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Bildkorrektur

21.05.2015

Der gar nicht so schöne Mozart

Ein neu entdecktes Mini-Porträt des Komponisten kratzt an der Idealisierung

Was haben wir für ein Bild von Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)? Genauer gefragt: Was machen wir uns für ein Bild? Nun könnte man kurzerhand antworten: Unser Mozart-Bild ist das Bild, mit dem die Mozart-Kugel hausieren geht. Es gibt sie seit Ende des 19. Jahrhunderts. Pro Jahr werden drei Millionen Stück hergestellt. Wer will gegen dieses merkantile „Porträt“ und seine zwei maßgeblichen Ingredienzen ankommen: roter Rock und Zopf? Diese zwei Charakteristika haben sich auf Briefmarken längst eigenständig gemacht – und werden umstandslos mit Mozart identifiziert.

Die Ehrfurcht vor dem Komponisten führte häufig zu idealisierten Bildnissen. Mozart erschien als zweiter Augustus, als Apoll, als Musenkönig. Solche dilettantischen Fantasien erzürnten den Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer. Sein Name verbindet sich mit der Entmythologisierung des Mozart-Bildes. Zu der Desillusionierung trug auch der „Amadeus“-Film (1983/84) von Milos Forman bei, der aus dem Genie eine albern-verspielte Figur macht.

Je länger die Galerie der Mozart-Porträts, desto dringlicher die Frage: Wie hat der Musiker nun wirklich ausgesehen? Die ernüchternde Antwort: Wir wissen es nicht. „Wir müssen die Spannung zwischen tatsächlicher Erscheinung und Ideal aushalten“; dieses Fazit zog Dr. Christoph Großpietsch (Stiftung Mozarteum Salzburg) in seinem Vortrag in der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, nicht ohne anzufügen: „Wir haben ja schließlich den Musiker.“

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Großpietsch, spezialisiert auf die Ikonografie und Provenienz von Mozart-Bildnissen, referierte über ein Porträt, das lange Zeit Rätsel aufgab, inzwischen aber nach Sichtung der Dokumente und Quellen als Mozart-Porträt von 1783 erkannt werden konnte. Es handelt sich um das (hier abgebildete) kleine Medaillon auf einer Tabakdose. Die Malerei auf Elfenbein stammt von dem arrivierten Porträt-Maler Joseph Maria Grassi (1757–1838). Er hat in Wien, Dresden und Rom gewirkt und ist Mozart 1783 in Wien begegnet.

Großpietsch hat die Besitzfolge der Miniatur aufgedeckt. Das verstörende, weil jeglicher Idealisierung und Anmut zuwiderlaufende Bildnis zeigt einen ungeschönten Mozart. Dieser, so schließt der Referent aus den historischen Belegen, sei klein von Wuchs, „nicht hübsch und wenig attraktiv“ gewesen, zudem habe er durch frühe Krankheiten ein vernarbtes Gesicht gehabt. Eine weitere Besonderheit: Mozart ist hier en face wiedergegeben. So wollte er nicht gesehen werden, deswegen sind meist Profil-Darstellungen auf uns gekommen.

Besagte Miniatur-Malerei ist winzig, lediglich 3 mal 2,5 cm groß. Sie war ursprünglich eigenständig und wurde erst nachträglich in eine Tabakdose aus Schildplatt eingelassen. Auf einem Zettel zwischen Porträtrückseite und Deckel findet sich die Bezeichnung „Joh: Mozart 1783“. Der Musiker wird hier, der Zeit gemäß, mit seinem ersten Taufnamen bezeichnet. (Die Bezeichnung „Wolfgang Amadé“ ist erst Anfang des 19. Jahrhunderts aufgekommen.)

Womöglich hat es mehrere Miniaturen von Joseph Grassi mit dem ungewohnten Mozart-Porträt gegeben. Großpietsch, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Mozarteum Salzburg, berichtete von Spekulationen, dass in Moskau quasi die Urform des Medaillons aufgetaucht sei. Doch sie entpuppte sich als Werk des 19. Jahrhunderts. Das von Grassi gefertigte Bild ähnelt indes auffällig dem Stich des Dresdner Kupferstechers Benjamin Gottschick aus den 1820er Jahren.

Wer sich mit Mozart-Darstellungen beschäftigt, findet sich rasch inmitten des Bilderstreits. Da wurden Sehgewohnheiten bedient, entwickelten Abbildungen ein Eigenleben, oder sie wuchsen sich – wie die Mozart-Version von Leonhard Posch – zu einem veritablen Bild-Stammbaum aus. Großpietsch leuchtete in dieses Dickicht. Es ist, aus naheliegenden Gründen der Wertsteigerung, nicht frei von falschen Vermutungen und Zuschreibungen. Natürlich bezog der Referent, der 2013 in Salzburg die wegweisende Ausstellung „Mozart-Bilder, Bilder Mozarts“ kuratiert hat, auch die bedeutende Mozart-Sammlung der hiesigen Staats- und Stadtbibliothek ein, zu der eine Reihe von Mozart-Porträts gehört (Sammlung Maximilian Zenger).

Als Fazit bleibt: Wir meinen, Mozart zu kennen, aber wir wissen nicht genau, wie er ausgesehen hat. Es gibt nach heutigem Forschungsstand 14 als authentisch angesehene Porträts von Mozart (viel weniger als etwa von Joseph Haydn oder von Ludwig van Beethoven). Die Mehrheit ist im Besitz der Stiftung Mozarteum in Salzburg.

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