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Musik

02.12.2014

Die Anheizer der Weltstars

Im Spiegelbild der Zeit: „The Seer“ heute (oben) und vor 25 Jahren (unten). Von links: Peter Seipt, Michael Nigg, Shook, Jo Corda und Jürgen Nils Möller.

The Seer hat schon im Vorprogramm von ZZ-Top und Joe Cocker gespielt. Auch 25 Jahre nach ihrer Gründung ist die Augsburger Rockband noch viel unterwegs.

Novembermorgen im Kaffeehaus Thalia. Eigentlich keine gute Tageszeit für Rockmusiker. Aber Michael Nigg und Jürgen Seipt-Wunderwald, den seine Fans nur als „Shook“ kennen, machen einen ausgeschlafenen und konzentrierten Eindruck. Sie sind die Botschafter von The Seer, einer Augsburger Rockgruppe mit erstaunlicher Biografie. Zwischenzeitlich war sie sogar international im Geschäft. Vor kurzem veröffentlichten die Augsburger ihr zehntes Album und kündigten spezielle Jubiläumskonzerte an. Denn Augsburgs erfolgreichste Rock-Band feiert 25. Geburtstag.

Gratuliere, Sie haben es in Ihrer Karriere immerhin zu einem Wikipedia-Eintrag gebracht. Das schafft nicht jede Rockband. Worauf sind Sie stolz?

Shook: In erster Linie, dass wir uns „in guten wie in schlechten Tagen“ treu geblieben sind, und – so denken wir – nie die Bodenhaftung verloren haben – auch nicht in den stürmischen Jahren. Wir durften so viele tolle Dinge erleben: Konzerte, Tourneen, Aufnahmen in amtlichen Studios und Kontakte zu großartigen Musikern.

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Sie gelten nach wie vor als großartige Live-Band. Warum ist es nach so langer Zeit noch immer cool, auf der Bühne zu stehen und sich die Seele aus dem Leib zu spielen?

Nigg: Live hat diese Band einfach ihre größten Stärken. Wir sind zwar alles andere als perfekt, fühlen uns aber auf der Bühne sehr sicher – und das macht Spaß. Wir hatten ja auch genügend Zeit, uns einzuspielen.

Shook: Auf die Bühne zu gehen, gehört zu den Dingen, die nie langweilig werden. Es ist immer aufregend zu warten, dass das Licht im Saal ausgeht. Jedes Konzert ist anders, einzigartig – besonders bei uns. Denn wir spielen auf Riesenbühnen, aber auch in Clubs, wo die Leute nur einen halben Meter entfernt stehen.

Sie haben fast 1000 Konzerte gespielt und 150000 CDs verkauft. Konnten Sie von der Musik leben oder mussten Sie dazuverdienen?

Shook: Wir standen öfter vor der Entscheidung, Profis zu werden, haben uns aber immer bewusst dagegen entschieden – auch wenn es nicht immer leicht war, beide Welten unter einen Hut zu bekommen.

Erzählen Sie...

Shook: Gerade in der Zeit zwischen 1997 und 2002 gab es Jahre mit CD-Produktion, Promotion-Tour und mehr als 70 Konzerten, unzählige Nachtfahrten über deutsche Autobahnen. Aber keiner jammerte, wenn mal nur wenige Stunden Schlaf raussprangen. Wer so etwas nicht will, muss es halt sein lassen.

Nigg: In den letzten Jahren haben wir unsere Auftritte aber deutlich dosiert, so dass es für alle passt und der Spaß im Vordergrund steht.

The Seer hat vor Superstars wie The Who, Joe Cocker oder Status Quo als Opener gespielt. Wer war am nettesten, und wer ließ das A... raushängen?

Nigg: Ja, wir haben in den ganzen Jahren viel Support gespielt – bewusst –, weil es uns immer gutgetan hat, wir dadurch neues und größeres Publikum erreichen konnten und es ein guter Gradmesser ist, vor Leuten zu spielen, die ihr Ticket nicht wegen uns gekauft haben. Wir wurden aber immer gut und auf Augenhöhe behandelt. Shook: Es war schön zu entdecken, dass Stars auch Menschen mit vielen ähnlichen Themen und auch Problemen sind – und je erfolgreicher und berühmter sie waren, desto unkomplizierter war es in der Regel. Toto, Peter Gabriel, Simple Minds, ZZ-Top und viele andere – mit denen redest du ganz normal.

Unglaublich! Gibt es ein Erfolgsrezept, wie Sie die „Rolling Stones aus Augsburg“ werden konnten?

Shook: Den Beinamen habe ich noch nicht gehört! Ist das als Kompliment gemeint?

Klar...

Shook: Dass wir so lange zusammengeblieben sind, liegt sicher auch daran, dass wir unser Bandprojekt immer sehr entspannt angegangen sind. Aber wir haben uns – soweit möglich – keinen Druck gemacht, den wir nicht auch wollten.

Nigg: Zumindest hatten wir nie unrealistische Erwartungen – das schützt vor zu großen Enttäuschungen. Man sollte die eigene Band, seine Musik oder gerade auch Erfolge niemals überbewerten. Aber natürlich schweißt es auch zusammen und motiviert, wenn sich Erfolg einstellt – keine Frage.

Geilstes Lied, geilstes Konzert?

Shook: Fünf Musiker – fünf Antworten… Mein liebster Song ist „Nothing else“ von unserem Album „Arrival“. Der bleibt für mich immer frisch und geht ab.

Nigg: Bei den Konzerten ist es ähnlich – man könnte hier aber unser erstes Konzert auf der Insel, in einem Club in London nennen – für eine deutsche Band, die englisch singt, dort aufzutreten ist – sagen wir mal – durchaus spannend. Aber es flogen keine Becher (er lacht).

Sie behaupten, Sie seien stolz darauf, in dieser langen Zeit nie den Blick aufs Wesentliche verloren zu haben. Was ist denn „das Wesentliche“?

Shook: Das Wesentliche ist sicher, dass man authentisch ist und sein eigenes Ding macht. Wir haben nie irgendjemand nachgeeifert und gesagt, dass wir jetzt mal einen Song machen, der so klingt wie von XY. Und man muss Lust haben, neue Musik zu schreiben. Wenn du immer dieselben Songs spielst, geht die Faszination verloren.

Nigg: So lange es diese Band gibt, werden wir Songs schreiben und an neuem Material arbeiten – da bin ich mir sicher.

Sie sind sich in all den Jahren im Grunde stets treu geblieben. Haben Sie auch mal Lust verspürt, einen neuen Stil zu testen?

Nigg: Wir denken, dass wir uns immer weiterentwickelt und auch verändert haben. Schon unser drittes Album „Liquid“ hatte viel Neues für eine Band, die immer wieder mit Folkeinflüssen in Verbindung gebracht wurde. Loops, Samples und all das. Und auch danach haben wir bei jedem Album versucht, neue Ideen und Einflüsse zuzulassen. Aber klar: Im Kern klingt es immer nach uns – und das ist gut so!

Hatte die Tatsache, dass Sie aus Augsburg kommen, Einfluss auf die Karriere?

Shook: Ein Vorteil war, dass Augsburg überschaubar ist. Wenn man Anfang der 90er im Clochard, Wespennest oder im Spectrum aufgetreten ist, konnte man schnell Fans dazugewinnen. Da funktionierte die Mundpropaganda noch. Ja, und plötzlich waren wir Local Heroes!

Was haben Sie sich für die Fans zum Jubiläum einfallen lassen?

Shook: Zum einen haben wir vor kurzem ein „Best of“-Doppel-Album auf dem Markt gebracht, das wir zu diesem Anlass unbedingt realisieren wollten. Nigg: Außerdem wird es spezielle Konzerte geben. Aber zu viel wollen wir nicht verraten. Wir wollen die Leute ja überraschen. Nur so viel – es wird eine Zeitreise werden, und wir werden Songs spielen, die wir lange nicht mehr im Programm hatten. Da haben einige Juwelen ein paar Jährchen geschlummert. Interview: Josef Karg

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