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Augsburg

25.09.2019

Dicke Luft in Inningen: 50.000 Euro gegen Chemiegeruch

Über diesen Aktivkohlefilter werden die Gerüche aus den Abfallbehältern im Von-Roll-Werk in Inningen abgesaugt. Der Filter, vor dem Ingenieur Frank Roland steht, wird derzeit montiert.
Bild: Franziska Fuchs

Die Firma Von Roll lässt die Luft aus ihren Müllcontainern jetzt über Aktivkohle reinigen. Damit kommt sie den Nachbarn entgegen.

Vor einem Jahr herrschte große Aufregung in der Nachbarschaft des Von-Roll-Werks an der Theodor-Sachs-Straße in Inningen. Nachbarn gingen auf die Barrikaden, sammelten Unterschriften und gründeten eine Bürgerinitiative. Stein des Anstoßes damals war der an manchen Tagen intensive Chemiegeruch, der von dem Werk ausging. Die Stadt schaltete sich ein und gemeinsam suchte man nach einer Lösung. Die ist aus Sicht der Manager des Unternehmens jetzt gefunden. Rund 50.000 Euro hat das Unternehmen in eine Absauganlage für Müllcontainer investiert. Die Nachbarn bleiben skeptisch.

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Das Von-Roll-Werk gibt es an seinem jetzigen Standort seit den 50er-Jahren – damals noch unter dem Namen Ferrozell. Chemisch gerochen hat es in der Gegend wohl von Anfang an – allerdings hatte man zu dieser Zeit kaum Nachbarn. Heute ist die Wohnbebauung nah an das Werk herangerückt und offenbar sind die Bürger sensibler für Ausdünstungen geworden. Als im vergangenen Jahr der Protest aufkam, beeilte sich das Unternehmen zu versichern, das die unangenehmen Gerüche weit unterhalb aller Grenzwerte liegen und keinesfalls gesundheitsschädlich sind.

Gerüche unterhalb aller Grenzwerte

Die Nachbarn, allen voran die junge Mutter Silke Komet, schenkten dem aber keinen Glauben und verlangten, dass das Unternehmen die ihrer Meinung nach unzumutbaren Gerüche abstellt. Vor allem die Angst vor Phenol, um das es sich bei dem Geruch offenbar handelte, trieb einige Anwohner dazu, die Fenster nicht mehr zu öffnen und auch den Garten zu meiden, wenn der Wind vom Werk her kam.

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Man habe seitdem viel Zeit und Geld investiert, um den Nachbarn entgegenzukommen, sagt der neue Geschäftsführer des Inninger Von-Roll-Werks, Christoph Raszczyk. Drei mögliche Quellen für die „diffusen Geruchsfreisetzungen“ hatte man in Erwägung gezogen. Das waren zum einen die sogenannte Querschneiderabsaugung in Halle 6, die Öltemperei sowie offene Abfallcontainer auf dem Gelände.

Nach internen Untersuchungen konzentrierte man sich laut Raszczyk auf die Abfallcontainer. In diesen werden mit Phenol getränkte Werkstoffe entsorgt. Obwohl alle unabhängigen Messungen ergeben haben, dass die Grenzwerte weit unterschritten würden und Phenol laut der zentralen Vorschrift zur Luftreinhaltung „TA Luft“ nicht krebserregend sei, habe man sich entschlossen, eine Absauganlage entwickeln zu lassen, die ein Entweichen der Gerüche aus dem Abfallcontainer verhindere. „Bis die Anlage einsatzbereit war, hat es seine Zeit gedauert“, sagt Raszczyk. Weil die vollen Abfallcontainer ja regelmäßig abgeholt werden müssen, habe man ein System entwickelt, das aus verschließbaren Containern, einem Aktivkohlefiltermodul sowie einem Gestell mit einer Absaugvorrichtung besteht. Drei verschiedene Firmen waren daran beteiligt, insgesamt habe das System rund 50.000 Euro gekostet. Für die Stromversorgung musste sogar der Boden an den Containern aufgerissen und Leitungen verlegt werden.

„Die Absaugung wird gerade installiert“, so der Manager. Außerdem habe jetzt immer ein Mitarbeiter „Hofdienst“ und achtet darauf, dass die Container geschlossen sind.

Chemiewerk niemals ganz geruchsfrei

Raszczyk hofft, dass nun die Probleme mit den Nachbarn der Vergangenheit angehören – obwohl den Menschen bewusst sein müsse, das ein Chemiewerk niemals gänzlich geruchsfrei produzieren könne. „Wir wollen unser Image als innovatives Unternehmen weiter pflegen und am Standort wachsen“, sagt er.

Von dem Plan, auch in einer Produktionshalle eine Absaugung anzubringen, sei man nach reichlicher Überlegung abgekommen, sagt Ingenieur Frank Roland. „Das würde für die Nachbarn gar nichts ändern“, ist er überzeugt. Man habe Schadstoffmessungen direkt an den Mitarbeitern durchgeführt, die an der Anlage arbeiten – selbst dort sei der Ausstoß weit unterhalb der Grenzwerte geblieben.

Augsburgs Umweltreferent Reiner Erben bestätigt, dass nach Kenntnis der Stadt alle Grenzwerte eingehalten würden. „Das Problem aus Sicht des Immissionsschutzes ist, dass Maßnahmen zur Verringerung der Gerüche in der Regel keine verpflichtenden Maßnahmen sind, weil hier keine Emmissionsgrenzwerte überschritten werden.“ Eine Verringerung der diffusen Emissionen, die aus verschiedenen Einzelquellen, jeweils in geringen Mengen und niedrigen Konzentrationen stammten, sei zum Großteil eine freiwillige Aufgabe der Firma, „um auf diese Art Frieden mit der Nachbarschaft zu schaffen.“

Nach Auskunft von Erben haben die Beschwerden über Von Roll in letzter Zeit stark nachgelassen. In diesem Jahr gab es genau eine Beschwerde beim Umweltamt. Silke Komet sagt, bislang habe sich an der Häufigkeit, in der von der Firma eine Geruchsbelästigung ausgeht, nichts geändert. „Die letzten Tage war es wieder stark. Ich beschwerte mich abends telefonisch an der Pforte und zuerst wurde abgestritten, dass der Gestank von Von Roll käme“, berichtet sie. Dann sei ihr „sehr pampig“ gesagt worden, dass man da jetzt sowieso nichts machen könne.

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