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Augsburg

29.04.2017

Die Abbruch-Euphorie brach 1867 aus

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4 Bilder
Der Fünffingerturm war in eine hohe Stadtmauer eingefügt. Die historische Idylle wurde 1856 mit einem Aquarell festgehalten.
Bild: Städtische Kunstsammlungen

Vor 150 Jahren war die Neugestaltung Augsburgs in vollem Gange. Stadtmauern und Tore fielen, Stadtgräben wurden verfüllt.

Im März 1860 hatte Bayerns König Max II. nach jahrelangem Drängen der Augsburger als ersten Schritt zur „Entfestigung“ der Stadt die „sofortige Einlegung der Festungswerke beim Gögginger Tor allerhöchst genehmigt.“ Man handelte schnell: Im Herbst 1860 begannen die Arbeiten an der mächtigen Bastion vor dem Gögginger Tor, im Juni 1862 fiel der Torturm. Im Januar 1861 folgte das nächste königliche Zugeständnis: Wälle, Gräben und Mauern beiderseits des Torturms durften auf 500 Schritt Länge beseitigt werden. Damit war die Öffnung der Kernstadt zum Bahnhof geschafft, Augsburg war keine völlig ummauerte Festung mehr.

Langwierige Verhandlungen

Doch die Augsburger ließen nicht locker: Die jahrhundertealten, längst verteidigungstechnisch unnützen Stadtmauern und Gräben um die Stadt sollten völlig verschwinden. Dafür war die offizielle Aufhebung der Festungseigenschaft die Voraussetzung. Das erforderte langwierige Verhandlungen mit den Militärs und den königlich-bayerischen Finanzbehörden in München. Der bayerische Staat wollte Geld für den Grund und die Befestigungsbauwerke. Augsburg ließ sich das viel kosten: 200000 Gulden transferierte die Stadt dafür nach München.

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 Daraufhin kam am 12. Januar 1866 das von König Ludwig II. unterzeichnete Edikt: Augsburg ist keine Festung mehr und darf die alte Stadtbefestigung beseitigen! Die Abbruchpläne lagen längst vor. Der Grundsatz lautete: Nur, was den Straßenbau nicht behindern würde und der Stadterweiterung nicht im Wege stand, sollte erhalten bleiben. Es könnten aber auch „Baudenkmäler aus Pietät gegen die Schöpfung unserer Vorfahren“ erhalten bleiben. Unangetastet sollten Stadtmauerabschnitte bleiben, deren Beseitigung ein Abrutschen des Geländes befürchten ließ. Unantastbar waren in Stadtmauern eingefügte Brunnentürme. Sie lieferten bis 1879 Trinkwasser.

Mehr Licht für die Anrainer

Die Abbrüche begannen bei Stadtmauerabschnitten, die den Luftaustausch zwischen der „eingemauerten“ Stadt und dem Umland behinderten. „Gesunde Luft für die Stadt“ war ein gängiges Schlagwort. Auch mehr Licht sollten die Stadtmauer-Anrainer bekommen. Das war vor allem rund um die Jakobervorstadt ein Bedürfnis. Der Jakoberwall und der Oblatterwall wurden teilweise „freigelegt“, das Vogeltor und der Fünffingerturm zählten zu den nicht behindernden und wegen ihrer Historie zu erhaltenden Bauten. Das Jakobertor hatte eine Sonderstellung: Es wurde von der Garnison bis 1870 als Militärgefängnis beansprucht.

Abzutragende Stadtmauerabschnitte wurden in Lose aufgeteilt und an „Accordanten“ versteigert. Diese wurden nicht für den Abbruch bezahlt, sondern boten für wiederverwendbares Baumaterial zum Teil erkleckliche Beträge. Das Abtragen erfolgte Ziegelstein für Ziegelstein. Maschinen kamen nicht zum Einsatz. Abbruch war Handarbeit mit Schlag- und Maurerhämmern sowie Spitzhacken und Sägen. Es fielen auch wiederverwendbares Bauholz und Brennholz an. Intakte Dachziegel waren weiterhin brauchbar.

1867 wüteten die Spitzhacken an etlichen Stellen um die Stadt. „Bei diesem Abbruch leisten die alten Mauern den Zerstörungswerkzeugen einen kräftigeren Widerstand, als nach dem verfallenen Aussehen derselben vermutet werden konnte“, registrierte ein Zeitgenosse. Im Jahr 1867 fielen der Alte Einlass, das Schwibbogentor und das Oblattertor. Sie hatten Verkehrshindernisse gebildet. Historisches Bewusstsein ging anfangs in der Abbruch-Euphorie unter. Es entwickelte sich erst, als bereits viel niedergelegt war.

Zweite Fahrspur am Tor

Das zeigte sich beim Jakobertor, als 1871 etwa 50 Fabrik- und Hausbesitzer dessen Abbruch forderten. Sie hatten nicht nur den Großteil der Bürgerschaft gegen sich, sondern auch die städtische Bauverwaltung. Sie hielt das Jakobertor für erhaltenswert und errichtete eine zweite Fahrspur am Tor vorbei. Das Jakobertor war nun kein Verkehrshindernis mehr, wie es im Abbruchantrag hieß. Ein 1876 gestellter nochmaliger Antrag hatte keine Chance mehr: Das Jakobertor steht noch immer!

Überlebt haben die „Entfestigung“ vier von elf Stadttoren, drei Bastionen, einige relativ lange Stadtmauerabschnitte und Teile des Stadtgrabens. Diese jahrhundertealten Relikte der einstigen Stadtbefestigung bilden die historische Kulisse für Schlittschuhläufer im Schleifgraben, für Bootsfahrer im wassergefüllten Stadtgraben um den Oblatterwall und für die Freilichtbühne am Roten Tor.

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Wer frühere Folgen des Augsburg-Albums nachlesen will, kann das unter www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-album tun

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