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Zeitgeschichte

29.04.2011

Der Tag, als die Befreier kamen

Auf regennassem Pflaster bewegen sich amerikanische Soldaten vom Dom zum Rathaus, als sie am 28. April 1945 einmarschieren. Dieses Bild, das damals die Augsburgerin Leni Lechner machte, ist heute ein wertvolles Dokument der Zeitgeschichte.

Ehemalige amerikanische Soldaten erzählen, wie sie selbst den Einmarsch der US-Truppen in Augsburg am 28. April 1945 mitmachten. 66 Jahre später besuchen die US-Veteranen die Stadt von heute

Es ist ein trüber, grauer Morgen, als John Miller in Winteruniform und voll bewaffnet auf einen Lkw der US Army steigt. Es ist der 28. April 1945. Gleich wird er mit einem Trupp amerikanischer Soldaten in Augsburg einmarschieren. Der Auftrag lautet, die Stadt von der Naziherrschaft zu befreien. Und dem damals 19-jährigen Amerikaner ist es etwas mulmig. Was wird ihn beim Einmarsch erwarten? Beschuss vom Feind oder die weißen Fahnen der Kapitulation?

Inzwischen ist John Miller 85 Jahre alt und lebt in Michigan. Als Kriegsveteran ist er gestern wieder nach Augsburg gekommen. Diesmal ist er zusammen mit zwei früheren Kameraden in eigener Sache unterwegs. John Miller, Bob Dutil aus Kalifornien und John Keller aus Illinois wollen sich vor Ort an die dramatischen Ereignisse von damals erinnern. Und sie wollen als ehemalige amerikanische Soldaten und „Befreier“ heute ein gutes Verhältnis zu Deutschland pflegen.

Der Tag Null

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Der 28. April 1945. Für Augsburg ist das der Tag Null im Zweiten Weltkrieg. „Es ist die Schnittstelle zwischen zwei Epochen“, sagt Georg Feuerer vom Verein Amerika in Augsburg, die Schnittstelle zwischen dem Ende des verbrecherischen Naziregimes und Freiheit und Demokratie.

An diesem Morgen des 28. April werden der Stadtkommandant Generalmajor Franz Fehn und sein Stab im Befehlsbunker unter dem Riedingerhaus, dem heutigen Stadtwerkehaus am Hohen Weg, von einem Voraustrupp der Amerikaner gefangen genommen. Fehn hatte eine formelle Übergabe der Stadt abgelehnt.

Organisiert wird der kampflose Einzug amerikanischer Truppen von einer Gruppe Augsburger aus unterschiedlichen Kreisen. Das Ziel, das sie verbindet, ist ein Kriegsende ohne Schrecken für das von vielen Bombardierungen heimgesuchte Augsburg. Die Stadt sollte ohne Kämpfe, ohne Zerstörungen und Opfer, mit intakten Brücken und Versorgungseinrichtungen in die Hände der Amerikaner kommen. Zu diesem Zweck haben sich die Männer zur „Freiheitsbewegung“ zusammengeschlossen.

Zu den Menschen, die in der entscheidenden Nacht aktiv sind, zählt Franz Hesse. Er hat den Auftrag, bei Steppach zu den Amerikanern Verbindung aufzunehmen. Der Kontakt kommt zustande, aber die abgesprochenen Planungen werden teilweise durch unterbrochene Nachrichtenverbindungen über den Haufen geworfen.

Doch die Amerikaner haben durch Vorgespräche das nötige Vertrauen gefasst. Sie setzen in den ersten Stunden des 28. April eine Kompanie mit Jeeps, gepanzerten Mannschaftswagen und Panzern in Marsch. Franz Hesse und eine Reihe umsichtiger, mutiger Männer dirigierten die Truppe über Kriegshaber, Pfersee, die Wertachbrücke, die Rosenaustraße und die Eisenbahnbrücke am Beginn der Gögginger Straße zum Überraschungscoup mitten in der Stadt.

Auch „Private“ (zu Deutsch Gefreiter) John Miller ist mit dabei, als die amerikanischen Infanteristen an diesem Tag in Augsburg einmarschieren. Von den geheimen Kontakten im Vorfeld hat er als einfacher Soldat nichts mitbekommen. Als sich sein Lastwagen in Bewegung setzt, ist er eher besorgt, ob dem US-Trupp ein Kampf bevorsteht. Doch dann, als er durch die Straßen fährt, kann er tief durchatmen.

Es ist wohl gegen sieben Uhr, als die ersten Amerikaner den Dom passieren. Alles verläuft irgendwie in ruhiger Atmosphäre. Die Straßen sind menschenleer. „Wo ich vorbeikam, hingen weiße Tücher an den Häusern“, erzählt John Miller. „Ich war sehr erleichtert, als ich wusste, dass sich die Deutschen kampflos ergeben werden.“

Überall die weißen Fahnen der Kapitulation. Das bleibt für ihn die prägende Erinnerung an Augsburg. Das hat er als Soldat nirgendwo sonst in Deutschland erlebt. Nur wenige Stunden später zieht seine Truppe weiter. Das nächste große Ziel der Amerikaner ist Hitlers Alpenfestung am Obersalzberg.

John Miller ist längst weitermarschiert, als US-Soldat John Keller 1945 in Augsburg eintrifft. Keller liegt beim Einmarsch der Amerikaner in Augsburg noch verwundet in einem Lazarett in England. Er zählt aber zu den Truppen, die anschließend die Stadt besetzen.

Zwar gibt es ein „Fraternisierungsverbot“. Die Amerikaner dürfen mit den Deutschen keinen näheren Kontakt pflegen. Doch Keller lässt es sich nicht nehmen, immer mal wieder Schokolade an Augsburger Kinder zu verteilen – so wie es viele US-Soldaten machen. Und wenn die Feldjäger wegschauen, kommt er mit den Einheimischen ins Gespräch. „Die Leute waren nett und machten auch Scherze“, erzählt er. Ganz besonders imponiert Keller, wie die Menschen zupacken, um die Trümmer der zerbombten Stadt wegzuräumen. „Damals sah es so aus, als ob sie es niemals schaffen werden.“

Was bleibt, ist Staunen

Und heute, 66 Jahre später? Miller und Keller sagen, es sei ein gutes Gefühl, wieder in Augsburg zu sein. Sie genießen den freundschaftlichen Kontakt, den ihnen der Verein Amerika in Augsburg entgegenbringt. Und sie freuen sich über den Empfang der Stadt mit Bürgermeister Peter Grab. Er erinnert an den Abzug der US-Armee 1998, der eine Lücke hinterlassen habe. Doch ehemalige US-Soldaten kommen nun gerne und regelmäßig als Besucher. Ganz generell, sagt Tim Stoy, einer der amerikanischen Organisatoren solcher Reisen, „staunen unsere Veteranen immer wieder, wie modern Deutschland geworden ist.“

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