Forschung

07.03.2013

Die Banknoten-Affäre

Der Historiker Yehuda Shenef hat einen Wirtschaftskrimi aus dem 19. Jahrhundert ausgegraben. Warum drei jüdische Geldverleiher aus der Region der Fälschung beschuldigt wurden

Kriegshaber, Steppach und Pfersee – das waren die damals vorderösterreichischen Gemeinden im Westen Augsburgs, in denen sich Juden nach ihrer Austreibung aus der Freien Reichsstadt Augsburg am Ende des Mittelalters ansiedelten, wo sie bis ins 19. Jahrhundert lebten und arbeiteten. Erst im Herbst 1803 erlaubte die Stadt den Besitzern der jüdischen Bankhäuser Ullmann, Obermayer und Caula, sich wieder in der Stadt anzusiedeln – nicht aus Menschlichkeit, sondern weil sie deren Geld brauchte, um ihre Schulden zu bezahlen. Diese für das schwäbische Judentum positive Entwicklung der offiziellen Rückkehr in die Stadt wurde jedoch begleitet von Anschuldigungen und Kriminalisierungen. Von der sogenannten „Banknoten-Affäre“ berichtet der Jüdisch Historische Verein Augsburg in einer neuen Publikation.

Nach den Beschuldigungen saßen die Vorsteher monatelang in Haft

Der aus Israel stammende Historiker Yehuda Shenef hat für den Verein den Bericht des Pferseer Rabbiners Ber Ulmo (1751 bis 1837) aus dem Hebräischen übersetzt und kommentiert. Ber Ulmo – oder Bernhard Ullmann – gehörte zur großen Familie Ullmann und war Vorsteher der jüdischen Gemeinde von Pfersee sowie Geldverleiher. Im Herbst 1803 wurden er sowie die Gemeindevorsteher von Kriegshaber und Steppach denunziert, sie hätten Banknoten gefälscht und in Umlauf gebracht. Ber Ulmo und seine Kollegen saßen monatelang in Haft im Günzburger „Eisenhaus“ und im Donauwörther Gefängnis, bevor sie rehabilitiert wurden.

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In seinem 1804 verfassten Bericht spricht Ber Ulmo von „Angst und Schrecken“, als während des Schabbat-Gottesdiensts plötzlich ein Kommando kaiserlicher Soldaten in den Hof der Synagoge stürmte und die versammelten Männer verhaftete. In bitteren Worten schildert er die Aktion des „Verleumders Löb“ aus Steppach, berichtet aber auch von der Anteilnahme der kaiserlichen Beamten. Bis zum April 1804 zog sich die Haft hin, dann endete der Prozess mit einem Freispruch für die Vorsteher.

Ein Krimi also, der die jüdische Geschichte des frühen 19. Jahrhunderts illustriert. Interessant erscheint die Banknoten-Affäre im Zusammenhang mit der Politik der Stadt Augsburg, den Bankiers aus den Umlandgemeinden für Geld das Zuzugsrecht nach Augsburg zu gewähren. Nach der Schilderung von Yehuda Shenef verweigerten die Bankleute zunächst die Zahlungen und verhandelten hart mit der Stadt. Erst nach den Verhaftungen machten sie großzügigere Angebote. Damit wäre die Affäre als keineswegs legales, aber sehr effektives Druckmittel von Seiten Augsburgs zu bewerten. Shenef geht detailreich darauf ein, welche Rolle dabei der Denunziant Henle Löb spielte, und ob zwei der Bankiers, Jakob Obermayer und Veit Caula, etwa durch Bestechung der Verhaftung entgingen. Und ebenso minutiös schildert er den langen Weg, den das hebräische Manuskript des Rabbis Ber Ulmo nahm, bevor es jetzt wieder in Augsburg zu lesen ist.

Der Jüdisch Historische Verein konzentriert sich laut seiner Sprecherin Margit Hummel auf die Erforschung der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen jüdischen Geschichte in der Region. So hat Yehuda Shenef die jüdischen Friedhöfe dokumentiert, etwa auf der Website www.alemannia-judaica.de und in einem soeben erschienenen neuen Buch über den Augsburger Judenkirchhof. Darin interpretiert er etwa die Grabungsfunde, die beim Bau der neuen Stadtbücherei gemacht wurden, als mögliche Überreste eines jüdischen Friedhofs zwischen der heutigen Steingasse und der Grottenau. Er erläutert Grabinschriften und bietet Einblicke in die Familiengeschichte der Augsburger Juden des Mittelalters.

"Yehuda Shenef: Der Augsburger Judenkirchhof, Kokavim-Verlag, 176 Seiten, 29,50 Euro.

"Tage des Gerichts. Der Bericht des Ber Ulmo aus Pfersee. Übersetzt und kommentiert von Yehuda Shenef. Kokavim-Verlag, 151 Seiten, 24,50 Euro.

Aus dem Bericht des Rabbis Ber Ulmo wird Shenef am 21. März um 19.30 Uhr im Bürgerhaus Pfersee lesen.

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