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Augsburg

07.03.2018

Die Augsburger Tafel braucht dringend Helfer

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2 Bilder
Ehrenamtliche bestücken die Ausgabestellen der Augsburger Tafel – hier die Einrichtung in Oberhausen – mit Lebensmitteln.
Bild: Annette Zoepf

Der Verein versorgt 4500 Bedürftige, manche von ihnen dauerhaft. Dies kann er mit dem vorhandenen Personal nicht bewältigen.

Die Augsburger Tafel, die derzeit rund 4500 Bedürftige mit Lebensmitteln versorgt, ist ohne Weiteres mit einem mittleren Handelsbetrieb zu vergleichen. Es sind Mitarbeiter nötig, um die Waren mit Transportern heranzuschaffen, sie zu lagern, aufzubereiten und dann an sechs Ausgabestellen (eine davon befindet sich in Stadtbergen) zu verteilen. Dort sorgen dann Verkäuferinnen – so nennt sie Vorsitzender Fritz Schmidt tatsächlich – dafür, dass sie an die Kunden ausgegeben werden können. Der große Unterschied war bisher: Bei der Tafel wurden alle diese Arbeiten ehrenamtlich erledigt.

Schüler machen Praktika

Das hat sich seit Kurzem geändert. Mit Freiwilligen und ganz wenigen geringfügig Beschäftigten kann der Betrieb nicht mehr aufrechterhalten werden. Deshalb ist Schmidt froh, dass er nun auf andere Kräfte zurückgreifen kann: Das Jobcenter schickt seit einem halben Jahr Langzeitarbeitslose, die hier im Rahmen der Wiedereingliederung tätig sind; vom Gericht kommen Leute, die zu Arbeitsleistungen verurteilt wurden; auch von der Drogenhilfe Schwaben oder dem Verein Die Brücke sowie im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes bekommt er mitunter Mitarbeiter. Und Realschüler machen hier jeweils eine Woche lang obligatorische Praktika.

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Für die Arbeit ist nicht jeder geeignet. Vor allem für die Fahrer ist es kein ausgesprochenes Vergnügen. Sie müssen nicht nur bei Wind und Wetter die Lebensmittelmärkte abfahren, die Waren mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum zur Verfügung stellen. Die Kisten und Paletten, die 25 Kilo schwer sein können, müssen auch geschleppt und in den Wagen gehoben werden. Manche Freiwillige machen das einige Male und geben bald wieder auf, auch weil sie das teilweise körperlich gar nicht schaffen. Schmidt sagt, dass auch einige der neuen Kräfte sich nach kurzer Zeit entschuldigen oder einfach wegbleiben.

Fürstenfeldbruck gibt Ware ab

„Gott sei Dank finden wir immer Leute, die einspringen können. Als Mitarbeiter der Tafel muss man generell ziemlich flexibel sein“, sagt der Zweite Vorsitzende und Leiter der Logistik, Peter Gutjahr. „Vorhin rief die Tafel Fürstenfeldbruck an: ,Wir haben gerade sehr viele Waren bekommen – viel mehr, als wir brauchen. Wollt ihr etwas davon abholen?‘ Und da fährt dann gleich jemand von uns hin.“

Die Augsburger Ausgabestellen befinden sich in Oberhausen-Nord (im Hirtenmahdweg ist in einem Gebäude der LEW die Tafel-Zentrale), in der Pfarrei St. Konrad im Bärenkeller, der Pfarrei Maria Hilf in Stadtbergen (gehört aus historischen Gründen zu Augsburg), in der Evangelisch-methodistischen Gemeinde am Lauterlech 49, in der Curtiusstraße in Lechhausen und in der Merowinger Straße in Göggingen. Grundsätzlich wäre es wünschenswert, wenn es mehr Stellen oder längere Öffnungszeiten gäbe, aber mehr ist für den Verein personell nicht zu schaffen. Die Lage hat sich aber laut Schmidt seit 2015/16 etwas entspannt. Die Schlangen vor den Tafelläden sind wieder etwas kürzer geworden, da damals viele Asylbewerber kamen, die zum Teil heute nicht mehr in Augsburg sind.

Manche Kunden schämen sich

Die meisten Ausgabestellen öffnen einmal pro Woche; in Göggingen sind es zwei Tage, in der Zentrale und in Lechhausen drei Tage. Der größte Andrang herrscht laut Schmidt in Oberhausen-Nord, obwohl dort ein Gewerbegebiet ist und nur wenige Kunden in der Nähe wohnen dürften. Aber viele wollten beim Anstehen bei der Augsburger Tafel aus Scham nicht gesehen werden, und deshalb besuchten sie die Tafel in ihrer Nähe gerade nicht.

Die Berechtigten zahlen pro Besuch eine Grundgebühr von zwei Euro. Auch das hat seinen besonderen Sinn: „Was nichts kostet, ist auch nichts wert“, sagt Schmidt. In jeder Ausgabestelle sind Tische in U-Form aufgestellt; jeder geht da einmal entlang und darf sich von allem etwas mitnehmen. Die Kunden kalkulieren beim Befüllen ihrer Tasche: Werden ihnen zum Beispiel zwei Brotlaibe angeboten, dann lehnen viele den zweiten ab – später gibt es vielleicht noch etwas Besseres, und dann soll die Tasche nicht schon voll sein. Was häufig fehlt, sind Frischwaren, also Obst und Gemüse. Infolge ausgefeilterer Logistik sind diese Waren in den Märkten seltener übrig als früher. Gebraucht werden übrigens auch Körperpflegemittel und Babyartikel – die werden selten abgegeben, da sie nicht verderben können. Die Augsburger Tafel darf so etwas nicht zukaufen, aber sich spenden lassen. Nicht selten erhalte er Spenden von Leuten, denen die Tafel selbst einmal geholfen hat, eine Durststrecke durchzustehen, sagt Gutjahr.

Armut ist relativ

Die Vorstellung, dass die Kunden ohne die Tafel verhungern würden, ist falsch. Aber es gibt Menschen, denen auch Grundbedürfnisse wie Nahrungsmittel ein tiefes Loch in die Haushaltskasse reißen können. Armut ist in Deutschland relativ. Derjenige gilt als arm, der weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens hat. Wenn da die Tafel hilft, bleibt vielleicht Geld übrig, um etwas für Notfälle beiseitezulegen oder etwas anzusparen. Wie Gutjahr sagt, gab es einmal Unmut, weil sich eine Frau, die regelmäßig zur Tafel kam, die Fingernägel rot lackierte. „Aber es erhöht das Selbstwertgefühl, wenn man sich auch mal so etwas leisten kann.“

Ursprünglich war die Tafel nach Aussage von Schmidt dazu gedacht, eine kurze Phase der Bedürftigkeit zu überbrücken, vielleicht nur ein oder zwei Tage. Aber die meisten brauchen sie heute dauerhaft. Vor zwei Jahren waren es noch 5000 Berechtigte, als das Land sehr viele Flüchtlinge aufnahm. Auch sie können die Tafel in Anspruch nehmen. Die Situation hat sich, wenn man so will, wieder etwas entspannt. Anders stellt sich die Situation derzeit in Essen dar, wo die Tafel auf Konflikte und Rangkämpfe reagierte, indem sie die Berechtigungsscheine anders als ihre Ausburger Schwester vorübergehend nur an Bedürftige mit deutschem Pass ausgibt. Manche kritisieren, durch die Tafeln würden Menschen in Armut gehalten, und es wäre die Aufgabe des Staates sicherzustellen, dass alle Bürger zumindest genug zum Leben haben. Aber so denken Schmidt und Gutjahr nicht. „Viele wären froh, wenn sie nicht kommen müssten. Es gibt aber auch viele, die kommen nicht, obwohl sie es nötig hätten.“

So kann man mitmachen

Wer bei der Augsburger Tafel mitarbeiten möchte, kann sich unter Telefon 0821/313331 melden oder besser noch im Hirtenmahdweg persönlich zu einem Gespräch vorbeikommen (geöffnet mittwochs und donnerstags von 13 bis 17 Uhr und freitags von 12 bis 16 Uhr). Im Internet: www.augsburger-tafel.de

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