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Provokantes Theater

17.12.2012

"Der Nuttenbus von der A 8"

Alle starren auf die Frau, sie schaut abgeklärt zurück. Eva Gold als Prostituierte in „Der Nuttenbus von der A8“.
Bild: Michael Hochgemuth

In der Augsburger Ludwigstraße konnten Passanten in den Bus einer Prostutuierten einsteigen. Die war aber gar keine. 

Noch einige Zentimeter näher an das eigene Gesicht, und man zerfällt vor Beklemmung: Jeden Tusch der Wimpern im Gesicht dieser Frau kann man erkennen, die Linie des blassroten Lippenstiftes nachziehen, den Atem spüren, während sie, die Frau, die einem kaum einen halben Meter gegenübersitzt in Lederstiefeln und blonder Perücke, diese Lulu, oder Babsi, „gern auch Chantal, wenn dir das gefällt“, wenn die nun ihre Lippen schürzt und sagt: „Fünfzehn Minuten, 30 Euro.“

Man möchte zerfallen vor Beklemmung, wie man sie angafft in diesem schäbigen Bus an der Ludwigstraße. Auf dem Boden liegen Kondome, auf dem Tisch Räucherstäbchen der Marke „Erotica“, und man ist eingepfercht zwischen acht anderen Augenpaaren. Alle starren hier auf die Frau, die die Beine spreizt. Und sie? Gafft abgeklärt zurück. Drei Männer am Tag brauche sie für die Miete, sagt sie. „Und du findest 30 Euro zu viel?“

Ist man hier noch Zuschauer oder schon Zuhälter? Man könnte sich diese Frage stellen in „Der Nuttenbus von der A8“ von Petra Leonie Pichler, diesem zweiten Theaterstück in einer vierteiligen Adventsreihe der bluespots productions, die den intimen Bereich ausleuchtet. Doch die Zeit dafür bleibt nicht. 15 Minuten lang dauert das Stück, genug Zeit, um die Scheiben beschlagen zu sehen, doch Lulu, dieses Urweib (mit beinah einschüchternder Verve gespielt von Eva Gold), hat die Uhr fest im Blick, während sie das Alphabet des Anschaffens, Verführung, Abhärtung und Verletzlichkeit samt und sonders, in Sekundentaktung durchexerziert auf ihrem Flokati.

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Doch: Sind das nicht Klischees, diese Perücke, der Kussmund, die derben Sprüche? Sicherlich, doch bestätigte Klischees, wie Petra Leonie Pichler betont. Für ihre Recherche haben sie und Gold Prostituierte besucht, intensiv gesprochen mit einer, die seit dreißig Jahren im Gewerbe arbeitet, die Tanja heißt, aber sich ebenso gut auch Chanel nennen könnte. Und Frauen gesehen, die die Ikonografie der Prostitution aufs Kleinste nachempfinden mit ihren Lederstiefeln und den Leopardenmustern.

Eine Technik mit Kalkül: Man wolle eben unter die Haut gehen, wolle ungewöhnliche Orte aufsuchen, erklärt Alexander Vos, der zusammen mit Pichler das Ensemble bluespots productions im November 2011 gründete. Der konventionelle Theaterraum reizt die Gruppe nicht. Stattdessen stellen sie sich die Frage: „Ist die Wirklichkeit noch spannend?“ Und präsentieren diesen Adventskalender, der von Voyeurismus und Prostitution über Beziehungs- und Existenzkrisen hin zur Drogenabhängigkeit reicht.

Zumindest auf den zweiten Blick also muss man deshalb ahnen, dass der Nachfolger an diesem Samstagabend nicht erleichternder wird, nur weil Lulus Zuhälter (Jonathan Brügmann) die Tür des Busses aufzieht und einen aus der beklemmenden Nähe entlässt. „Nun aber Bewegung“, krakeelt er, „ihr perversen Schweine. Andere warten auch noch.“ Weil man dem Darsteller Christian Weiblen in seinem Stück „Voyeur-X-Mas“ nicht auf wenige Zentimeter in kafkaesker Bedrängung gegenübersitzen, sondern bequem von der anderen Straßenseite zusehen darf. Doch weit gefehlt, denn auch hier wird das Intime sträflichst ausgezogen in dieser Identitätskrise des Soziologiestudenten Jojo, dem ein spontaner Besuch sagt, er könne besser Jojo sein als er selbst. Und ihn verdrängt.

Die Bühne ist hier die Fensterreihe einer Wohnung im ersten Stock. Die Gedanken, an denen man heimlich Anteil nimmt, gnadenlos ausgebreitet über die Kopfhörer, die den Zuschauer am Geschehen teilhaben lassen. Und der Akteur am Ende einer der Zuschauer, der irritiert zum Fenster hinaufschaut und den Orchestergraben zu sich zurück nicht mehr überqueren kann, der Schnee wirft und zwischen Taxis und Zuschauern hin- und herläuft. Fürwahr, die Wirklichkeit ist noch spannend, manchmal so sehr, dass man zerfallen könnte vor Beklemmung.

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