Wände, haben Marc Rohweder/Jovana Banjac Zeitungen und Zeitschriften entnommen. Ein wie auf Votivtafeln aufgespannter Fragehorizont erscheint als Einstieg in eine Ausstellung zum Thema "Divine Connections" mehr als angemessen. Wenn es um die Verbindung zu Gott geht, verhindern Fragen den Fundamentalismus ebenso, wie sie den immer gleichen, wohlfeilen Antworten zuwiderlaufen.

Die Ausstellung im Zeughaus, von der in München lebenden Bosnierin Mirela Ljevakovi kuratiert, von ihr und Timo Köster konzipiert, von Alen Jaarevi als lockere Folge von Bilderwand, Videokabine und Installation gestaltet, ist ein Pflichttermin im Rahmen des diesjährigen Augsburger Friedensfestes. Sie schaut hinter Kulissen und unter den Puppenrock, sondert tatsächliche und virtuelle Glaubensräume, pointiert den Körperkult (in Reinigung und Selbstkasteiung).

16 Künstler beziehen Position zum Christentum, Judentum und Islam, zu Abgrenzungsstrategien wie zu Gemeinsamkeiten - etwa in den Polaroids von Ervil Jovkovi, die quer durch die Konfessionen den Abwehrzauber von Ornament und Amulett aufrufen.

Durch die Toskanische erschallen Muezzinrufe. Sie gehen per Lautsprecher von einem Kirchturm am Züricher Zwingliplatz auf die überraschten Passanten nieder. Deren Reaktionen (" das ist mir lieber als was der Papst verzählt") hat Johanes Gees gefilmt. Der Künstler wurde wegen Glaubens- und Ruhestörung verklagt - und freigesprochen.

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Was ist eine Moschee? Mohammed sagt: "Jeder Ort der Welt ist eine Moschee." Die in Sarajevo geborene Azra Akamija zeigt Kleiderständer: Aus einem Dirndl-Kittel, aus einer Hose wird flugs ein mobiler Gebetsteppich entfaltet. Der mitgeführte Kompass zeigt die Richtung nach Mekka an. Auf der Begleittafel entdeckt man zudem eine Frau, die beim Gebet vor dem Mann steht. Solche Freiheiten nimmt sich die Ausstellung heraus.

Rami Tufi hat in Frankfurt vier Moscheen in Hinterhöfen fotografiert. Sie muten wie Fremdkörper an, stellen die Frage, wie viel Raum an welchem Platz darf's denn für solche Gebetshäuser sein? Der Österreicher Peter Granser lichtet im Triptychon die messianische Beglückung der Massen in US-Stadien ab. Weitere pointierte Themen sind der sexuelle Missbrauch in der Kirche (Tom Schmelzer, Rabi Georges) und die ewig zirkulierenden religiösen Kitschfiguren, so ein von Partyspießen durchbohrter Sebastian. Wer sich hier erregen möchte, sei daran erinnert, dass keine Kunst so provokativ ist wie die geübte Praxis. Ein Synonym für Verbindung ist das Handy. Maria Pfeifer, in Memmingen geboren, hat in ihrer Installation 40 Apparaten ein (sakrales) Licht aufgesteckt. Doch das Flackern signalisiert die unterbrochene Vernetzung, das Display ist tot und verspiegelt. So wird der Betrachter auf sich selbst, auf den Anfang der Ausstellung zurückgeworfen, auf Fragen wie: "Wann, wenn nicht jetzt?" - "Wo bist Du?"

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