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Augsburger Geschichte

03.05.2019

Der wiederbelebte Branntweinbach

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3 Bilder
Biber gestalten mit Dämmen die Lechauen im Augsburger Norden im Sinne der Naturschützer. Sie sorgen für die Vernässung weiter Bereiche.
Bild: Nicolas Liebig

Den Bach nutzte eine Hammerschmiede, die einem Stadtteil ihren Namen gab. Seit 1996 fließt Lechwasser in das alte Bachbett. Biber besorgen die Verteilung.

Die Auen entlang des Ostufers des Lechs in Höhe von Gersthofen liegen auf Augsburger Stadtgebiet. Es verläuft mit einem langen Spitz gegen Norden. Nach der Lechbrücke unterhalb des Müllbergs beginnt ein Rad- und Wanderweg durch die Auen, den Nicolas Liebig vom Landschaftspflegeverband mit vielen Infotafeln und Vogelstimmen-Hörstationen bestückte.

Anfangs verläuft der Weg lechab rund 600 Meter an einem Gewerbeareal entlang. Daran schließen die Tennisplätze von Rot-Weiß Gersthofen an, dann sind die Auen erreicht. Der den Lech einige Kilometer begleitende Auwald ist meist nur etwa 200 bis 300 Meter breit. Darin verlaufen Stromtrassen. Die Auen bilden trotz der Erschließung und Nutzung ein wertvolles Biotop zwischen dem Lech und den Feldern auf der Lechebene.

Mit der 1852 beginnenden Regulierung und Tieferlegung des Lechs veränderte der Mensch die Lechauen grundlegend. Der Grundwasserspiegel sank. Bäche, Altwasser und Tümpel trockneten aus. Die Trockenlegung änderte Flora und Fauna, machte aber gerodete Flächen landwirtschaftlich nutzbar. Nach 1852 fiel ein bedeutender Bachlauf durch die Lechauen trocken, den schon der Vermessungsplan von 1809 in seinem Verlauf zeigt: Es ist der Branntweinbach. Er beginnt am heutigen Hammerschmiedweg am Nordrand des Stadtteils Hammerschmiede.

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Zum Antrieb eines Wasserrads

Am Ursprung des Branntweinbachs arbeitete um 1800 eine Hammerschmiede. Sie gab rund 130 Jahre später dem Stadtteil den Namen. Historische Pläne zeigen, dass zwei kurze, ergiebige Quellbäche den Ursprung des Branntweinbachs bildeten. Der Stau reichte ursprünglich zum Antrieb eines Wasserrads für die Schmiede nördlich von Lechhausen aus. Nach der Lech-Tieferlegung sank auch hier das Grundwasser ab und die Bäche versiegten. Ein Dampfhammerwerk ersetzte den nun fehlenden Wasserantrieb.

Der Branntweinbach fiel in den bis zum Hammerschmiedweg reichenden, längst in Äcker und Wiesen umgewandelten Auen großteils trocken. Doch die Windungen seines breiten Bachbetts sind in der heutigen Kulturlandschaft noch verfolgbar. Der Verlauf ist im Stadtplan eingezeichnet. Das Bachbett unterquert in einem begehbaren Tunnel die Autobahn und 1200 Meter weiter nordwärts bei einer großen Mühle die Gersthofer Straße. Dann verläuft der von Bäumen, Weiden und Gebüsch begleitete Branntweinbach rund zwei Kilometer durch Felder, ehe er im Auwald verschwindet.

Bis vor einigen Jahren sammelte sich nach längeren Regenperioden an etlichen Abschnitten Grundwasser im ansonsten trockenen Graben. Nach einem Reiterhof führt der Branntweinbach dauerhaft Wasser. Des Rätsels Lösung: Es wird ihm aus dem Auwald zugeleitet. Dort befindet sich eine künstliche Quelle: Der Unterlauf des Branntweinbachs erhält Wasser aus dem Kraftwerks-kanal westlich des Lechs.

Tausend Liter Wasser stürzen in die Tiefe

1996 bauten die Lechwerke (LEW) nach Vorgaben des Naturschutzes einen Düker zwischen dem Kanal und den Auen auf der Ostseite des Lechs. Im Kanal stürzen rund 1000 Liter Wasser pro Sekunde in die Tiefe, unterqueren in Rohren den Lech und sprudeln östlich davon aus einem Quelltopf – und zwar ohne Pumpen. Die Wasserbauer nutzten das Gesetz der „kommunizierenden Röhren“. Das heißt: Eine Flüssigkeit tritt am Ende einer nach unten gekrümmten Leitung in der gleichen Höhe wieder aus, in der sie hineinfließt.

Vom künstlichen Quelltopf zum alten Bett des Branntweinbachs wurde 1996 der 750 Meter lange „Chardonnaybach“ angelegt. Die Wasserverteilung in den Lechauen klappte anfangs wie geplant – bis Biber kamen, Dämme und „Burgen“ bauten. Sie stauten damit das Wasser. Die Folge: Wege wurden überschwemmt und unpassierbar. Zudem floss ein Teil des Wassers nach kurzer Strecke in den Lech ab. Das war nicht im Sinne der Naturschützer. Seit 2001 greifen der Landschaftspflegeverband und die LEW „lenkend“ ein, um die Aktivitäten der Biber an passenden Stellen zu nutzen. Dort dürfen Biberfamilien weiterhin Dämme bauen und durch Vernässung weite Bereiche der Auenlandschaft renaturieren. Naturschützer leisten dabei nur sanfte Hilfestellung.

Biber schaffen seit mehr als 20 Jahren in den vorher trockenen Auen Feuchtlebensräume. Die Zahl von Amphibien (Kröten, Frösche, Lurche, Salamander, Molche) stieg sprunghaft an, ebenso die Populationen von Vögeln, Reptilien, Libellen und Schmetterlingen. Eine Vielzahl feuchtigkeitsliebender Pflanzenarten profitiert davon. Das verzweigte Gewässersystem besitzt inzwischen eine Fließstrecke von rund 5000 Metern. Den Abschluss bilden mehrere Dämme, die das Wasser zum Versickern zwingen. Was von den pro Stunde eingeleiteten rund 3,5 Millionen Litern Lechwasser in den Auen nicht „verbraucht“ ist, sucht sich nun unterirdisch Abflüsse in den Lech.

Frühere Folgen des Augsburg-Albums zum Nachlesen finden Sie im Online- Angebot unserer Zeitung unter www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album

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