Interview

14.07.2011

Der Radiomacher

Radio ist die große Leidenschaft von Ulrich Kubak. Der Augsburger gründete einst Radio Fantasy. Heute ist er Chef von Klassik Radio, dessen Verwaltung im Hotelturm sitzt.
Bild: Foto: Silvio Wyszengrad

Von Fantasy zu Klassik Radio: Ulrich Kubak ist Chef des einzigen Privatsenders, der deutschlandweit sendet.

In 107 Meter Höhe am Augsburger Hotelturm prangt das grün-schwarze Logo: Klassik Radio. Fast jeder hat es schon gesehen. Aber nur wenige kennen den Sender, der hier im 35. Stock seinen Sitz hat. Ulrich Kubak, einst Gründer von Radio Fantasy, hat mit Klassik Radio ein Format geschaffen, das es in Deutschland kein zweites Mal gibt. Klassik Radio ist der einzige national ausgerichtete Privatsender und der einzig börsennotierte. Jetzt steigt Kubak ins digitale Radiogeschäft ein. Wir sprachen mit ihm über das Senderkonzept, Erfolgsaussichten und die Kritik am Digitalradio.

Überall im Radio laufen die Hits der 80er, 90er und das Beste von heute. Sie setzen auf Klassik. Kann man damit überhaupt Erfolg haben?

Kubak: Die Radiolandschaft war und ist sehr einheitlich. Ich habe früher mit Radio Fantasy selbst einmal einen solchen Sender betrieben. Und da habe ich mich irgendwann gefragt, wie es mit dem Radio weitergehen soll. Was wollen wir hören, wenn wir aus dem Hitradio-Alter herauswachsen? Da haben wir mit Klassik Radio ein Format gefunden, das diesen Schritt geht.

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Was ist daran neu? Klassiksparten gibt es auch bei den Öffentlich-Rechtlichen.

Kubak: Die üblichen Klassiksender spielen meist ganze Werke. Wir wollten aber nicht das Übliche kopieren, sondern etwas Neues machen. Wir haben uns gefragt, wie wir das Interesse anderer Zielgruppen wecken können. Und wir wagen Tabubrüche.

Mit welchen Tabus brechen Sie?

Kubak: Wir spielen klassische Werke nicht in Gänze, sondern nur einzelne populäre Sätze. Wir haben Filmmusik im Programm. Und abends gibt es die Klassik-Lounge mit elektronischer Musik. Außerdem bieten wir Services wie Meldungen über Verspätungen an deutschen Flughäfen, Nachrichten für den modernen Menschen. Wir haben damit alle herkömmlichen Wege verlassen.

Erfolgreich war Klassik Radio aber nicht immer.

Kubak: Ich hab’ den Sender vor zehn Jahren entdeckt. Da gehörte er noch Bertelsmann, Burda, Spiegel, Universal, BMG und Christoph Gottschalk. Ich habe gesehen, dass da ein Juwel schlummert. Wir haben dann begonnen, alles Schritt für Schritt umzustrukturieren. Das dauerte natürlich. 2002 hatten wir noch 900000 Hörer täglich, heute sind es schon 1,6 Millionen.

Welche Rolle spielt der Verwaltungssitz des Senders in Augsburg?

Kubak: Klassik Radio wird seit Anfang an von Hamburg aus gesendet. Als ich den Sender übernommen habe, habe ich die komplette Geschäftsführung und die Verwaltung nach Augsburg verlagert, wo ich auch schon zuvor tätig war. Auch wenn die Stadt vielleicht nicht unbedingt der Nabel der Medienwelt ist. Wir bleiben hier. Es ist meine Heimat und die vieler Mitarbeiter, mit denen ich schon Jahre zusammenarbeite.

...und die mit Ihnen einige Experimente im Radiogeschäft mitgemacht haben.

Kubak: Auf jeden Fall. Es wäre sicher oftmals einfacher gewesen, etwas zu kopieren, was alle machen. Erfolgreicher ist man aber, wenn man neue Wege geht. Das hat mich schon immer gereizt.

Schon damals in Ihrer Fantasy-Zeit?

Kubak: Ja. Ich war von Radio schon immer begeistert. Ich wurde mit 18 Jahren Gesellschafter einer Kabelgesellschaft und habe eine Hörfunkfrequenz bekommen. Dann habe ich eine GmbH gegründet und hier vom Hotelturm aus – wir hatten ein eineinhalb Zimmer Appartement im 26. Stock – gesendet. Vier Jahre später habe ich den Sender verkauft.

Wie ging es weiter?

Kubak: Ich habe die Firma FM Radio Network gegründet. Wir haben angefangen, für Lokalsender in ganz Deutschland Programm zu machen. Das gab es damals noch nicht, dafür mussten erst gesetzliche Regelungen gemacht werden. Wir haben eine Hitparade produziert, die deutschlandweit lief. Und eine Bundesligashow mit Franz Beckenbauer. Da hatten wir irre Reichweiten. Einer unserer Kunden war Klassik Radio.

Aber sie mussten dort erst einmal große Medienkonzerne von Ihren neuen Ideen überzeugen. Wie macht man das?

Kubak: Ich habe eineinhalb Jahre immer wieder angeklopft. Irgendwann waren sie so überzeugt, dass sie ihre Mehrheit an mich verkauft haben. Später habe ich den Sender ganz übernommen und umgebaut.

...was sicherlich nicht bei allen Hörern gut ankam. Wie haben Sie das „neue“ Klassik Radio bekannt gemacht?

Kubak: Wir sind ein Radio, das empfohlen wird. Das hört man bei Freunden, im Büro oder im Taxi. Das ist für uns die beste Werbung. Unsere Zielgruppe beginnt so ab Ende 20. Viele Selbstständige, leitende Angestellte, Akademiker. Ein Publikum, das es so auf dem Radiowerbemarkt nicht gab.

Klingt lukrativ.

Kubak: Wir haben deswegen in Augsburg eine eigene Vertriebsorganisation gegründet. Auch das ist ein ganz neuer Gedanke in der Radiolandschaft. Wir mussten den großen Werbekunden Klassik Radio ja erst näher bringen.

Und wie läuft dieser Vertrieb?

Kubak: Wir haben Werbezeit im Wert von 120 Millionen Euro. 2010 hatten wir 15 Millionen Einnahmen. Da sieht man, was noch drin ist.

Jetzt wagen sie den nächsten Schritt: den Einstieg in DAB+. Viele Kritiker sehen diese Technik als Sackgasse an.

Kubak: Ich habe das Digitalradio mit dem alten Standard DAB auch lange kritisch gesehen, weil es nur regional ausgerichtet war. Jetzt geht es um nationale Lizenzen. Das ermöglicht uns, auf einen Schlag 50 Millionen Haushalte zu erreichen – auch dort, wo wir bisher keine UKW-Lizenzen bekommen haben, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen.

Aber der Hörer hat nicht viel davon: besseren Klang, aber auch Kosten.

Kubak: Wir wissen, dass der bessere Klang alleine nicht entscheidend ist. Für uns ist es wichtig, dass die Industrie mitzieht, dass die digitalen Geräte billiger werden. Das gibt es in anderen Ländern schon alles. Da ist für 50 Euro ein Digitalradio zu haben.

Was ist mit den anderen Empfangsmöglichkeiten: UKW, Internet?

Kubak: Wir werden weiterhin parallel über UKW senden. Und beim Thema Internet sind wir schon seit acht Jahren vorn dabei. Man kann uns streamen oder über ein kostenloses App hören.

Alles fortschrittlich. Aber dem Hitradio-Alter sind Sie wirklich entwachsen? Oder hören Sie noch rein?

Kubak: Ab und zu schon. Für mich gibt es nur gute und schlechte Musik. Und gut kann auch mal ein aktueller Hit sein. Aber mein Zuhause ist das Klassikradio.

Interview: Monika Schmich

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