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Augsburger Geschichte

09.11.2017

Der Stolz von Enkeln und Urenkeln

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2 Bilder
Porträts des Augsburger Stadthauptmanns Sebastian Schertlin von Burtenbach sind als Ölbilder, Zeichnungen und Kupferstiche überliefert.
Bild: Sammlung Häußler

Der Stadthauptmann der Reichstadt Ritter Sebastian Schertlin von Burtenbach starb vor 440 Jahren. Er war eine schillernde Persönlichkeit mit hoher Bildung

Im September 1857 gab der Augsburger Magistrat 23 „Gedächtnistafeln“ in Auftrag, um sie an Häusern anbringen zu lassen. Die Begründung für diese kostspielige Aktion: „Der Inhalt von den Aufschriften dieser großen Steintafeln dürfte geeignet sein, das Herz von Enkeln und Urenkeln der Augsburgischen Bewohnerschaft im gerechten Stolze auf ihre Vorfahren noch höher schlagen zu lassen.“ Vor 160 Jahren entsprachen solche Formulierungen der Denkweise in Bezug auf die Stadthistorie.

Dass man der Fugger und Welser, der Holbein, Burgkmair und anderer Augsburger Künstler mit Inschrifttafeln gedachte, ist nachvollziehbar. Darauf war man in Augsburg stolz. Doch man erinnerte im 19. Jahrhundert auch an einstige Kriegshelden, die in enger Beziehung zur Reichsstadt gestanden hatten. Einer davon war Sebastian Schertlin von Burtenbach. Er war lange Zeit reichsstädtischer Stadthauptmann.

Anno 1496 wurde er als Sebastian Schertlin, Sohn eines Richters und Bürgermeisters, in Schorndorf bei Stuttgart geboren und genoss die bestmögliche Bildung: Lateinschule und Studium an der Universität Tübingen. Als Kanzleischreiber beim Bischof von Konstanz hielt er es nur kurz aus. Im Alter von 22 Jahren wechselte er in die militärische Laufbahn. Das entsprach seinem Naturell. Der als mutig und klug, aber auch streit- und spielsüchtig bezeichnete, groß gewachsene junge Mann trat bei dem Haudegen und Landsknechtführer Georg von Frundsberg als Soldat ein. Er brachte es rasch zum Hauptmann und ging fortan auf vielen europäischen Kriegsschauplätzen seinem „Handwerk“ nach.

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Der erfolgreiche Truppenführer war auf dauerhafte finanzielle Sicherheit bedacht

Bei allen Feldzügen war der hochintelligente Offizier auf die Vermehrung seines Vermögens bedacht. Über die Einnahme Roms im Mai 1527 vermerkte er in seinen Aufzeichnungen, sie hätten 6000 Mann totgeschlagen, die Stadt geplündert und seien alle reich geworden. Der erfolgreiche Truppenführer war nicht nur auf zeitweise Löhnung und Beute, sondern auf dauerhafte finanzielle Sicherheit bedacht. Deshalb nahm er im Jahr 1530 als 34-Jähriger das Angebot der Reichsstadt Augsburg an, für 300 Goldgulden jährlich als Stadthauptmann auf Lebenszeit in ihre Dienste zu treten. Der Vertrag beinhaltete die Freistellung für Kriegszüge.

Im Sommer 1532 waren die Türken ins Reich eingefallen. Die kaiserliche Reichsstadt Augsburg war zur Hilfe aufgerufen. Am 25. Juli 1532 verließ der Stadthauptmann mit 500 Fußknechten und 50 Reitern Augsburg. Auf Flößen fuhren sie donauabwärts bis Krems, wo sich das Kontingent dem Reichsheer anschloss. Sebastian Schertlin wurde das gesamte Fußvolk des Heeres unterstellt. Es gelang ihm, bei Wien 18000 Türken vom Rückzug abzuschneiden. Nur wenige von ihnen entkamen dem Gemetzel. Nach dem Sieg über die Türken schlug Kaiser Karl V. Sebastian Schertlin zum Ritter. Geadelt nannte er sich „von Burtenbach“. 1532 hatte er für 17000 Gulden Schloss und Markt Burtenbach erworben.

1544 erreichte der Augsburger Stadthauptmann den Zenit seiner militärischen Laufbahn: Er wurde Obrist-Marschall des Reichsheeres. 1546 wechselte der Katholik zum protestantischen Glauben. Im Schmalkaldischen Krieg 1546/47 kämpfte Schertin von Burtenbach als Kommandeur der Infanterie der oberdeutschen Städte auf der Seite der Evangelischen gegen die Kaiserlichen. Die Protestanten unterlagen. Schertlin von Burtenbach floh nach Frankreich. Der Kaiser verhängte 1548 über ihn die Reichsacht. Erst 1553 wurde die Ächtung aufgehoben.

Ab 1568 lebte er meist in Augsburg in seinem Haus neben der St.-Anna-Kirche

Im Alter bremsten Krankheiten seinen militärischen Tatendrang. Als ihm 1556 nach einem abermaligen Türkeneinfall ein Kommando angeboten wurde, lehnte er wegen eines Gichtleidens ab. Umso mehr widmete er sich der weiteren Mehrung und dem Ordnen seines beträchtlichen Vermögens. Ab 1568 lebte er meist in Augsburg in seinem Haus neben der St.-Anna-Kirche. Hier starb Sebastian Schertlin von Burtenbach vor 440 Jahren, am 18. November 1577, im Alter von 82 Jahren nach mehreren Schlaganfällen. Ein Nachfolgebau an dieser Stelle trägt seit 1953 die vom Augsburger Künstler Hans Selner gestaltete Gedenktafel. Die alte Tafel war 1944 mit dem Haus ein Opfer von Bomben geworden.

Schertlin von Burtenbach verfasste eine ausführliche Autobiografie und ließ sich mehrfach porträtieren. Eine Zeichnung, etliche Ölbilder, Kupferstiche und Medaillen zeigen ihn meist als Ritter in spanischer Tracht. Er stellte sich in seiner Lebensgeschichte natürlich so dar, wie die Nachwelt ihn sehen sollte. Er überlieferte aber nicht nur ganz Persönliches, sondern als Insider auch das politische und militärische Geschehen in seiner Epoche. Historiker sehen deshalb in der Autobiografie eine ausgezeichnete zeitgeschichtliche Quelle. Unter dem Titel „Leben und Taten des weiland wohledeln Ritters Sebastian Schertlin von Burtenbach“ wurden sie mehrfach gedruckt.

Dass der Ritter mit Universitätsstudium, das er 1516 in Tübingen als Magister abschloss, früh das Soldatenleben und die Schrecken der Kriege kennenlernte, drückt er in seinem Wahlspruch aus: „Dulce bellum inexperto“ („Süß ist der Krieg für den, der ihn nicht erfahren hat“).

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