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11.03.2010

Die Baumwollspinnerei am Stadtbach

Augsburg Im November des Jahres 1851 versandte das Augsburger Bankhaus Friedrich Schmid & Co. das Programm für eine geplante Baumwollspinnerei. Konzept und Kostenberechnungen waren derart überzeugend, dass in wenigen Tagen 70 Subskribenten das Kapital von 900 000 Gulden zeichneten. Am 10. November 1851 konnte sich die "Baumwollspinnerei am Stadtbach in Augsburg" als Aktiengesellschaft konstituieren. Am 9. Januar 1852 erhielten die Statuten die königliche Genehmigung. Nachdem Facharbeiter in der Schweiz, im Elsass und in Sachsen angeworben waren, konnte am 12. August 1853 das erste Garn gesponnen werden. Für den Standort der "Baumwollspinnerei am Stadtbach" war, wie es der Firmenname ausdrückt, der Lechkanal ausschlaggebend. Die Nutzung der Wasserkraft durch diese Fabrik war derart beispielhaft, dass dies Thema eines separaten Berichtes im "Augsburg-Album" sein wird.

VON FRANZ HÄUSSLER

Um 1865 war das Unternehmen die größte deutsche Spinnerei mit 1228 Arbeitern und 95 762 Spindeln sowie einem Umsatz von rund fünf Millionen Gulden. Wie das Geschäft mit Garnen "Made in Augsburg" boomte, zeigt die Ausschüttung von 25 Prozent Dividende im Jahre 1868. Da konnte es sich die AG wahrlich leisten, durch verstärkte Sozialleistungen "dem Eindringen sozialistischer Tendenzen vorzubeugen" und ab 8. November 1869 die tägliche Arbeitszeit von 13 auf 12 Stunden (an sechs Tagen pro Woche!) zu verkürzen. Sie sank erst 1889 auf 11 Stunden. Zudem verbesserte die Firma das Sozialklima mit dem Bau eines Speisehauses in der Wohnkolonie aus 15 Häusern. 1872 kaufte sie die Wolfzahnau-Wirtschaft und ließ sie zu weiteren Arbeiterwohnungen umbauen.

Kraftstrom zum Antrieb der Maschinen

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1890 begann ein Erneuerungsprogramm: Sechs der zwölf Dampfkessel wurden durch vier neue Batteriekessel ersetzt. 1893 folgte die Umstellung der Beleuchtung der Arbeitssäle von Ölgas auf elektrisches Bogenlicht. Ab 1894 setzte man Kraftstrom zum Antrieb von Maschinen ein. Die gesamte elektrische Energie kam aus der Eigenerzeugung. Trotz hoher Investitionen verdiente die Stadtbachspinnerei gut: 1896 schüttete sie eine Dividende von 17,5 Prozent auf 3,428 Mill. Aktienkapital aus! Im Reservefonds lagen weitere 2,15 Millionen. Zum 50. Firmenjubiläum 1903 lag eine erfreuliche Bilanz vor: Mit 945 Beschäftigten und 143 318 Spindeln verarbeitete man im Jubiläumsjahr 24 521 Ballen Rohbaumwolle zu 4,72 Mill. Kilogramm Garnen.

Alle Beschäftigten erhielten 1903 eine ansehnliche Gratifikation und eine mit 100 000 Mark ausgestattete Witwen- und Waisen-Unterstützungskasse wurde begründet. Zu diesem Zeitpunkt wohnen 328 Beschäftigte mit ihren Angehörigen (insgesamt 715 Personen) in 164 Wohnungen des 33 Gebäude umfassenden "Arbeiterquartiers". Zwischen 6 und 15 Mark beträgt die Monatsmiete (Durchschnittsmonatslohn: 56 Mark). Kindergarten und Badehaus mit Wannen- und Brausebädern stehen in der Kolonie zur Verfügung. Zum 75-jährigen Firmenjubiläum 1928 errichtete die Spinnerei abermals Wohnbauten. Sie zählen neben den Kraftwerken zu den voluminösesten Hinterlassenschaften der "Baumwollspinnerei am Stadtbach AG". Sie produzierte 1928 mit 2300 Beschäftigten in zwei weiteren Werken: der Wertachspinnerei (1914 als "Werk II" angegliedert) und der Senkelbachspinnerei ("Werk III"). Das noch stehende 70 Meter lange Hauptgebäude der Wertachspinnerei vis-à-vis dem Plärrer wird jetzt von einem Möbelhaus genutzt.

1930 übernahm der Dierig-Konzern von einem Schweizer Industriellen 93 Prozent der Aktien der Stadtbachspinnerei. Sie war immer noch eine der größten deutschen Baumwollspinnereien. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Stammwerk am Stadtbach fast vollkommen durch Bomben zerstört, doch 1948 rotierten in Neubauten bereits rund 170 000 Spindeln im Doppelschichtbetrieb. Obwohl das Werk nach und nach zu einer hochmodernen Rotorspinnerei ausgebaut worden war, erwies es sich in den 1990er Jahren im internationalen Wettbewerb als nicht mehr konkurrenzfähig: Die Produktion lief 1997 aus. Der Abbruch von Fabrikgebäuden hatte bereits 1996 begonnen, 1998 war das Gelände geräumt. Darauf vollzog sich umgehend ein Branchenwechsel. 1999/2000 platzierte Haindl-Papier (seit Mai 2001: "UPM Kymmene") auf dem früheren Spinnereiareal die modernste und leistungsfähigste Papiermaschine der Welt.

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