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Arbeitsleben

22.05.2015

Der ständige Kampf mit der Bürokratie

Zwei, die sich gesucht und gefunden haben: Andreas Weindl, Geschäftsführer von Erhardt+ Leimer, ist froh, Charles Ssenjondo als Elektroinstallateur für das Unternehmen gewonnen zu haben.
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Zwei, die sich gesucht und gefunden haben: Andreas Weindl, Geschäftsführer von Erhardt+ Leimer, ist froh, Charles Ssenjondo als Elektroinstallateur für das Unternehmen gewonnen zu haben.

Für Flüchtlinge ist es schwer, den für sie passenden Job zu bekommen. Das Beispiel von Charles Ssenjondo, der bei Erhardt + Leimer nun tätig ist, soll Schule machen

Es war eine schwierige Entscheidung, vor der Andreas Weindl, Geschäftsführer von Erhardt+Leimer 2012 stand. Charles Ssenjondo aus Uganda wollte damals bei dem in Pfersee beheimateten Unternehmen anfangen. Das Problem: Ssenjondos Asylverfahren lief damals noch. Inzwischen ist er als politisch Verfolgter anerkannt. „Ich habe damals auf mein Bauchgefühl gehört und den Schritt gewagt“, sagt Weindl.

Während des Praktikums habe Ssenjondo einen „sehr motivierten Eindruck“ hinterlassen und deswegen eine Chance bekommen, trotz aller bürokratischer Hürden. So mussten sowohl die Ausländerbehörde als auch die Stadt dem Arbeitsverhältnis zustimmen. Damals galt noch die Residenzpflicht für Flüchtlinge, wonach sie die Kommune, in der sie untergebracht sind, nicht einfach verlassen dürfen. Weindl wollte seinen neuen Mitarbeiter aber in München einsetzen, weil dort einer seiner Mitarbeiter sichbereiterklärte,als Pate für Ssenjondo zu fungieren. Weindls neuer Mitarbeiter bringt Verständnis für den Beruf mit. „Ich habe in Uganda Elektrotechnik studiert und in Firmen gearbeitet. Das hat aber wenig mit dem Arbeiten hier zu tun.“ Jetzt arbeitet er als Elektroinstallateur. In Deutschland noch einmal zu studieren ist für ihn derzeit kein Thema. Der Fokus liege darauf, die deutsche Sprache besser zu erlernen und Geld zu verdienen. Deswegen besucht Ssenjondo nach der Arbeit noch einen zweistündigen Deutschkurs.

Sein eigenes Geld würde gerne auch Ahmad Shakib Pouya aus Afghanistan verdienen. Doch er darf nicht. „Ich würde hier gerne als Altenpfleger arbeiten, doch Deutschland heuert lieber im Ausland Personal an, als mir eine Chance zu geben, der schon da ist.“ Pouya hat sogar Erfahrung. Er arbeitete in seiner Heimat drei Jahre vormittags als Krankenpfleger für eine französische Hilfsorganisation. Am Nachmittag öffnete er seine Zahnarztpraxis. Wegen seiner Zusammenarbeit mit den Franzosen, bedrohten ihn die Taliban und warfen eine Handgranate ins Haus seiner Familie, weswegen er flüchtete.

In Augsburg hatte er zwei Zusagen von Pflegeheimen für einen Praktikumsplatz, Voraussetzung für eine feste Stelle. Doch die Ausländerbehörde wollte nur ein festes Arbeitsverhältnis genehmigen. Als ein Gericht 2012 dann seinen Asylantrag ablehnte und er eine Duldung bekam, ging nichts mehr. Pouya konnte zwar beweisen, dass er für die Franzosen arbeitete, nicht aber, dass ihn die Taliban töten wollten. „Sie haben dafür einen schriftlichen Beweis verlangt“, sagt er und schüttelt den Kopf. Um dem kleinen Zimmer, das er sich mit anderen Flüchtlingen teilt, zu entfliehen, dolmetscht Pouya inzwischen in sechs Sprachen für andere Flüchtlinge, spielt beim Jungen Theater mit und präsentiert seine Musik bei Konzerten. Aussicht auf Besserung besteht nicht. „Herr Pouya weigert sich, einen afghanischen Reisepass zu beantragen und auszureisen, das Verhalten steht der Gestattung einer Beschäftigung diametral entgegen“, schreibt die Ausländerbehörde.

Dabei will Pouya in einem Bereich arbeiten, in dem großer Bedarf herrscht. Nach Ansicht von Reinhold Demel, Chef der Augsburger Arbeitsagentur, sind es vor allem die Pflege und das Handwerk, die ihren Personalmangel lindern könnten, wenn sie Flüchtlinge beschäftigen. Geht es nach Handwerkskammer und Industrie- und Handelskammer wäre dies auch viel häufiger der Fall als bisher. „Wir brauchen aber Planungssicherheit. Deswegen verlangen die Kammern einen Abschiebestopp für fünf Jahre: drei Jahre Ausbildung plus zwei Jahre im Job“, sagt Peter Saalfrank, Geschäftsführer der IHK. Es gebe von der Bundesebene inzwischen Signale, dass sich etwas tue, so Saalfrank. Ein entsprechender Gesetzentwurf sei auf den Weg gebracht worden.

Bei der IHK liegt der Fokus auf minderjährigen Flüchtlingen, die allein nach Deutschland gekommen sind und eine Ausbildung beginnen wollen. Dafür müssten aber noch einige Hürden abgebaut werden. „Es gibt zu wenige Lehrer und Räumlichkeiten, um alle Flüchtlinge zu beschulen“, sagt Saalfrank. Hinzu kommen teils traumatische Erfahrungen der Flüchtlinge, die aufgearbeitet werden müssen. Probleme bereitet das Erlernen der deutschen Sprache.

Die Zahl der Flüchtlinge übersteige derzeit aber die Zahl der vorhandenen Plätze, informierte Stephan Schiele, Geschäftsführer des Vereins Tür an Tür bei einer Diskussionsrunde der Arbeitsagentur. Der Vizepräsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge, Michael Griesbeck, erkundigte sich bei der Veranstaltung, ob es nicht auch berufsbegleitend möglich sei, die Sprache zu erlernen. „Das mag im Betrieb noch klappen, aber spätestens in der Berufsschule werden die Sprachdefizite zum Problem“, gab Holger Amberg zu bedenken. Er ist Geschäftsführer der IGS Gersthofen. Andreas Weindl macht anderen Unternehmern Mut, seinem Beispiel trotz schwieriger Rechtslage zu folgen. „Unter den Flüchtlingen sind viele intelligente und motivierte Menschen. Rückschläge gibt es immer, das kann einem aber auch mit einem deutschen Interessenten so ergehen. Den muss man vielleicht auch in der Probezeit wieder entlassen, weil es nicht funktioniert.“

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