1. Startseite
  2. Lokales (Augsburg)
  3. Die Angst vor dem Fest

20.12.2014

Die Angst vor dem Fest

Fast 10000 Gespräche führen die Ehrenamtlichen der Telefonseelsorge Augsburg im Jahr.
Bild: Archiv

An den Feiertagen brauchen viele Menschen die Hilfe der Telefonseelsorge. Sie fürchten die Einsamkeit – und manchmal auch das Treffen mit den „lieben Verwandten“

Von Miriam Zissler

Es war eine ältere Frau aus Augsburg, die schon vor Wochen angerufen hatte. Ihre Sorgen ließen sie nicht mehr los, hatten sie zum Telefon greifen lassen. Sie hatte 0800-1110111, die Nummer der Telefonseelsorge, gewählt und einem ehrenamtlichen Helfer ihr Problem geschildert: Weihnachten. Ihre Kinder, deren Partner und die Enkelkinder haben sich an den Feiertagen zum Essen angekündigt. Das Geld für ein Festagsmenü hat sie aber nicht. Dieser Anruf bei der Telefonseelsorge war in den vergangenen Wochen kein Einzelfall.

Für viele Menschen ist Weihnachten nicht das oft gepriesene schönste Fest des Jahres, sondern ein Spießrutenlauf. Dafür gibt es viele Gründe: Die einen haben Angst davor, Familie und Verwandte zu treffen, wo Streit programmiert ist oder Familienmitglieder sich nichts mehr zu sagen haben. Die anderen haben niemanden und daher Angst vor der Einsamkeit. „Schon in den Wochen vor Weihnachten drehen sich bei uns viele Gespräche um das Fest“, erzählt Fachreferentin Michaela Grimminger. Oft sind es Geldsorgen, die die Anrufer belasten. „Armut ist zu einem großen Thema geworden, nicht nur an Weihnachten“, sagt sie. Am Fest aber trifft alles aufeinander: die großen Erwartungen auf die kleinen Einkünfte, der schöne Schein auf die bittere Realität. Viele Eltern und Großeltern bringen es nicht übers Herz, auf große Geschenke zu verzichten. Sie schämen sich geradezu. Es gibt aber auch andere Fragen, die die Menschen bewegen, ob sie zum Familientreffen gehen sollen, oder lieber nicht, zum Beispiel...

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Die Helfer der Telefonseelsorge sind rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, für die Menschen da. „Wir haben 80 Ehrenamtliche, die im Schnitt zwei Mal monatlich eine fünfstündige Schicht übernehmen“, sagt Diakon Franz Schütz, Leiter der Augsburger Telefonseelsorge, die so gut wie ganz Schwaben abdeckt. Die Helfer werden dafür ausgebildet. Die Schulung umfasst 150 Stunden. Probleme, den Telefondienst an den Weihnachtsfeiertagen zu besetzen, hatte Schütz noch nie. „Die Anrufer öffnen sich gerade an Weihnachten emotional. Die Sehnsucht nach einer Familie, wie man sie sich wünscht, ist groß. Gerade an den Feiertagen sind sehr gute Gespräche möglich“, sagt er.

Die Anrufe reißen über Weihnachten nicht ab. „Mich hat eine Frau an Heiligabend angerufen und mir erzählt, wie schrecklich das alles sei. Im Nebenzimmer hat ihre Verwandtschaft gefeiert“, erzählt Schütz. Andere rufen an, sobald sie nach Hause gekommen sind. „Dann sitzt der Frust tief, weil alles nicht so gelaufen ist, wie man es sich vorgestellt hat“, sagt der Diakon, der auch schon einmal von der Christmette zur Nachtschicht der Telefonseelsorge geeilt ist. Die Hilfe am Telefon ist Herausforderung und Ansporn zugleich für ihn und die anderen Helfer. Die Anrufer schätzen die Anonymität. „Es ist gut, einmal mit einer neutralen Person zu sprechen. Die Außenperspektive, die wir einnehmen, hilft den Anrufern oft mehr als Ratschläge aus ihrem Umfeld“, sagt Michaela Grimminger.

Mit Weihnachten ist es aber nicht vorbei. Dann kommt Silvester mit all seinen Problemen. „Es ist die letzte Nacht des Jahres. Viele Menschen ziehen dann Bilanz, die in ihren Augen nicht gut ausfällt“, umschreibt Diakon Schütz die Situation. Dann komme der Alkohol. „Viele Menschen rufen alkoholisiert an, empfinden ihr Leben als ausweglos“, sagt er. „Einer hat mich Silvester angerufen, der zu viel getrunken und ein Auto beschädigt hatte. Er wollte wissen, was er tun soll“, sagt Michaela Grimminger.

Die Ehrenamtlichen stehen den Anrufern bei, geben ihnen Ratschläge. „Es gibt unglaubliche Lebenssituationen, mit denen wir konfrontiert werden. Und das natürlich das ganze Jahr“, sagt Diakon Schütz. Durch die Ausbildung sind sie darauf vorbereitet, treffen sich bei Gruppenabenden, um die Themen der Telefonate nachzuarbeiten. Es gibt Anrufer, die einmalig die Hilfe in Anspruch nehmen, es gibt auch Frauen und Männer, die öfters anrufen. Eine Mutter etwa, deren Kind gestorben ist, begleiteten Helfer dieses Jahr eine ganze Zeit lang.

Eine Helferin hat erst im Herbst die Ausbildung beendet. Sie hat in jungen Jahren selber oft die Telefonseelsorge angerufen; jetzt will sie helfen. „Ich will etwas zurückgeben. Deshalb bin ich da.“

Weihnachten ist für viele die schönste Zeit des Jahres. Doch das Fest beschert einigen auch jede Menge Arbeit.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an digital@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
Copy%20of%20_WYS0421.tif
Augsburg

12.000 Läufer starten beim Augsburger Firmenlauf 2018

ad__web+mobil@940x235.jpg

Webseite und App freischalten!

Zugang zu allen Inhalten, mtl. kündbar, 4 Jahre Abopreis-Garantie.
So attraktiv waren Heimatnachrichten noch nie!

Zum Web & Mobil Starterpaket