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23.12.2009

Der Tag, an dem die Todeswelle kam

Diese schwarze Wolke, er sieht sie heute noch vor sich. Diese Wand aus Schlamm, die unter Wasser alles Licht verschluckt und den jungen Taucher gefangen nimmt. Es dauerte nur wenige Minuten, und danach war alles anders: das warme, freundliche Meer eine Todesfalle, die mit aller Macht den Körper nach unten zieht, und das Urlaubsparadies ein Katastrophengebiet.

Fünf Jahre später sitzt Sebastian Prestele im Wohnzimmer seines Hauses auf der thailändischen Ferieninsel Phuket und klingt immer noch erstaunt: "Bis auf ein paar Schrammen ist mir nichts passiert. Das ist unglaublich." Am kommenden Samstag feiert der 26-Jährige aus Augsburg so etwas wie Geburtstag. Am 26. Dezember 2004 geriet der junge Taucher vor der Küste in die verheerenden Wellen des Tsunami und überlebte.

Das Seebeben im Indischen Ozean gilt als das drittstärkste, das je aufgezeichnet wurde. Es löste verheerende Flutwellen an den Küsten Indonesiens, Sri Lankas und Thailands aus. Sogar die fernen afrikanischen Länder Somalia, Kenia und Tansania waren betroffen. Nach offiziellen Schätzungen starben an jenem zweiten Weihnachtsfeiertag eine Viertelmillion Menschen. Zehntausende werden seitdem vermisst. Millionen verloren ihr Obdach. Die Menschen waren ahnungslos, welche Katastrophe auf sie zurollte. Ein Tsunami-Frühwarnsystem für den Indischen Ozean gab es nicht.

Der 26. Dezember 2004 scheint Sebastian Prestele ein perfekter Tag zu sein: strahlender Sonnenschein, klare Sicht und ruhige See. Es herrscht Hochsaison auf Phuket. Zusammen mit 34 weiteren Tauchern sitzt der angehende Tauchlehrer in einem 23 Meter langen Boot. Sie sind unterwegs zum Shark Point, einem Riff gut eine Stunde und 40 Minuten Fahrtzeit vor der Küste. Prestele, aufgewachsen in Stadtbergen und Augsburg, wo sein Vater eine Arztpraxis betreibt, ist erst seit Anfang Oktober auf Phuket. Nachdem er am Klinikum Krankenpfleger gelernt hat, will der ehemalige Anna-Gymnasiast sein Hobby zum Beruf machen und Tauchlehrer werden. In Thailand bietet ihm eine deutsche Tauchschule die erstbeste Gelegenheit und er greift zu.

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Als Führer soll Prestele an diesem Sonntag vier Touristen unter Wasser begleiten. Als sie kurz nach zehn Uhr ins Meer tauchen, treibt die plötzlich einsetzende Strömung die ersten zwei davon. Prestele und die beiden weiteren Taucher seiner Gruppe werden sofort nach unten gezogen. Sie sind die letzten, die vom Boot aus ins Meer gehen. In neun Metern Tiefe dann die Wolke. Absolute Schwärze. Das Trio klammert sich aneinander. Nach 18 Metern kommt der Meeresgrund. Die Taucher blasen Luft in ihre Rettungswesten, kämpfen sich nach oben. "Das Ganze hat nur vier Minuten gedauert, aber mir kam es vor wie eine Ewigkeit." Dabei war es nur das Vorspiel.

Wie über einem bodenlosen Abgrund

An der Oberfläche gerät das Grüppchen in die Strudel der zweiten Tsunami-Welle. Die Männer werden gegen das Riff geschmettert und nach unten gezogen. Es ist, als hinge man mit dem Körper über einem bodenlosen Abgrund, schildert Prestele. Lange habe er die schreckliche Angst von damals zu verdrängen gesucht, erst nach Jahren kamen die Gefühle wieder hoch. Gut zehn Minuten kämpfen die Taucher verzweifelt gegen den Sog und gewinnen - alle 35 werden wieder heil vom Boot eingesammelt.

In vielen Gesprächen haben sie die Geschehnisse rekonstruiert und erkannt, welch unglaubliches Glück sie hatten. Auf den Phi-Phi-Islands, sie wären Schauplatz der nächsten Tauchgänge der Gruppe gewesen, starben an diesem Tag Hunderte. "Und in einer Bucht hätten wir es auch nicht geschafft", glaubt Prestele. Auf ihrem Rückzug vom Land rissen die Wellen Bäume, Boote, Autos und ganze Häuser mit sich, deren Trümmer durch die seichteren Gewässer gewirbelt wurden.

Das Ausmaß der Katastrophe wurde den Tauchern erst Stunden später klar. Als sie endlich an Land durften, standen die Menschen Spalier und schauten, wer zurückkam. "Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt, was ist hier eigentlich los?", erinnert sich Prestele. Der Ostteil der Insel Phuket, wo sich die Tauchbasis befindet, sei vom Tsunami weitgehend verschont geblieben. Im Westen dagegen stand im Küstenbereich kaum ein Stein mehr auf dem anderen.

Das Seebeben löste eine weltweite Welle der Hilfsbereitschaft aus. Viele Staaten entsandten umgehend Helfer in die Katastrophengebiete und sagten Millionenhilfen zu. Hinzu kamen unzählige private Spenden. Allein in Deutschland sammelten Hilfsorganisationen eine halbe Milliarde Euro für die Tsunami-Opfer.

In Phuket entstand beispielsweise überwiegend durch Spenden aus Europa das Waisenhaus Sunshine Village (siehe unten stehender Bericht), die Stadt Augsburg und ihre Bürger engagierten sich besonders für die Menschen in der indonesischen Provinz Banda Aceh. Der Inselstaat war am schlimmsten vom Tsunami betroffen.

In Thailand eine neue Heimat gefunden

In Thailand waren die Folgen des Tsunami auch für den Tourismus katastrophal. "Es war tote Hose", erzählt Prestele. Er blieb und will heute nicht mehr weg. In Thailand hat der junge Mann, der vor einem Jahr aufhörte, als Tauchlehrer zu arbeiten und jetzt für deutsche Firmen Sanitäreinrichtungen in ganz Südostasien verkauft, sein Glück gefunden und am 1. August seine Frau Mam geheiratet. Von den Tauchfreunden, die mit ihm den 26. Dezember überlebten, ist nur noch Freund Florian auf Phuket. Die beiden sprechen immer wieder einmal über den Tag, an dem die schwarze Wolke kam.

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