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Augsburger Geschichte

16.11.2017

Diakonissen gedenken zweier Stifterinnen

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5 Bilder
Lithografie-Postkarte von 1903: Das 1892/93 errichtete, noch heute stehende Mutterhaus der Diakonissenanstalt ist ein vom Architekten Jean Keller geplanter Blankziegelbau.
Bild: Sammlung Häußler

Gräfin Stephanie du Ponteil und Rosette Reimer vererbten riesige Vermögen. Die Diakonissenanstalt hält sie hoch in Ehren.

Am 4. November fand die Einweihung des Neubaus der Stadtklinik in der Evangelischen Diakonissenanstalt statt. Die Ehrengäste erfuhren auch die Gründungsgeschichte des Diako an dieser Stelle beim Hauptbahnhof. Dass sich hier die Diakonissenanstalt befindet, ist der Gräfin Stephanie Guiot du Ponteil zu danken. Nicht von ungefähr ist die im Jahre 1886 Verstorbene im Mutterhaus mehrfach präsent: Zwei Porträts und eine Inschriften-Tafel halten dort das Andenken an sie wach.

Eine vornehme, schöne Frau blickt in Öl gemalt von einer Wand im Speisesaal herab. Er befindet sich im Urbau der heute vor allem aus Neubauten bestehenden Diakonissenanstalt. Dazu gehören neben dem historischen Mutterhaus Klinikgebäude, Fachschule, Fachakademie, Seniorenheim, Kindergarten, Tagungshotel und Gastronomie. Das Diako ist ein Zentrum für Sozial- und Gesundheitswesen.

Ein gewaltiges Erbe ermöglichte den Grundstückskauf

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Es ist kaum noch vorstellbar, dass vor der „Besiedelung“ durch die Diakonissen hier eine von Spazierwegen durchzogene Parklandschaft lag. Es war das Wohnlich’sche Gartengut. Die seit 1855 in Augsburg ansässigen Diakonissen erwarben 1888 für 349000 Mark das rund 4,5 Hektar große Areal, um darin ein Mutterhaus und ein Krankenhaus zu errichten.

Ein gewaltiges Erbe ermöglichte der Schwesterngemeinschaft den Grundstückskauf und die Bebauung: Gräfin Stephanie Guiot du Ponteil hatte 1886 testamentarisch 1,271 Millionen Goldmark hinterlassen. Das war vor über 130 Jahren eine ungeheure Summe. Die Stifterin kam am 16. Februar 1830 als Tochter des Augsburger Bankiers Albert von Froelich und seiner Gattin Laura, geborene von Schaezler, zur Welt. Sie wurde Konradina Stephania Friederika getauft. Im Alter von 19 Jahren heiratete sie den sechs Jahre älteren königlich-bayerischen Kämmerer und Schlossgutbesitzer Graf Alexander Guiot du Ponteil. Die Ehe war glücklich, blieb aber kinderlos. Ihr Gatte starb 1879.

Stephanie wurde Alleinerbin des immensen Froelich’schen Besitzes

Die Witwe wurde nicht erst durch das von ihrem Mann ererbte Vermögen reich, sie war es schon vor seinem Tod. Ihr Vater starb 1875. Stephanie wurde Alleinerbin des immensen Froelich’schen Besitzes, da ihre drei Geschwister bereits im Kindesalter verstorben waren. Gräfin du Ponteil wurde nur 56 Jahre alt. Sie verschied am 11. Dezember 1886. Die Gräfin war seit 1875 eng mit den Diakonissen verbunden und unterstützte sie.

Die Schwesterngemeinschaft strebte längst einen Neubau in Augsburg an, aber erst die Testamentseröffnung am 22. Dezember 1886 macht dies möglich. 1888 legte Augsburgs Star-Architekt Jean Keller – er hatte 1886 das Hessing’sche Kurhaus in Göggingen vollendet – Pläne zur Genehmigung vor. Doch die städtischen Gremien lehnten das Bauvorhaben entschieden ab. Die Begründung: Man wolle in diesem neuen Baugebiet zwischen der Kernstadt und dem Bahnhof kein Krankenhaus. Doch die Schwestern und und vor allem der „Inspektor“ der Anstalt, Stadtvikar Friedrich Boeckh, blieben hartnäckig: Sie erstritten mit Unterstützung einflussreicher Persönlichkeiten die Baugenehmigung. Am 8. Juli 1891 konnte der Grundstein in dem 45000 Quadratmeter großen Park gelegt werden. Am 18. Juli 1893 fand die Einweihung statt. 138 Schwestern zogen ins neue Mutterhaus ein und eröffneten daneben ein Krankenhaus. In seinem Werkverzeichnis listete der Architekt Jean Keller auf, was er bis 1902 für die Diakonissenanstalt baute: „Mutterhaus mit Kapelle, Krankenhaus, Kleinkinderbewahranstalt, Paulinenpflege, Waschküchengebäude mit Maschinenhaus und Gewächshaus.“ Das Mutterhaus ist der letzte noch stehende Blankziegelbau aus dieser ersten Bauphase. Hier lebt das Andenken an jene Frau fort, deren Erbe den stilvollen Bau ermöglichte. Im Treppenhaus ist eine Gedenktafel angebracht. Vis-à-vis hängt ein Porträt der kostbar gekleideten, etwa 50-jährigen Gräfin im ovalen vergoldeten Rahmen. Ein großformatiges Ölbild im Speisesaal zeigt sie als 27-Jährige.

Der Verkauf einer Reimer’schen Immobilie ermöglichte den Wiederaufbau des Krankenhauses

Eine weitere Wohltäterin steht bei den Augsburger Diakonissen in hohen Ehren: Rosette Reimer, Tochter des Heizungsbau-Großunternehmers Johannes Haag. Als sie 1921 starb, fielen zwei Drittel ihres aus Geld und Immobilien bestehenden Erbes der Diakonissenanstalt zu. Diese litt damals existenzbedrohend unter der Hyperinflation. Wiederum war es eine reiche Witwe, die testamentarisch die Diakonissenanstalt aus Nöten befreite. Das Erbe von 1921 hatte Langzeitwirkung: Der Verkauf einer Reimer’schen Immobilie ermöglichte nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau des Krankenhauses. Im Bombenkrieg hatten alle Gebäude der Diakonissenanstalt schwere Schäden erlitten.

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