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Augsburg

30.09.2019

Diagnose Brustkrebs: "Patientinnen sind im Ausnahmezustand"

Chefarzt Roman Steierl und Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie Julia von Saldern vom Augsburger Josefinum.
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Chefarzt Roman Steierl und Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie Julia von Saldern vom Augsburger Josefinum.
Bild: Bernd Hohlen

Ministerin Manuela Schwesig hat unlängst ihre Erkrankung öffentlich gemacht. Warum zwei Mediziner des Brustkrebszentrums am Josefinum den Schritt begrüßen.

Manuela Schwesig hat neulich ihre Brustkrebserkrankung öffentlich gemacht und erklärt, dass sie beruflich kürzertritt. Wie beurteilen Sie beide als Mediziner am Brustkrebszentrum des Josefinums  in Augsburg den Schritt der Ministerin?

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Chefarzt Roman Steierl: Dass ihr die Gesundheit wichtiger ist, ist eine gute Entscheidung.

Fachärztin Julia von Saldern: Für die Behandlung wird Frau Schwesig vermutlich viel Kraft brauchen. In ihrer Position die Krankheit zu verstecken, würde nur einen zusätzlichen Kraftaufwand bedeuten. Außerdem vermittelt sie anderen betroffenen Frauen, mit der Krankheit nicht alleine zu sein.

Diagnose Brustkrebs: "Patientinnen sind im Ausnahmezustand"

Wie viele Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, kommen im Jahr zu Ihnen ins Josefinum?

Steierl: Es sind im Jahr über 250 Primärfälle, die zu uns kommen. Frauen also, die das erste Mal daran erkranken.

Wie nehmen Sie den psychischen Zustand der Patientinnen wahr?

Steierl: Sie befinden sich natürlich alle in einem Ausnahmezustand. Sie hatten sich gesund gefühlt und plötzlich haben sie einen Knoten ertastet oder beim Screening den Befund erhalten.

Von Saldern: Die Reaktionen sind unterschiedlich. Manche versuchen, mögliche Konsequenzen der Krebserkrankung auszublenden und fokussieren sich auf die Medizin. Für andere bricht eine Welt zusammen und sie denken, sie sterben bald.

Das erfordert von Ihnen sicherlich auch eine gewisse Sensibilität.

Steierl: Natürlich. Vor allem im Erstgespräch gehen wir individuell auf die Patientin ein und versuchen ihr dabei ausreichend Zeit zu widmen. Schließlich sind die Betroffenen das erste Mal mit Brustkrebs konfrontiert. Sie müssen lernen, das auszuhalten.

Wie geht es nach so einer Erstvorstellung weiter?

Steierl: Nach weiteren Untersuchungen besprechen wir jeden einzelnen Fall in der sogenannten Tumorkonferenz. An der Sitzung nehmen die Operateure, der Onkologe, der Strahlentherapeut, der Pathologe, die Radiologen und die Plastische Chirurgin teil. Gemeinsam entscheiden wir, wie die Patientin behandelt wird. Schließlich gibt es verschiedene Arten von Tumoren in unterschiedlichen Stadien.

Von Saldern: Wir orientieren uns dabei an den Leitlinien der Fachgesellschaft. Wir achten aber auch auf den Allgemeinzustand und auf die Wünsche der Patientin.

Steierl: Im Grunde will jede Patientin wieder gesund werden und dass der Tumor entfernt wird. Wir schlagen immer die Therapie vor, die die bestmögliche Heilung verspricht.

In welchem Alter sind die Frauen, die zu Ihnen kommen?

Steierl: Unter 40 Jahren kommt die Erkrankung eher selten vor. Generell kann man sagen, dass das Krebsrisiko mit zunehmendem Alter steigt. Davon abgesehen sind manche Tumore aber auch genetisch bedingt.

Nehmen Brustkrebs-Erkrankungen zu?

Steierl: Nein, ungefähr jede zehnte Frau bekommt im Lauf ihres Lebens Brustkrebs. Meines Wissens ist diese Rate konstant.

Von Saldern: Man kann sagen, dass durch das Screening heutzutage Tumore öfter und früher entdeckt werden.

Ab welchem Alter zahlt die Krankenkasse so ein Screening?

Von Saldern: Ab 50 Jahren. Aber wenn der Frauenarzt oder die Patientin selbst etwas ertastet hat, wird natürlich auch vorher eine Mammographie gemacht.

Der Nutzen einer Mammographie ist generell nicht unumstritten ...

Von Saldern: Die Strahlung steht aber wirklich in keiner Relation zu dem Nutzen, den man daraus ziehen kann.

Steierl: Insofern ist es gut, dass die Ministerin mit ihrer Erkrankung an die Öffentlichkeit gegangen ist. Vielleicht werden damit Frauen motiviert, mehr auf die Vorsorgeuntersuchung zu achten.

Frau von Saldern, Sie sind Fachärztin für Plastische und Ästhetische Chirurgie. Was macht eine Brustkrebs-Erkrankung mit dem Körpergefühl der betroffenen Frauen?

Von Saldern: Manche Frauen wollen ihre Brust auf gar keinen Fall verlieren. Sie klammern sich an jedes Stückchen Haut. Es gibt aber auch Frauen, deren höchstes Ziel im Erstgespräch die Brusterhaltung ist und die ihre Meinung im Verlauf der Behandlung ändern. Nach einer Chemo sagen sie, sie wollen die Brust loswerden. Manche wollen einen Wiederaufbau, manche auf gar keinen Fall Implantate. Es ist individuell ganz unterschiedlich.

Steierl: Wir stellen Patientinnen immer Optionen zur Verfügung.

Wie groß sind die Heilungschancen?

Steierl: Wenn der Krebs rechtzeitig entdeckt wird und sich keine Metastasen gebildet haben, stehen die Heilungschancen sehr gut. Aber auch in fortgeschrittenen Krankheitsstadien gibt es sehr gute und wirksame Therapien.

Was raten Sie Frauen?

Von Saldern: Grundsätzlich die Vorsorgeuntersuchungen beim Gynäkologen wahrzunehmen. Außerdem empfehle ich, die Brust selbst monatlich abzutasten. Wenn einem irgendetwas Sorgen bereitet, sollte man den Arzt aufsuchen.

Steierl: Bitte den Frauenarzt und nicht die Notfallambulanz aufsuchen, da dort keine Diagnostik stattfinden kann. Noch ein Rat wäre, insgesamt auf seinen Körper zu achten und bei Veränderungen zu reagieren.

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