Lesung

05.01.2016

Der Psycho-Prinz

Die seit 30 Jahren in New York lebende Marianne Hettinger (links) hat am Sonntag ein gerade entstehendes Bühnenstück erstmals im Liliom vorgestellt. Sie las aus dem Skript unter anderem mit Hella Hörster.
Bild: Michael Hochgemuth

Wenn sich eine Mittvierzigerin mit Torschlusspanik in einen charmanten, aber machtgeilen Alphamann verliebt, ist das Beziehungsdrama nicht weit. „Prince Harming“ heißt das schnelle und spannende Stück der New Yorkerin Marianne Hettinger

Er sollte ihr „Prince Charming“ sein, er entpuppt sich jedoch als gestörter, machtverliebter Narziss. Verletzend, demütigend, verhöhnend – das ist „Prince Harming“, die männliche Hauptfigur in Marianne Hettingers gleichnamigem, in Augsburg erstmals öffentlich gelesenem Bühnenstück. Im Kellerkino des Liliom legte die New Yorker Autorin das Drama ohne vorherige Probe fünf Augsburger Schauspielern und -spielerinnen zu einem „Cold Reading“ vor, um ohne Umstände spontan Reaktionen und Urteile eines Testpublikums zu beobachten und später ins Stück einzuarbeiten.

Etwa 40 Zuschauer ließen sich auf das Experiment ein. Zentraler Charakter ist die aus Liechtenstein eingewanderte New Yorkerin Victoria. Seit Jahrzehnten schlägt sich die Mittvierzigerin in der Metropole mit Tanzstunden, als Talkmasterin und Regisseurin durch und träumt privat vom perfekten, fürsorglichen Mann fürs Leben. Als sich ein Star, ein ehemaliger Eiskunstlauf-Weltmeister, der Deutsche Max Bauer (gelesen von Philipp von Mirbach), als Gast für ihre Talkshow anbietet, hoffen sie, ihr Kameramann Enzo (Paul Lonnemann) und Blanche (Sarah Bonitz), Assistentin und Psychologiestudentin aus Deutschland, auf den großen Coup. Max ist 52, charmant und attraktiv, mit kleinem Bauch. Die Zuschauer werden Zeugen, wie die beiden behutsam zueinanderfinden. Doch während Victoria seine Messersammlung samt Hackbeil für Zeichen von Häuslichkeit hält, erkennen ihre Sidekicks Blanche und Enzo schon früh die ersten Hinweise auf die psychische Disposition des eitlen Ex-Sportlers.

Langsam steigert sich das Spiel. Die emotionalen Verstrickungen werden dichter, nur mühsam kontrolliert Max seine Aggression, fährt vulgäre Verbalattacken gegen Victoria. Intonation und Körpersprache der Schauspieler sowie der Erzählerin (Kerstin Becke) passen sich Spannung und Grauen an.

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Der Text geht ins Detail. Max verlangt sadistisch-masochistischen Sex samt Ketten und Lederpeitsche. Victoria, obwohl bereits misstrauisch, lässt sich für ein angebliches Kunstprojekt nackt in eine Kommode sperren. Das Foto hängt Max für alle sichtbar in Lebensgröße auf. Erste Andeutungen der besorgten Mutter (Hella Hörster) am Telefon zeigen, dass es deren Beziehungsdramen sind, die die Tochter unbewusst weiterlebt.

Der Terror wird physisch. Max beschimpft und demütigt Victoria, bis sie zum Befreiungsschlag ausholt, ihn vor die Tür setzt und die Schlösser auswechseln lässt. „Missbrauchsdramen dieser Art gehen mal glimpflich, mal brutal aus. Ich wollte den verbalen Terror zeigen, und wie er sich langsam zur Gewalt steigert“, erklärt Hettinger. Ihre Vorrecherchen ergaben zudem, dass derartige Beziehungen unabhängig von Bildung und Einkommen weitverbreitet sind.

Die Autorin stammt aus Leitershofen und arbeitet als Filmregisseurin und Tänzerin seit etwa 30 Jahren in New York. Hier soll das Stück im nächsten Jahr verfilmt werden, bekannte Schauspieler hätten schon großes Interesse an den Rollen bekundet, so Hettinger. Für Deutschland plant sie, den Stoff zu einem Bühnenstück umzuarbeiten. Schauspielerin Kerstin Becke ist vom Text beeindruckt: „Schon beim Lesen ist es ein unheimliches, ein mitreißendes Stück!“

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