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23.04.2009

Der mit den Augen hört

Interessiert hört der Zehntklässler Nils Enders-Brenner seiner Lehrerin Ursula Maidl zu, die über die Vermischung von Bildung und politischer Ideologie in der DDR spricht. Zumindest wirkt es auf den ersten Blick so. Tatsächlich liest er von den Lippen ab. Nils ist wie seine Schwester Laura hochgradig schwerhörig.

Interessiert hört der Zehntklässler Nils Enders-Brenner seiner Lehrerin Ursula Maidl zu, die über die Vermischung von Bildung und politischer Ideologie in der DDR spricht. Zumindest wirkt es auf den ersten Blick so. Tatsächlich liest er von den Lippen ab. Nils ist wie seine Schwester Laura hochgradig schwerhörig.

Trotz des technischen Fortschritts bei Hörgeräten können die Geschwister nur bestimmte Frequenzen wahrnehmen. Straßenlärm gehört dazu, Sprache nicht. "Manchmal kann ich Stimmen zumindest so weit unterscheiden, dass ich erkenne, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt", erklärt der 16-Jährige. Das Hörgerät hilft ihm, die Lautstärke seiner eigenen Stimme einzuschätzen, sodass diese nicht zwischen Flüstern und Schreien schwankt.

Die Gebärdensprache beherrscht der Holbein-Gymnasiast nicht. "Wir mussten uns entscheiden, ob er Gebärdensprache lernt oder versucht, Lippenlesen zu lernen. Das ist eine Entscheidung für den Rest des Lebens. Für Menschen, die die Gebärdensprache beherrschen, ist es deutlich schwieriger, lesen zu lernen", erläutert Vater Peter. Doch auch beim Lippenlesen stößt Nils an Grenzen, vor allem wenn er von mehreren Jugendlichen umgeben ist. "Es ist leichter für mich, wenn ich mich auf eine Person konzentrieren kann und diese langsam und klar spricht. Jugendliche reden aber oft durcheinander und sehr schnell, dann kann ich dem Gespräch nicht mehr folgen."

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Darauf haben sich Mitschüler und Lehrer eingestellt. "Manchmal fragt er, wo wir gerade sind, dann sage ich ihm die Seitenzahl noch mal", sagt Mitschülerin Katharina. Klassenkamerad Falk schreibt Nils hin und wieder etwas auf, beispielsweise bei Raumänderungen. Etwas verändert hat auch Ursula Maidl ihren Unterricht. "Ich achte darauf, Richtung Klasse zu sprechen, arbeite mehr mit Texten und schreibe mehr an die Tafel."

Sehr unterschiedliche Erfahrungen hat die Familie mit Lehrern gemacht. Als Nils mit der Grundschule fertig war, zog die Familie von Bayreuth nach Mering, um ihren Sohn auf eine entsprechend ausgerichtete Realschule in München-Pasing zu schicken. Ein halbes Jahr später zog die Schule jedoch in den Osten von München und auch mit den Lehrern waren die Eltern nicht zufrieden. Deshalb entschieden sie, Nils in die Realschule Mering zu schicken. "Wichtig ist nicht die Ausbildung des Lehrers, sondern sein Wille, sich auf das Kind einzustellen", glaubt der Vater.

Die Eltern können sich nachmittags intensiv um ihre Kinder kümmern, da sie an Hochschulen arbeiten und bei ihren Arbeitszeiten flexibel sind. Gemeinsam gehen sie mit ihren Kindern deren Aufzeichnungen durch und besprechen Lehrinhalte. "Das ist beim Gymnasium viel schwieriger, weil mehr diskutiert wird und nicht der Frontalunterricht wie in Realschulen stattfindet", erklärt der Vater. Sein Sohn wollte trotzdem aufs Gymnasium: "Ich wollte beweisen. dass ich es schaffe", sagt er.

In Naturwissenschaften wird es schwierig

Probleme bereiten vor allem Naturwissenschaften, obwohl hier vermeintlich weniger Kommunikation nötig ist. "Erklären Sie mal abstrakte Dinge, das ist viel schwieriger. Das trifft auch auf Religion zu", erläutert Mutter Angela. Nils steht in keinem Fach schlechter als drei. Nach dem Abitur würde er gerne Geschichte oder Sport studieren. Das Zeug dazu hat er. Nils spielt beim Bayerischen Jugendmeister TSV Friedberg Handball und wurde vor Kurzem in den Kader der Nationalmannschaft der Gehörlosen berufen.

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