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09.01.2008

Der Pate bleibt im Hintergrund

Die Beamten sind schon beinahe Stammgäste, aber keine gern gesehenen. Erneut hat die Augsburger Kripo das Großbordell "Colosseum" ins Visier genommen. 70 Beamte durchsuchten den so genannten Saunaclub am Dienstag. Außerdem tauchten die Fahnder in einem Nachbargebäude auf und nahmen ein Haus im Landkreis Augsburg unter die Lupe. Das Ergebnis zunächst: vier Festnahmen und einiges an mutmaßlichem Beweismaterial, das die Kripo jetzt sichtet.

Zwei Haftbefehle wegen Menschenhandels

Vor allem abgesehen hatte es die Polizei auf die 48-jährige Geschäftsführerin und einen 37-Jährigen, gegen die Haftbefehl bestand. Der Mann mit Hauptwohnsitz auf dem sonnigen Mallorca gilt den Ermittlern als der örtliche Chef in dem Bordell in der Nähe des Oberhauser Gaskessels. Beiden wird organisierter Menschenhandel vorgeworfen, sie sollen junge Frauen aus Osteuropa zur Prostitution gezwungen und missbraucht haben.

Der mutmaßliche große Pate im Hintergrund aber muss den Zugriff der deutschen Polizei nicht fürchten. Necati Arabaci, unter anderem wegen Menschenhandels zu neun Jahren Haft verurteilt, wurde nach Verbüßung eines Teils der Strafe in seine türkische Heimat abgeschoben. Von dort aus hält der "Pate" des Kölner Rotlichtmilieus auch im Augsburger Großbordell weiter die Fäden in der Hand. Davon ist Kripo-Chef Klaus Bayerl überzeugt: "Die Gruppe um Arabaci bestimmt letztlich, was Sache ist."

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Beizukommen ist der Bande aber schwer, das weiß Bayerl aus eigener Erfahrung. Im Sommer 2006 scheiterte ein Verfahren wegen Zuhälterei gegen die Betreiber des Colosseums. Jahrelange Ermittlungen waren für die Katz.

Doch die Kripo gab nicht auf und nahm den Laden im vergangenen April erneut auseinander. Diesmal ging es um organisierten Menschenhandel - und diesmal gibt es bereits ein erstes Urteil: Vor knapp einem Monat wurde ein Zuhälter, der eine 18-Jährige unter anderem in dem Augsburger Club anschaffen ließ, zu über drei Jahren Haft verurteilt. Weiteren mutmaßlichen Mitgliedern der Zuhälterbande wird in den nächsten Monaten der Prozess gemacht, laut Bayerl ist ein ehemaliger Geschäftsführer des Colosseums darunter. Auch die Verhaftungen vom Dienstag seien eine Folge der damaligen Ermittlungen.

Das Urteil vom Dezember war vor allem den Aussagen einer Zeugin zu verdanken. Eine 18-Jährige hatte geschildert, wie sie aus Ungarn nach Deutschland gelockt und dort als Prostituierte versklavt wurde. 13 Stunden am Tag musste sie fremden Männern gefügig sein und das Geld abliefern, wurde eingesperrt und geschlagen.

Ohne Aussagen wie diese ist kriminellen Bordellbetreibern nur schwer das Handwerk zu legen, betont Augsburgs Kripo-Chef Bayerl. "Wir brauchen jemanden, der wirklich auspackt. Doch es ist schwierig, eine Prostituierte zu finden, die redet." Die Frauen hätten Angst vor der Rache der Bordellmafia, und auch Zeugenschutzprogramme helfen laut Bayerl nur begrenzt. Bei Weitem nicht jeder Mensch sei bereit, alle Brücken hinter sich abzubrechen und sein bisheriges Leben völlig aufzugeben.

Allein die "Miete" bringt 800 000 Euro im Jahr

"Ganz schwer" dürfte es nach Bayerls Auffassung werden, das Oberhauser Colosseum einfach dicht zu machen, was im Übrigen Sache der Stadt wäre. Wenn die Kommune mit einem Verbot vor einem Verwaltungsgericht scheitern würde, müsste sie mit einer Schadensersatzforderung rechnen. Und das wäre vermutlich nicht ganz billig. Allein die "Miete", welche die 40 Dirnen in dem Bordell an dessen Betreiber entrichten müssen, beläuft sich auf 800 000 Euro im Jahr.

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