14.06.2019

Der Superstar zürnt

Brasiliens Fußball-Legende Marta kann es nicht fassen, dass Schiedsrichterin

Eine Schiedsrichterentscheidung bringt Brasilien um den Sieg und Marta aus der Fassung. Dazu passt, dass ein deutscher Reporter eine wichtige Frage vergisst.

Montpellier Es kommt nicht so oft vor, dass Marta Vieira da Silva derart wild gestikuliert. Aber um ihren Worten nach der bizarren 2:3-Niederlage mit den brasilianischen Fußballerinnen gegen Australien in dem bislang abwechslungsreichsten Spiel dieser Frauen-WM Nachdruck zu verleihen, schlug sie mehrfach mit der Außenseite der rechten Hand in die Innenfläche der linken. Wie ein Kung-Fu-Lehrer, der seinen Schülern den Handkantenschlag vorführt. Patsch, patsch. Immer wieder.

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„Eu quero quebra o VAR!“ sagte sie dazu. Ich möchte mit dem VAR brechen. Sinngemäß: Hört mir mit dem Videoassistenten (VAR) auf, wenn der nicht richtig entscheidet. Die brasilianische Galionsfigur baute sich mit ihren 1,62 Metern nach Abpfiff direkt vor der Schweizerin Esther Staubli auf, um ihren Unmut zu hinterlegen. Die Schiedsrichterin hatte beim Eigentor von Monica (69.) zunächst auf Abseits entschieden, nachdem Australiens Kapitänin Sam Kerr ja mit zum Ball gesprungen war. Doch dann schaltete sich der deutsche Videoassistent Bastian Dankert ein, Staubli sah sich die Szene auf dem Monitor an – und gab das Tor.

Südamerikanische Reporter schlugen wütend auf die Tische der Pressetribüne. Allerdings stand dieses Malheur nur am Ende einer Fehlerkette der Seleção Brasileira Feminina, in der nicht nur Marta in die Jahre gekommen ist. Weil der Verband CBF die Nachwuchsarbeit stiefmütterlich behandelt, stellt kein WM-Teilnehmer ein älteres Team. Bezeichnend, dass das verletzungsbedingte Ausscheiden von Formiga bei Marta als weiterer Grund für die Pleite galt: „Ohne Formiga haben wir den Fokus verloren.“ Die „Ameise“ ist mit 41 Jahren die älteste Spielerin der WM.

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Immerhin schaffte Tamires, 31, nach einem Beinschuss noch einen Spurt, woraufhin Cristiane, 34, das 2:0 köpfte (38.). Zuvor hatte Marta nach einem von der zum 1. FFC Frankfurt wechselnden Verteidigerin Leticia Santos herausgeholten Elfmeter das 1:0 erzielt (27.). Und obgleich sie eben noch schimpfte, konnte sie ob ihres 16. WM-Treffers – ihr 106. Tor im 145. Länderspiel – doch schon wieder lächeln. Die 33-Jährige hat nunmehr in fünf WM-Turnieren seit 2003 getroffen. So viele WM-Tore hat geschlechterübergreifend nur Miroslav Klose geschafft.

Dass ausgerechnet ZDF-Reporter Tibor Meingast diesen Vergleich vergaß, animierte die temperamentvolle Rekordhalterin sogar dazu, nach dem Interview kehrtzumachen: „Mein Gott, wie konntet ihr das vergessen. Ich habe jetzt auch 16 Tore geschossen, genau wie euer Klose. Das hättet ihr auch mal fragen können.“

So mischten sich an diesem Abend am Mittelmeer bei Marta die merkwürdigsten Emotionen. Dass die Konstellation in der Gruppe C mit den auf Augenhöhe agierenden Teams aus Brasilien, Australien und Italien so vertrackt ist, hat sich das Team von Trainer Vadão selbst zuzuschreiben. Der wechselte seine sechsmalige Weltfußballerin zur Pause vorsichtshalber aus. „Marta weiß selbst am besten, wann sie spielen kann und wann sie besser nicht spielt.“ Am 24. Mai im Trainingslager in Portugal hatte seine Nummer 10 eine nicht näher beschriebene Muskelverletzung erlitten und deshalb beim Auftaktsieg gegen Jamaika (3:0) gefehlt.

Die 33-Jährige kann auch keinen großen Glanz mehr über 90 Minuten verbreiten, dazu fehlen der Stürmerin von Orlando Pride längst Dynamik und Tempo. Sie muss alles mit Technik und Spielwitz regeln. Für ihre Generation wird eine Titelchance, wie sie Marta 2007 im WM-Finale gegen Deutschland hatte (Nadine Angerer parierte damals ihren Finalelfmeter) kaum wiederkommen.

Damit die WM nicht schon nach der Vorrunde für die Brasilianerinnen beendet ist, muss am Dienstag im letzten Gruppenspiel gegen Italien in Valenciennes eine deutliche Leistungssteigerung her. Oder wie Brasiliens Cristiane formulierte: „Wir müssen das Spiel vergessen und gewinnen.“

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